18.10.2009 · Kein Nachtisch, kein Trinkgeld, kein Wort verstanden beim Kritikerempfang: Ist das die große Krise - oder ist es eine ganz normale Frankfurter Buchmesse? Beobachtungen in den Messehallen und außerhalb von Julia Encke.
Von Julia EnckeAm Tag nach der Eröffnung der Buchmesse, es war kurz nach fünf Uhr nachmittags, der Himmel war grau, die Luft kalt, aber die Laune gut, trafen sich, wie jedes Jahr am Messe-Donnerstag, Autoren und Journalisten zum „Kritikerempfang“ des Suhrkamp-Verlags in der Frankfurter Klettenbergstraße. Es war der fünfzigste Kritikerempfang, der in der Unseld-Villa stattfand, ein besonderer Grund zum Feiern also, und auch wenn der Suhrkamp-Verlag im kommenden Jahr nach Berlin ziehe, so sagte die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz zur Begrüßung, die Klettenbergstraße werde auch künftig in der Klettenbergstraße bleiben, weshalb man sich zur Buchmesse weiter genau hier treffen werde, das stehe fest.
Der Südtiroler Schriftsteller Oswald Egger las einen Ausschnitt aus seinem noch unveröffentlichten Roman oder besser, er las gar nicht, sondern presste die Wörter synkopisch aus sich heraus, so dass man nur Rhythmus hörte, leider gar nicht verstand, worum es ging, dafür aber die Ankündigung, dass dieser neue Roman achthundert Seiten haben werde, als eine ungewollte Drohung wahrnehmen musste. Als Hörbuch, vom Autor gelesen, würde man das jedenfalls nicht durchhalten.
Es wird bei solchen Anlässen ja nicht Tee, sondern Weißwein getrunken, weshalb sich, insbesondere am Nachmittag, alle schneller in eine Entspannung hineingetrunken haben, als es den kritischen Kritikern im Nachhinein manchmal lieb ist. So wird die Buchmesse zum großen Umschlagplatz für Klatsch und Tratsch, und hinter vorgehaltener Hand war hier natürlich gleich von jenen Suhrkamp-Mitarbeitern die Rede, die nicht mit nach Berlin ziehen wollen und, unter der Parole „Wir bleiben hier!“, Stellengesuche ins Internet gestellt haben: „Ich biete. Ich suche“, stehe 25 Mal auf der Homepage www.ex-suhrkampler.de, hieß es.
Nase-Auf, Nase-Ab
Und es machte noch ein anderes Gerücht die Runde, ein infames, wie sich herausstellte: Man habe, so wurde herumgemunkelt, den „offiziellen Chinesen“ aus dem diesjährigen Buchmessengastland „einen Maulkorb verpasst“, sie dürften ab sofort keine politischen Interviews mehr geben. Am selben Abend, als im Café der Schirn-Kunsthalle der Rowohlt-Verlag zum Fest geladen hatte, bei welchem man den Bestseller-Autor, Kabarettisten und „lustigsten Arzt Deutschlands“ Eckart von Hirschhausen („Stellen Sie sich vor, Sie selbst wären das Glück. Würden Sie dann gerne bei sich vorbeikommen?“) dabei beobachten konnte, wie er, immer wenn ein Fotograf vorbeikam, seine notorische rote Clownsnase aufsetzte, was ein eigenes Schauspiel war, ein ständiges Nase-Auf und Nase-Ab; am selben Abend also hatte sich das China-Gerücht bereits in das Märchen verwandelt, die chinesische Delegation würde vorzeitig abreisen.
Das war völlig haltlos, und die Leidenschaft, mit der über solche Haltlosigkeiten diskutiert wurde, war genauso merkwürdig wie die einmal vorgenommene Einteilung der Chinesen in Funktionäre und Dissidenten, Offizielle und Oppositionelle, ganz so, als gäbe es nichts dazwischen. Man musste am Donnerstag, in den Messehallen, nur zu einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung gehen, bei der unter dem Titel „Demokratie ist eine gute Sache“ neue Essays chinesischer Intellektueller vorgestellt wurden, um vor Augen geführt zu bekommen, wie sehr es sich lohnt, das eigene China-Bild zu differenzieren: Da saßen der Wirtschaftshistoriker Qin Hui und der Sozialwissenschaftler Yu Jianrong auf dem Podium, beide lehren in Peking an der Universität, und kritisierten das chinesische Rechtssystem und die Korruption des Rechts so offen, wie man es von einem Vertreter einer staatlichen Hochschule nicht unbedingt vermutet hätte. Yu Jianrong ist als Gastwissenschaftler in Harvard und Yale gewesen, das beschert ihm auch innerhalb Chinas ein Renommee, mit dem gewisse Freiheiten der Rede verbunden sind: Er könne ungehindert forschen und seine Ergebnisse in Fachzeitschriften veröffentlichen, sagte er, nur in den Medien der breiten Öffentlichkeit habe er keine Stimme.
