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Fortsetzungsroman (1) Frankfurter Verknotung

14.10.2009 ·  Um den Ratingstatus seines Couchsurfer-Profils zu verbessern, beherbergt Oliver Maria Schmitt während der Frankfurter Buchmesse den chinesischen Dissidenten Bu Yao auf der heimischen Liege. Ein folgenschwerer Schritt. Erste Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zum großen Branchentreffen.

Von Oliver Maria Schmitt
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Um den Ratingstatus seines Couchsurfer-Profils zu verbessern, beherbergt Oliver Maria Schmitt während der Frankfurter Buchmesse den chinesischen Dissidenten Bu Yao auf der heimischen Liege. Ein folgenschwerer Schritt. Erste Folge unseres F.A.Z.-Fortsetzungsromans zum großen Branchentreffen.

„Der Dissident saß auf meiner Couch, nagte noch immer an seinem Stück Nutella-Bisquit-Torte und sagte: „Lao Ou! Dieser westliche Kuchen, er schmeckt nicht herrlich!“

„Dafür ist er aber total billig! Der DuMont-Verlag hat gleich neunzig Einheiten bei mir bestellt!“

„Mao sagt: Mondkuchen ist der beste Kuchen.“

Allmählich begann Bu Yao zu nerven. Mein Essen schmeckte ihm nicht, dafür hatte er aber mein Handy okkupiert, und auch der Festnetzanschluss war dauernd belegt: Chinesen, die Unverständliches quakten, Deutsche, die sich die Expresslieferung von acht Kilo Schweinefüßen bestätigen ließen, Journalisten mit Interviewanfragen… - Bu Yao war der mit Abstand gefragteste Couchsurfer, den ich je hatte.

Gut, genau deshalb hatte ich ihm ja sofort zugesagt, als er letzte Woche per Email nach einer freien Couch in Frankfurt fragte. Für meine anstehende große Südamerikatour, bei der ich auf vielen fremden Couchen surfen wollte, musste ich dringend noch den Ratingstatus meines Couchsurfer-Profils verbessern. Bis jetzt hatte ich nur ein einziges Rating, von Linda aus Melbourne. Sie hatte mir als Dank für meine Gastfreundschaft ein nicht mehr löschbares „boring old fart“ als Bewertung hinterlassen. Nur weil ich keinen der Clubs kannte, für deren Besuch sie eigens angereist war.

Da hoffte ich mit diesem Dissidenten mehr Glück zu haben. Anfangs war er sehr schüchtern und zuvorkommend, sein Deutsch war überraschend exquisit. Er erzählte von seiner Liebe zu China, vom Kampf mit den Behörden, außerdem fragte er nicht nach Club-Empfehlungen. Gegen 22 Uhr bestieg er die Couch. Gestern morgen weckte er mich mit leisem Geschepper und einem betörenden Duft. Es gab original chinesisches Frühstück, das er mit Bunsenbrennern in seinem Zimmer zubereitete hatte (meinem Induktionsherd traute er nicht): hundertjährige Eier, in Pfannkuchen eingewickelte Schweinefüße und irgendwas schleimiges Braunes, das aber köstlich schmeckte.

„Kennst du eigentlich Ai Weiwei?“, fragte ich. „Der ist doch auch Dissident, ich hab ihn im Fernsehen gesehen, in einem deutschen Krankenhaus.“

„Hihi, der sollte sich lieber Au Wehweh nennen.“ Dann wurde sein Blick strenger. „Er ist kein guter Chinese, glaube mir, Lao Ou!“. Er nannte mich nur Lao Ou, „alter Ou“, weil er meinen Vornamen nicht aussprechen konnte. „Echte Dissidenten wie ich wollen diesen Mann absolut meiden!“

Als es an der Tür klingelte, drückte er eilig auf den Öffner. Sehr brav, dass er den Mülleimerleuten aufmachte, dachte ich. Es waren aber keine Müllmänner, sondern mehrere Frauen und Männer, alles Chinesen. Sie fielen schmatzend über das Frühstück her, anschließend wurde wie wild telefoniert. Bu Yao hatte meine Wohnung zu seiner Einsatzzentrale gemacht.

