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Vor der Buchmesse China im Quadrat

28.09.2009 ·  Der Dialog hat begonnen, doch so mancher Stolperstein liegt noch auf dem Weg: Es wird wohl die spannendste Buchmesse seit Jahren. Was erwartet uns anlässlich des Ehrengastauftritts der Chinesen in Frankfurt?

Von Oliver Jungen
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Nachrichten aus dem ‚Reich des Bösen‘?“ lautet der Titel einer Diskussionsrunde zum Chinabild in den deutschen Medien am Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse. Es sollen dabei chinesische Beschwerden über eine unfaire Berichterstattung überprüft werden: Gibt es in Deutschland eine spezifische Voreingenommenheit gegenüber China? Der skandalisierende Furor, mit dem soeben über das der Messe vorausgehende Symposium „China und die Welt“ berichtet und gerichtet wurde, ohne die andere Seite auch nur anzuhören, scheint jedenfalls nicht dazu angetan, diese Befürchtungen zu entkräften.

Ein Beispiel nur: Liu Yongchun, der in Frankfurt als Ansprechpartner des chinesischen Organisationskomitees fungiert, scheint ehrlich erstaunt über einen Anruf. Bis jetzt nämlich habe ihn kein einziger Journalist zu seiner Einschätzung des Symposiums befragt, auch nicht zu den Erwartungen der Delegation, die immerhin zweitausend Personen – Verleger, Künstler, Journalisten – nach Frankfurt bringen wird. Hält Liu das Symposium denn nun für einen Erfolg? Er antwortet diplomatisch: Das sei immer schwierig zu definieren. Übersetzt heißt das: Einen Erfolg möchte er es nicht gerade nennen. Immerhin, so viel zur Erwartung, habe ein Dialog begonnen, wenn auch mit Disputen.

Als Repräsentant der Zensurbehörde GAPP koordiniert Liu das offizielle Programm, das neben Lesungen der auf Staatskosten eingeflogenen Autoren den Buchmarkt – sehr chinesisch – vor allem von der Marktseite her angeht: Drei hochkarätig besetzte Foren zur chinesischen Wirtschaft, zum internationalen Verlagsgeschäft und zum chinesischen Verlagswesen, die alle hinter verschlossenen Frankfurter Hoteltüren stattfinden, bilden den Auftakt. Mehr als hundert Fachveranstaltungen richten allein die chinesischen Verlage aus, auch diese oft mit wirtschaftlichem Fokus. Dazu gibt es viel zur chinesischen Tradition zu hören und sehen, vom Buchdruck bis zur Tuschemalerei.

Zwei deutlich separierte Programme

Nicht zu sehen sein wird im Delegationsprogramm der heute in Frankreich lebende Nobelpreisträger Gao Xingjian, der dafür im „Internationalen Zentrum“ (Halle 5.0) auf den ebenfalls in Europa lebenden Lyriker Yang Lian trifft. Auch die vielversprechende Diskussionsrunde „Demokratie ist eine gute Sache“ über neue Essays chinesischer Intellektueller findet nicht im offiziellen „China Forum“ (Halle Forum) statt, sondern im offenen „Forum Dialog“ (Halle 6.1). Schon ganz undenkbar scheint es, dass sich jemand aus der offiziellen Delegation zu der Veranstaltung „Meinungsfreiheit – Freiheit des Wortes – Freiheit der Veröffentlichung“ am Mittwoch verirrt, an der unter anderem das deutsche P.E.N.-Zentrum beteiligt ist und wo ein Vertreter des uigurischen P.E.N. sprechen wird.

Es wird also zwei recht deutlich separierte Programme zum China-Schwerpunkt auf dieser Buchmesse geben, beide etwa zweihundertfünfzig Veranstaltungen umfassend. Hat man das Symposium noch in gemeinsamer Anstrengung auf die Beine zu stellen versucht, so werden von nun an das chinesische Komitee sowie die nichtchinesischen Institutionen, Verlage und die sich in diesem Jahr stark engagierende Stadt Frankfurt ihre Veranstaltungen ohne Mitsprache des jeweils anderen abhalten. Immerhin ist es nicht so, dass das nichtoffizielle, zu einem guten Teil von der Buchmesse koordinierte Programm ausschließlich kritisch wäre. Umgekehrt bringt die Delegation mit Mo Yan und Yu Hua auch Autoren nach Deutschland, die sich selbst im offiziellen Rahmen nachdenklich äußern dürften.

Und doch sind die Differenzen der beiden Programme deutlich. Der Höhepunkt der kritischen Veranstaltungen ist der letzte Tag der Messe, an dem die Gesellschaft für bedrohte Völker eine Diskussion über verfolgte Autoren in China veranstaltet, an der die Präsidentin des Weltkongresses der Uiguren, Rebiya Kadeer, teilnimmt. Es folgen zwei Veranstaltungen zu chinesischen Repressionen gegenüber tibetischen Autoren, an denen auch der Sondergesandte des Dalai Lama, Kelsang Gyaltsen, beteiligt ist. Zeitgleich wird Ai Weiwei auf dem blauen Sofa wohl kein gutes Haar am chinesischen Staat lassen. Dass sich die chinesische Delegation indirekt all dem aussetzt, scheint schon beachtlich. So könnte auf der Metaebene doch so etwas wie ein Diskurs zwischen der Eigen- und der Fremdwahrnehmung Chinas entstehen.