Bloß nicht zu direkt
So waren paradoxerweise die chinesischen Gäste manchmal deutlicher als die deutschen Sinologen und Journalisten, die diese moderierten und dabei glaubten, sie nur mit Samthandschuhen anfassen, bloß nicht zu direkt sein zu dürfen, was bei einem Auftritt des in Paris lebenden Literaturnobelpreisträgers Gao Xingjian im Internationalen Zentrum am Freitag zu einem scheinbar nicht endenden Austausch von Gemeinplätzen führte, bei dem, über Kopfhörer, selbst die Simultandolmetscher, die geheimen Helden dieser Buchmesse, müde zu werden schienen.
Richtig voll war es in den Hallen überall da, wo Herta Müller auftrat: Klein und zierlich verschwand die Nobelpreisträgerin beinahe auf dem großen blauen Sofa und erzählte vom Aspekte-Preis, den sie 1984 für ihr Buch „Niederungen“ bekommen habe und durch den sie, von Rumänien aus, nach Deutschland hätte reisen dürfen: „Diese Reise in den Westen“, sagte sie, „hat mich damals eigentlich geschützt.“ Denn wenn man einmal im Westen aufgetreten sei und öffentlich gesprochen habe, müsse einen dies in dem autoritär regierten Land, in dem man lebe, nicht notwendigerweise gefährden, sie jedenfalls glaube das nicht. Es könne auch den Schutz der Aufmerksamkeit bedeuten, und vielleicht, so Herta Müller, gelte das jetzt auch für die Schriftstellerkollegen aus China.
Physiognomische Stereotypen
Voll war es natürlich auch da, wo Günter Wallraff seine Undercover-Recherche „Aus der schönen neuen Welt – Expeditionen ins Landesinnere“ vorstellte, für die er sich, wie man diese Woche in einer Fotostrecke des „Zeit“–Magazins sehen konnte, von einer Maskenbildnerin erstaunlich stümperhaft in einen Schwarzen verwandeln ließ, um als solcher ein Fußballspiel in Cottbus, eine Kneipe in Rosenheim oder eine Behörde in Berlin-Marzahn zu besuchen. Die eigentlich schlechte Verkleidung sei genau der Punkt, vermutete Wallraff. Es reichen ein paar physiognomische Stereotypen, schon sind die Vorurteile da: „Die meisten schauen nicht so genau hin, das hat mich schon bei meinen Recherchen als Türke ,Ali‘ verblüfft.“
Zum eindeutig bestverkleideten Schriftsteller dieser Buchmesse dagegen musste man den Hobby-Astrophysiker und Bestsellerautor Frank Schätzing küren, der sich nicht halbnackt zeigte, wie in der aktuellen Werbekampagne einer großen Unterwäschefirma, sondern in „Blauer“-Biker-Jacke, zerrissenen Jeans, mit Schaltuch und einer immer wieder beeindruckenden Föhnfrisur. Wenn er schreibe, sagte Schätzing am 3Sat-Stand, habe er seine Gitarre immer in Reichweite, um den Kopf freizukriegen vom Weltraum; da spiele er dann und singe in Phantasieenglisch. Demnächst wolle er diese Schreibpausensongs mit ein paar Jungs als CD aufnehmen, er habe ein Tonstudio, und ohnehin wäre er eigentlich viel lieber Musiker geworden als Schriftsteller.
Neuerdings kein Nachtisch mehr
Dass die Hotels in Frankfurt diesmal nicht ausgebucht waren, gehörte zu den Gerüchten, die stimmten auf dieser Messe: Aus Amerika waren viel weniger Verlagsmitarbeiter angereist als sonst; manche Lektoren mussten sich zu Sparzwecken Doppelzimmer teilen, und aus einem Verlagshaus wurde bekannt, dass dessen Angestellte bei Geschäftsessen in Restaurants neuerdings keinen Nachtisch mehr bestellen dürften sowie das Trinkgeld nicht mehr erstattet bekämen. So war „die Krise“ das große Nebenthema, das bei einer Einladung des Berlin-Verlags auch die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood beschäftigte, die zum Finanzkollaps vor einem Jahr ihr Buch „Payback“ veröffentlicht hatte und nun mit ihrem neuen Roman zu Gast in Frankfurt war. Auf die Frage, warum die Banken offensichtlich so weitermachten wie zuvor und kein Umdenken stattfinde, zeichnete sie, mit dem Finger auf der Tischdecke, kein Heuschrecken-, sondern ein Reptilienbild: „Banken“, sagte Margaret Atwood, „sind behäbig wie Krokodile. Sie können nicht einfach eine andere Richtung einschlagen. Sie müssen ihren Körper sehr langsam wenden, wenn sie um die Ecke laufen wollen.“
Die Tanzfläche im „Velvet Club“, wo der Piper-Verleger Marcel Hartges den DJ gab, was nur bedingt eine gute Idee war, war trotzdem knallvoll. Er frage sich, meinte ein Journalist von der „Frankfurter Rundschau“, wie lange das alles noch so weitergehe und ob wir im nächsten Jahr hier überhaupt noch genauso tanzen und trinken werden. Möglicherweise stecken die Buchverlage ja aber in gar keiner so großen Krise, wie sie vorgeben. Möglicherweise wird jetzt, nach Jahren der übertriebenen Kosten, Spesen und Vorschüsse, einfach nur gespart.