Mir wurde das alles zuviel, ich war schon kurz davor, die Menschenrechtsfrage anzusprechen - da zog aus heiterem Himmel in meiner Küche eine kleine Wolke auf, die mich sprachlos machte.

„Ni hao, ich heiße Xiao Yun“, sagte sie. „Das bedeutet 'kleine Wolke‘“. Sie ließ ein Lächeln aufgehen, das mir kleine Schweißwolken abnötigte und erklärte, dass sie wichtiges Dissidentenzubehör für Bu Yao dabei habe. Sie fragte nach dem Teekocher. Doch als ich sie von meiner Nutella-Bisquit-Torte probieren ließ, wollte sie sofort das Rezept und hatte nur noch Mandelaugen für mich.

„Ich habe gehört, Bu Yao und du, ihr geht morgen auf die Buchmesse. Bist du Schriftsteller?“

„Nein, überhaupt nicht. Ich mache Budget Catering, ich besorge Speisen und Getränke für Partys und Events, ich bin immer günstiger als alle anderen.“

„Das ist toll.“

„Ja, finden die Verlage auch. Dieses Jahr kann ich mich vor Aufträgen nicht retten. Je billiger, desto besser. Morgen beliefere ich Bertelsmann mit Aldi-Prosecco, den muss ich vorher noch in Moët-Magnumflaschen umfüllen. Dass Bu Yao mitkommt, wusste ich gar nicht.“

„Er möchte unbedingt andere Dissidenten kennenlernen. Sag, mal, diese Leute hier …“. Sie kramte einen Zettel aus ihrer riesigen, kartoffelsackgroßen Handtasche und las stockend vor: „Sa-Le-Man Lu-She-Di, Ke-Li-Stof Se-Lin-Gen-Sif, Ma-Ke-Sim Bi-la, Gun-Ta Ge-La-Su? Kennst du die?“

„Salman Rushdie? Schlingensief? Maxim Biller, Günter Grass? Klar kenn ich die, also die Namen. Persönlich aber nicht.“

„Sie sind einflussreichste Gegenstimmen, nicht wahr? Ich würde sie gerne persönlich treffen.“ Das war Bu Yaos Stimme, er war in die Küche gekommen und hielt mir vorwurfsvoll mein Handy hin. Der Akku war leer. „Das ist sehr bedeutungsvoll für mich, Lao Ou!“

„Dann kommt doch heute Abend mit zur Rowohlt-Party! Das ist eigentlich die wichtigste Feier der Messe. Ich muss dort Mohnfischli, Chips und vierhundert Kästen 'Keller Geister‘ abliefern. Wenn ihr mir helft, kann ich euch als Servicepersonal einschleusen.“

Bu Yao lächelte freundlich und eilte zum Telefon. Xiao Yun umarmte mich sogar, ich fühlte mich wie auf Wölkchen Sieben, doch da rutschte ihr Handtaschensack vom Küchentisch, es klirrte und krachte, Metallteile und Drähte wurden sichtbar, mit Pulver gefüllte Beutel, ein Wecker, Gläser mit Totenkopfaufklebern rollten umher.

Ich war verblüfft. „Was hast du denn damit vor?“

„Oh, hihihi“, lachte die kleine Wolke, sonnig und hell. „Nichts Großes. Wir planen nur einen kleinen Anschlag.“

Fortsetzung folgt

Der Autor, Jahrgang 1966, lebt und schreibt in Frankfurt. Für die Reportage über seinen Auftritt als türkische Autorenhoffnung Ertugrul bei der vergangenen Buchmesse erhielt er den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor. Sein jüngstes Werk ist „Der beste Roman aller Zeiten“.

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