Direkt dem Staatsrat unterstellt

Es fällt allerdings auf, dass just an den interessantesten unabhängigen Veranstaltungen über Demokratie in China Vertreter der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS) teilnehmen. Das ist prinzipiell verständlich, handelt es sich doch um die führende chinesische Forschungsinstitution auf dem Gebiet der Philosophie und Sozialwissenschaften. Andererseits ist sie direkt dem Staatsrat unterstellt. So heißt es auf der staatlichen Webseite etwas holprig, die wichtigste Aufgabe der Akademie sei es: „to make Marxism-Leninism, Mao Zedong thought and Deng Xiaoping theory as a guiding principle“. Allerdings habe die CASS staatliche Vorgaben schon früh zu unterlaufen begonnen, so die These einer neueren Studie von Margaret Sleeboom-Faulkner.

In der Tat sieht die Akademie selbst ihr Hauptziel heute darin, fremdes Wissen für die Entwicklung Chinas fruchtbar zu machen. Doch als Leitprinzip gilt eben auch: „to raise the ideological and moral levels“. Auf die Einhaltung des ideologischen Levels schien die CASS jedenfalls auf dem Frankfurter Symposium zu drängen, wo sie in beinahe jedem Panel vertreten war und, vorsichtig formuliert, Diskussionen eher verhinderte als stimulierte.

Vorsichtig geworden ist man in der Buchmessenorganisation. Anfragen zum Thema China beantworten nur noch der Pressesprecher Thomas Minkus sowie der Direktor Jürgen Boos, der im Gespräch die Buchmesse als „Plattform für verschiedene Standpunkte“ bezeichnet: „Wir sind keine politische Organisation.“ Man trete aber ohnehin nur noch zweimal mit dem Ehrengast gemeinsam auf die Bühne: bei der Eröffnungszeremonie und bei der Abschlussveranstaltung mit Weitergabe der „Gast-Rolle“ an Argentinien. Eine gemeinsame Pressekonferenz plane man nicht. Thomas Minkus weist derweil einen Bericht als „völligen Humbug“ zurück, wonach die Messe nun einer kritischen Tibet-Initiative doch erlaubt habe, ihre Flugzettel zu verteilen. Es sei immer klar gewesen, dass Protestumzüge keine Fluchtwege blockieren dürften. Man habe nun eine Lösung gefunden. Proteste, auch lautstarke, heißt Boos ausdrücklich willkommen.

Lernprozesse für beide Länder

Man sollte aber nicht stets die Menschenrechte im Rest der Welt verteidigen wollen, kritisiert der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer. So klar gesagt werden müsse, dass es polizeiliche Übergriffe in China gebe – wie in vielen anderen Staaten auch –, so falsch wäre es, deshalb ausgerechnet diejenigen vor den Kopf zu stoßen, die am weitesten auf uns zugingen, sich teils mit Deutschland identifizierten. Dabei müsse man doch froh sein, dass China die internationale Arena suche. So etwas wie den Auftritt in Frankfurt habe es im Prozess der kulturellen Öffnung des Landes noch nicht gegeben. Es stünden nun Lernprozesse für beide Länder bevor, die sicher schwierig seien, aber auch fruchtbar.

Dass sich die Delegierten im Falle des Symposiums überhaupt mit dem P.E.N. an einen Tisch gesetzt und letztlich sogar die Anwesenheit der Regimekritiker geduldet haben, findet auch Herbert Wiesner, der Generalsekretär des deutschen P.E.N., ermutigend. Insofern sei es durchaus richtig gewesen von Jürgen Boos, auf die Zensurbehörde zuzugehen. Wiesner hofft auf die Internationalisierung der chinesischen Literatur, was eine eigene Dynamik entfalten könne. Doch bei allen Kompromissen in Formfragen dürfe es kein Nachgeben bei der Forderung nach Meinungs- und Pressefreiheit geben. Für den Messefreitag ist eine Pressekonferenz anberaumt, auf der sich der deutsche P.E.N. gegen die willkürliche Inhaftierung des Präsidenten des chinesischen P.E.N., Liu Xiaobo, aussprechen wird. Boos betont in diesem Zusammenhang, er habe sich längst schon schriftlich für Liu eingesetzt, ein offizielles Statement der Buchmesse werde es aber nicht geben.

Das Gerangel um die Teilnahme der Regimekritiker Dai Qing und Bei Ling am Symposium dürfte indes nicht der letzte Stolperstein gewesen sein. Soeben wurde dem vom Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) eingeladenen Autor Liao Yiwu, der „Chinas Gesellschaft von unten“ porträtierte, verboten, nach Deutschland zu reisen. „Wir bedauern sehr, dass die chinesischen Staatsorgane vermeiden wollen, dass wir die Realität der Volksrepublik China in ihrer Komplexität abbilden“, sagt dazu der Intendant des HKW, Bernd Scherer.

Was man vermisst im ansonsten sehr vielseitigen Messeprogramm, ist ein größeres Forum für die Diskussion der sehr mutigen „Charter 08“, jenes Manifests aus der kulturellen und intellektuellen Mitte Chinas, das sich für freie Meinungsäußerung und freie Wahlen einsetzt und von offizieller Seite unterdrückt wird. Es war wohl sein Einsatz für dieses Manifest, der Liu Xiaobo ins Gefängnis brachte. In den Foren wird der Inhalt der „Charter 08“ aber sehr wohl Thema sein, ebenso wie im offiziellen Programm: Fragen stellen darf in Deutschland schließlich jeder. Eines ist gewiss: Es ist das spannendste Buchmessen-Programm seit Jahren.

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