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China auf der Buchmesse Außerhalb der eigenen Kontrolle

11.10.2009 ·  Das Gastland China wagt mit dem Buchmessenauftritt in Frankfurt viel: Erstmals begibt sich das System auf eine kulturelle Großveranstaltung, die es nicht selbst bestimmt. Nun muss der Westen diese Chance nutzen.

Von Mark Siemons, Peking
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Noch gibt es in China keine Debatte über die Frankfurter Buchmesse. Die Staatsvertreter halten sich mit Kommentaren zurück, und in der breiteren Öffentlichkeit ist das Thema bislang nicht angekommen. Eine der wenigen Stellungnahmen zu dem verunglückten Vorbereitungssymposion von Mitte September in Frankfurt (Es ging hier doch um Literatur, oder?) findet sich in der englischsprachigen, also ans Ausland gerichteten „Global Times“, wo sich der ehemalige Botschafter Mei Zhaorong darüber entrüstet, dass die chinesische Delegation bei der Eröffnung der Konferenz „noch nicht einmal begrüßt“ worden sei. Der Protest der Delegation habe sich dagegen gerichtet, dass mit der Einladung der Autoren Dai Qing und Bei Ling Chinas Status als Mitveranstalter missachtet worden sei: „Unsere deutschen Freunde versäumten es, uns über die Programmänderung zu informieren, was die Vereinbarung brach, dass wir die Tagung gemeinsam organisieren.“

Aus einem im Internet zirkulierenden Text des Pekinger Wirtschaftshistorikers Qin Hui, eines Teilnehmers des Symposions, geht hervor, dass sich der Ärger der Offiziellen vor allem gegen die deutschen Medien richtet, die den Konflikt „hochgeschaukelt“ hätten. Die chinesischen Delegierten hätten nicht vorgehabt, sich in die deutsche Einladungspolitik einzumischen: „Aber da die Sache schon entstanden war, kann sich China gegenüber den deutschen Medien auch keine Blöße geben.“ Qin, der in China als Linksliberaler gilt, der mit seiner Forderung nach weiterer Privatisierung unter demokratischen Bedingungen sowohl der Neuen Linken im Land als auch bisweilen der Regierung widerspricht, schreibt, er habe sich gefreut, dass die Regierungsvertreter im selben Raum wie Dai Qing und Bei Ling diskutiert hätten: „Wenn das auch in China geschehen könnte, würden unsere Fortschritte nicht weiter durch Vorurteile verborgen. Wenn wir auf dem Medienmarkt genug Selbstvertrauen hätten, um Pressefreiheit einzuführen, dann würden die Medien auch ihre Ressentiments reduzieren, die uns so unangenehm sind.“

Konflikt ist unausweichlich

Aus den spärlichen Reaktionen lassen sich für die Buchmesse zwei Folgerungen ziehen, die nur scheinbar gegensätzlich sind. Zum einen ist Konflikt unausweichlich. Die fortdauernden Repressionen Chinas gegen Intellektuelle mit wie auch immer unwillkommenen Meinungen sorgen selbst für die Engführung der Diskussion, die in China oft beklagt wird. Wenn die chinesische Seite auch recht damit hatte, dass sie bei dem Symposion – anders als bei der Buchmesse als Ganzes – Mitveranstalter sein sollte und insofern darüber erstaunt sein konnte, dass sie bei Einladungen zu ebendiesem Symposion nicht konsultiert wurde, zeigt der Fall doch auch deutlich, dass sich bestimmte Themen nicht eingrenzen lassen. Es ist eine Illusion, anzunehmen, dass ein Dialog mit China über China ein herrschaftsfreier akademischer Disput mit sorgsam ausgetüftelten Regeln sein könnte. Gleich, worüber er im Einzelnen geführt wird, kann er nicht davon absehen, dass in China potentielle Teilnehmer dieses Dialogs zensiert, bedroht, misshandelt oder gefangen gehalten werden.

Das westliche Konzept einer Öffentlichkeit, die gerade den Schwächsten Schutz gegenüber politischen oder wirtschaftlichen Mächten gewährt, stößt da notwendigerweise mit einer Vorstellung von Öffentlichkeit zusammen, die in dieser vor allem eine Sphäre der Manipulation sieht und mithin eine Bedrohung für die Ordnung und „Harmonie“, die der Kontrolle und Lenkung des Staates bedürfe. Da es an dem Eintreten für die, die mundtot gemacht werden sollen, in Frankfurt keinen Zweifel geben darf, ist Konflikt dieser Buchmesse von vornherein eingeschrieben.

Zum anderen kann der Konflikt aber das Resultat eines künstlichen Arrangements sein, das auf einer völlig irrigen Einschätzung der chinesischen Situation beruht: nämlich auf der Annahme, dass diese vor allem durch den Gegensatz von „Staat“ auf der einen und „Dissidenten“ auf der anderen Seite gekennzeichnet sei. Auf der Grundlage dieser Idee, die unverkennbar Anleihen bei Verhältnissen in der späten Sowjetunion macht, richtet man Diskussionen so ein, dass ein Vertreter des Staats auf einen Vertreter der Dissidenten trifft, und das Publikum sorgt dann dafür, dass in diesem idealtypischen Diskurs der Repräsentant des Wortes über den der Macht wenigstens auf deutschem Boden den Sieg davonträgt. Denn man weiß ja, dass der eine allenfalls die Zensur vertreten kann, der andere aber das authentische China. Und so teilt man Autoren und Intellektuelle, die nach Frankfurt kommen, säuberlich danach ein, ob sie dem Regierungs- oder dem Dissidentenlager zuzuordnen sind.

