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Buchmesse Von der Tusche zum E-Book

14.10.2009 ·  Chinesische Büchermauer, Riesenreispapier und Wörtersee: Das Gastland China präsentiert sich im „Forum“ auf dem Messegelände mit einer aufwendigen Installation.

Von Michael Hierholzer
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Müde sind sie. Auf zusammengeschobenen Stühlen, die an einer Wand aufgereiht stehen, haben sich chinesische Mitarbeiter ganz ungeniert zu einem Nickerchen zusammengefunden. Bequem kann das nicht sein. Ai Weiwei hätte auf die Idee kommen können, Landsleute zu einer solchen Performance zu drapieren. Aber der hierzulande bekannteste bildende Künstler der Gegenwart kommt nicht zur Messe. Der immer wieder auch mit politischen Aktionen hervortretende „documenta“-Teilnehmer hatte der Polizei in der Provinz Sichuan vorgeworfen, ihn so schwer verprügelt zu haben, dass er eine Gehirnblutung erlitt.

Die erschöpften Aufbauhelfer am Morgen des Eröffnungstags sind keine künstlerische Fiktion. Das ist die reine Wirklichkeit. Dabei befinden wir uns doch in einem Kunstraum, in einem weiten Saal, der da und dort in sanftes buntes Licht getaucht ist. Ein paar Jahrtausende chinesischer Kulturgeschichte sind zu besichtigen. Es gibt freilich auch Einblicke in die aktuelle Produktion von Druckwerken. Und in die Zukunft des Lesens. Die futuristische E-Book-Abteilung zieht flimmernd die Aufmerksamkeit auf sich. Alles wird verbunden mittels einer ehrgeizigen Installation des Künstlers Li Jiwei.

Wörtersee im Mittelpunkt

Aus dem Hallenboden wachsen Druckstöcke mit Schriftzeichen empor, sie bilden ein Quadrat, in ihrer Mitte aber liegt ein kleiner nierenförmiger See, dessen Ufer ein Strand aus Salz bildet. Die weißen Körnchen bedecken zum Teil auch die chinesischen Buchstaben. Auf die Teichfläche wird ein Video projiziert, in dem Tuschetropfen auf ein stehendes Gewässer treffen. Zugleich fallen wirkliche Wassertropfen auf den Miniaturweiher, das Reale und das Fiktive verbinden sich, der kleine See und das Mineral, das er offenbar ablagert, scheinen an den quadratischen Lettern zu nagen, sich ihrer zu bemächtigen: Die Phantasie bedient sich der Symbole, mit deren Hilfe allein sie sich auszudrücken vermag.

Im Mittelpunkt des „Forums“ auf dem Gelände der Frankfurter Buchmesse ist dieser Wörtersee zu bewundern, Teil des Werks von Li Jiwei, in dem die tragenden Elemente der chinesischen Kultur zum Gegenstand werden sollen. Ein riesiges Blatt Reispapier gehört ebenso dazu wie eine den gesamten Raum bestimmende mehrteilige chinesische Büchermauer. Zehntausend eigens für diesen Zweck gebundene Folianten ergeben eine imposante Skulptur. Aus Papier werden Bücher, aus ein wenig Tusche formt sich ein Zeichen: Der Ehrengast der weltgrößten Schau von Büchern und verwandten Medien setzt bei seiner aufwendigen Präsentation auf die Versinnlichung der schriftkulturellen Grundlagen.

Erstaunliche Rollen mit Kalligraphie

In Vitrinen zeugen wertvolle Exponate von der Tradition des Büchermachens und des kunstvollen Druckens im Reich der Mitte. Da finden sich etwa Druckstöcke aus der Tang-Dynastie (618 bis 997), erstaunliche Rollen mit Kalligraphie und Illustrationen oder Wang-Zhens runde Lettern-Schränke, die aussehen wie Tische. Außerdem blicken lebensgroße Figuren kulturhistorisch bedeutender Chinesen die Besucher an.

Und dann ruft es aus den Kabinen der Simultanübersetzer schon zur ersten Pressekonferenz der Ehrengäste: Der chinesisch-deutsche Kulturaustausch ist das Thema. Michael Kahn-Ackermann, der Leiter des Goethe-Instituts in Peking, macht darauf aufmerksam, dass der Antikonfuzianismus zu den Säulen der kommunistischen Staatsdoktrin gehörte, das vor vier Jahren gegründete chinesische Kulturinstitut nun aber den Namen des Konfuzius trage. Allein daran lasse sich ermessen, welche gewaltigen Schritte das Land mache. Xu Lin, die Präsidentin der Konfuzius-Institute in Deutschland, sprach von der engen Verbindung auch noch der modernen Chinesen zur deutschen Philosophie: Alle hätten, sagte sie mit leiser Ironie, schließlich Marx und Engels gelesen.

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