05.10.2010 · Vor drei Monaten war das Schulzeugnis ihr größtes Problem. Wie sollte Maureen auch wissen, dass sie zum Shooting-Star des Buchmarkts werden würde? Sie hatte ja noch nicht einmal ein Buch geschrieben. Erste Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zum großen Branchentreffen.
Von Annette MingelsDas bin jetzt also ich: Maureen, die Agenten-Tochter. Der Shooting Star des Buchmarktes. Achtzigtausend verkaufte Exemplare! Nach nur drei Wochen! Das macht allein an Tantiemen zweihunderttausend Dollar. Und das ist erst der Anfang. Sagt Lenny, und der muss es wissen. Lenny ist mein Agent. Wenn mir jemand vor drei Monaten gesagt hätte, dass ich bald einen Agenten haben und als Buchautorin herum reisen würde, hätte ich gelacht. Klar, hätte ich gesagt, träum' weiter. Vor drei Monaten ging gerade das Schuljahr zu Ende, und mein größtes Problem war, dass ich es noch irgendwie schaffen musste, ein halbwegs erträgliches Zeugnis hinzukriegen. Als damals die ganze Geschichte um meine Eltern aufflog, war ich vor allem eins: mindestens so überrascht wie sie.
Natürlich habe ich nicht gewusst, dass meine Eltern Spione waren. Wie auch? Mein Vater arbeitete als Anzeigenverkäufer bei „Reader's Digest“. Ich weiß, dass seine Eltern in England lebten und dass er da geboren wurde, aber wir sind nie hingefahren, und Fotos aus seiner Kindheit besaß er auch nur wenige. Meine Mutter war Sekretärin bei einem Rechtsanwalt in Manhattan. Sie ist in Belgien aufgewachsen, in einem Dorf, das halb französisch und halb flämisch sprach. Ihre Familie hatte dort eine Schneiderei. Die Großeltern waren dick wie Klopse, und bevor ich geboren wurde, waren sie schon tot. Meine Eltern haben sich in London kennengelernt, in einem Typographie-Kurs an der Abendschule. Sie haben geheiratet, weil ich unterwegs war, und dann sind sie nach Amerika ausgewandert. Das ist zumindest das, was sie uns erzählten. Keine Ahnung, ob irgendwas daran stimmt. Offenbar sind ja sogar ihre Namen nicht echt. Cynthia und Richard Murphy. Alles Quatsch. Was bedeutet, dass ich nicht mal weiß, wie meine Schwester und ich nun eigentlich heißen. Rory und Maureen - und weiter? Also, noch mal zum Mitschreiben: Ich habe echt nichts gewusst. Ich wurde genauso verarscht wie Sie. Sogar noch mehr. Und dass ich jetzt als Autorin dieses Buches auftrete, ist natürlich auch nicht auf meinem Mist gewachsen.
Mein Vater hat die ganze Sache eingefädelt. „Damit ihr genug Geld habt“, hat er gesagt, als ich ihn in der Untersuchungshaft besuchte. Beim Agenten lag das Manuskript bereit. Mein Vater muss jahrelang daran gearbeitet haben. Vielleicht hatte er geahnt, dass die Tarnung nicht ewig währen würde? Lenny musste nur noch die Briefmarken aufkleben und alles auf den Weg bringen. Alle vier Verlage bissen sofort an, am Ende nahmen wir den, der am meisten bot. Ein paar Tage später traf ich den Verleger und den Lektor. Dann wurde ich fotografiert. Und dann fing ich erst einmal an, mein eigenes Buch zu lesen.
Fortsetzung folgt
Die Autorin, Jahrgang 1971, lebt seit 2009 in Montclair, New Jersey. Soeben ist bei Dumont ihr Neuer Roman „Tontauben“ erschienen.