16.10.2009 · Auf der Buchmesse macht das Gerücht die Runde, die chinesischen Funktionäre und Autoren dürften westlichen Journalisten nur mit höherer Erlaubnis etwas sagen.
Von Mark SiemonsOffiziell ist die Buchmesse für den Dialog da, aber erst einmal ist sie ein Ort der gegenseitigen Beobachtung. Der augenzwinkerndste und zugleich womöglich bedeutungsvollste Moment der Eröffnungsfeier war, als Bundeskanzlerin Angela Merkel dem vor ihr sitzenden chinesischen Vizepräsidenten Xi Jinping öffentlich sagte: „Wir wissen, dass Sie genau studieren, was bei uns passiert – wir tun das auch bei Ihnen.“ Das war auf die Frage gemünzt, ob China seine wachsende Macht auch dazu nutze, mehr globale Verantwortung zu übernehmen.
Aber nicht weniger gilt es, wie sich zeigt, für das wechselseitige Belauern von chinesischer Delegation und westlicher Öffentlichkeit, wie es jetzt auf der Buchmesse stattfindet. Das vorab diskutierte Thema, ob Frankfurt sich womöglich gemein machen werde mit der chinesischen Zensur, ist etwas in den Hintergrund getreten: Beim PEN, im internationalen Zentrum, bei Reporter ohne Grenzen haben in diesen Tagen Chinesen ebenso wie Deutsche schon mit aller Klarheit Kritik an Peking geübt.
So hat sich die Aufmerksamkeit auf die inneren Verhältnisse der offiziellen Delegation verlagert. Das Gerücht macht die Runde, die Funktionäre und Autoren, die nach Deutschland gekommen sind, dürften westlichen Journalisten nur, wenn überhaupt, mit höherer Erlaubnis etwas sagen. Der Schriftsteller Mo Yan sagt plötzlich Termine ab, und nur Chinesen scheinen vorab davon informiert zu sein. Ein Reporterteam des Hessischen Rundfunks konnte vor laufender Kamera Vertreter des Landes stellen, die nicht reden wollten und eine Begründung dafür ablehnten.
Frank Wöllstein, der Inhaber der Frankfurter Agentur WBCO, die wie bei früheren Gastländern die Termine der Delegierten Chinas koordiniert, spricht dagegen von einer einschüchternden Überrumpelungssituation. Das für den Buchmesseauftritt zuständige „Amt für Presse und Publikationen“, das in Peking auch für die Zensur verantwortlich ist, habe in Wirklichkeit keinerlei Einschränkungen für öffentliche Kontakte verfügt. Im Forum hätten deshalb bereits viele Interviews stattgefunden und auch ein gemeinsames Pressegespräch von Li Er, Mo Yan, Yu Hua und anderen Autoren, das allerdings von nur wenigen deutschen Journalisten besucht worden sei. Offenbar steigert die physische Nähe für manche die Undurchschaubarkeit des verdächtigen Gastes noch.