11.09.2009 · Wenn die chinesische Delegation den Raum verlässt, dann verlässt sie ihn eben: Im Tauziehen um unerwünschte Teilnehmer eines Symposions hat das Gastland der Buchmesse eine Grenze überschritten.
Von Oliver JungenChinesen lieben Tauziehen. Man weiß von Seilziehwettbewerben am Hof des chinesischen Kaisers im zwölften Jahrhundert. Ein Symbol für den Kampf zwischen Gut und Böse soll es gewesen sein. Und Chinesen beherrschen alle Finessen dieses Wettstreits: Reicht einmal die eigene Kraft nicht aus, weil sich zu viele Gegner auf der anderen Seite einfinden, droht man kurzerhand mit Kampfabsage: Auf Kommando würde die chinesische Mannschaft das Seil loslassen, da purzelten dann die Gegner lustig übereinander.
Wohl um keine Konferenz der letzten Jahre hat sich ein solches Tauziehen entwickelt wie um das an diesem Samstag im Frankfurter Instituto Cervantes beginnende gemeinsam von der Buchmesse mit der offiziellen chinesischen Ehrengast-Delegation veranstaltete Symposion „China und die Welt - Wahrnehmung und Wirklichkeit“. Zunächst hatte die chinesische Seite darauf gedrängt, jedem deutschen Moderator einen (linientreuen?) chinesischen Komoderator an die Seite zu stellen: Das verstehen wir noch, es geht um Parität. Als vor wenigen Tagen aber bekannt wurde, dass von Seiten der Buchmesse der Umweltaktivistin Dai Qing und dem kritischen Schriftsteller Bei Ling nahegelegt wurde, erst zur Buchmesse selbst zu kommen und dem Symposion fernzubleiben, weil das chinesische Komitee sonst mit Absage der ganzen Veranstaltung drohte, ging zu Recht ein Aufschrei durch die Presse.
Das Tau loslassen
So wichtig die Kommunikation auch ist: Hier wird eine Grenze überschritten, hier wird man vorgeführt. Wenn China unter Missbrauch des Ehrengastrechts bestimmen möchte, welche Stimmen auf einer in Deutschland stattfindenden Konferenz nicht zu hören sein dürfen, dann ist es vielmehr an dem deutschen Koveranstalter, die Konferenz abzusagen. Der zuständige Koordinator der Frankfurter Buchmesse, Peter Ripken, teilte an diesem Freitag selbstkritisch mit, er habe mit seinem Vermittlungsversuch wohl „Bockmist“ gebaut. Beide Kritiker seien inzwischen auf dem Weg nach Frankfurt, und man werde ihnen selbstverständlich alle Türen öffnen: „Wenn die chinesische Delegation daraufhin den Raum verlässt, dann verlässt sie ihn eben.“
Die F.A.Z. fungiert als Partner der Ehrengast-Konferenz und ist auch durch die Moderation einiger Podien beteiligt. Es herrscht hier große Einigkeit: Sollte es dazu kommen, dass auf dieser Konferenz kritische Stimmen oder auch nur kritische Fragen unterdrückt werden, werden wir das Tau loslassen und den Raum verlassen.
Tauziehen
G. Schreiber (dnnf)
- 11.09.2009, 20:39 Uhr
Messer im Kopf
Dieter Koeve (koeve)
- 14.09.2009, 15:43 Uhr