Kritik ist allgegenwärtig

Eine solche Dichotomie hat mit den inneren Auseinandersetzungen der chinesischen Gesellschaft heute wenig zu tun. Die Kritik an Regierungsinstitutionen ist in China mittlerweile allgegenwärtig: bei Bloggern, die die immer neuen Zensurmaßnahmen mit immer neuen Tricks zu umgehen suchen, bei den nach offiziellen Angaben achtzigtausend Massenunruhen jährlich, die sich an Funktionärswillkür oder ausbleibenden Kompensationen entzünden, bei Journalisten, die in immer neuen Anläufen versuchen, objektiv über soziale Spannungen zu berichten, bei Eltern, die vermehrten Druck wegen der ihre Kinder krank machenden Luft auf die Stadtbehörden ausüben, bei Anwohnern, die sich gegen den Bau von Eisenbahntrassen in ihren Siedlungen zusammenschließen, bei Autoren, die die Tabus der offiziellen Geschichtspolitik brechen. Meistens haben die Unmutsäußerungen konkrete Anlässe, und sehr unterschiedlich ist, vom reformistischen Parteikader bis zum Fundamentaloppositionellen, der Grad ihrer Widerspenstigkeit, aber gemeinsam ist ihnen der Wille, den Raum des Rechts und der Öffentlichkeit auszuweiten.

Man könnte die, die sich da mit wachsendem Selbstbewusstsein und oft unter hohem persönlichem Risiko engagieren, also mit Fug als „Dissidenten“ bezeichnen in dem Sinn, dass sie das Gegebene nicht einfach hinnehmen; zugleich sind sie als Redakteure, Dozenten, Angestellte eines Unternehmens oder einfach nur Inhaber eines Stadtausweises in den meisten Fällen aber auch eingebettet in Strukturen, die von Staat und Partei beeinflusst oder direkt abhängig sind – und müssten sich insofern auch „Staatsvertreter“ nennen lassen. Eine solche Redeweise ergäbe für die meisten jedoch wenig Sinn, weil sie weder eine bestimmte Staatsdoktrin noch eine allen gemeinsame Dissidentenmeinung für sich anerkennen würden.

Trotz gegen den Westen

Die Zweiteilung kann daher die sich auf zahlreichen unterschiedlichen Zwischenstufen vollziehenden Veränderungen im Land nicht erfassen. Trotz der fortdauernden Allgegenwart der Kommunistischen Partei und ihrer Propaganda hat die Ausdifferenzierung der Gesellschaft eine reale Eigendynamik entfaltet. Das ist schon lange nicht mehr unbekannt, doch in Momenten der Zuspitzung scheint es regelmäßig vergessen zu werden. Man mag die irreführende Rollenverteilung wegen des internationalen Drucks, den sie der demokratischen Sache verschafft, nützlich finden. Aber größer ist wahrscheinlich ihr Schaden, weil sie in China auch bei vielen, die westliche Werte teilen, Trotz gegen den Westen hervorruft. Den Eigenraum des Gesellschaftlichen, auf dem diese Leute in ihren täglichen Auseinandersetzungen beharren, finden sie nun ausgerechnet bei ihren vermeintlichen westlichen Helfern verkannt.

Die Buchmesse böte mit ihren zahlreichen chinesischen Teilnehmern und Projekten die Chance, diese chinesischen Auseinandersetzungen selbst kennenzulernen. Für den chinesischen Modernisierungsprozess mit seinen zahlreichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Widersprüchen gibt es keinen Vergleichsfall in der Geschichte: Das macht die Wahrnehmung im Detail oft schwierig. Doch das westliche Vertrauen auf die eigenen demokratischen und rechtsstaatlichen Werte wäre schwach entwickelt, wenn es glaubte, sich nur in den gewohnten übersichtlichen Konstellationen bewähren zu können. Man kommt nicht umhin, mehr als bloß die äußeren Etiketten zur Kenntnis zu nehmen; man muss hören und lesen, was jemand letztlich sagt und schreibt. Wie integer, mutig, reflektiert und demokratisch jemand ist, kann man in China eben nicht allein daran erkennen, in welcher Institution er arbeitet oder in welcher Delegation er reist.

Der chinesische Staat betritt bei der Buchmesse insofern Neuland, als er zum ersten Mal an einer kulturellen Veranstaltung dieses Ausmaßes mitwirkt, die er nicht selbst unter Kontrolle hat. Es wäre traurig, wenn die westliche Öffentlichkeit darauf mit Diskursanordnungen reagieren würde, durch die man sich zwar bestätigt und moralisch erhoben fühlt, am Ende aber nur exakt so viel weiß, wie man auch am Anfang schon zu wissen glaubte – während die Chinesen, die wieder einmal als Material für westliche Projektionen herhalten müssen, verprellt nach Hause fahren dürfen.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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