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Ross King: Macchiavelli Ohne junge Geliebte bekam er hundsmiserable Laune

14.10.2009 ·  Wie hat Machiavelli persönlich gelebt und gearbeitet? In seiner kundig und trotzdem flott verfassten Biographie stellt Ross King seinen Lebensverlauf ins Zentrum und holt so den Philosophen der Macht aus der Geistesgeschichte in die Sozialhistorie hinein.

Von Dirk Schümer
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Ob Niccolò Machiavelli die krude Rezeptionsgeschichte, die ihn zum Advokaten des Teuflischen und Zynischen in der großen und kleinen, realen und fiktiven Weltgeschichte verdüsterte, wohl amüsiert hätte? In seiner Biographie schildert Ross King den florentinischen Kanzleisekretär der Zeit um 1500 als lustigen und charmanten Weiberhelden, der es im politischen Alltag der heillosen Städte- und Bürgerkriege auch nicht weiter brachte als zahlreiche andere Praktiker neben ihm. Das Buch, kundig und trotzdem flott verfasst, widmet sich den Werken Machiavellis eher kursorisch, stellt stattdessen seinen gar nicht uninteressanten – und für den politischen Zynismus sehr erhellenden – Lebensverlauf ins Zentrum.

Diesen Machiavelli einmal aus der Geistesgeschichte heraus und in die Sozialhistorie zu holen, ist gar kein übler Ansatz. Wer wie er von den unterschiedlichsten Protagonisten der Geschichte in Anspruch genommen wird, der lässt sich über die schillernden Nebenbedeutungen und Wirkungen seines Œuvres wohl gar nicht mehr wahrnehmen. Da ist es umso besser, dass King sich auf die Tugenden der angelsächsischen Biographik konzentriert und ohne Schwafeln und Ausdeuten ein Leben der Reihe nach erzählt.

Machiavelli erwarb, das war den meisten seiner prominenten Leser später kaum bewusst, zu Lebzeiten mit seinem Handbuch der politischen Schurkerei (verdeutscht: „Der Fürst“) kein Ansehen, weil das Buch nicht gedruckt wurde. Er war stattdessen in Literatenkreisen als Autor deftiger Komödien berühmt, von denen immerhin „La Mandagola“ über die Wirkungen eines Potenzmittels bei einem Lustgreis heute noch ihre Lacher findet. Im Geschäftsleben des brodelnden und kreativen Florenz um 1500 machte sich „Machia“, wie ihn seine zahlreichen Freunde riefen, indes als eine Art Außenminister der toskanischen Stadtrepublik Florenz einen Namen. Notabene: Kein politischer Theoretiker der Geistesgeschichte trug jemals größere politische Verantwortung.

Chefdiplomat seines Gemeinwesens

Indem der Sohn des wenig begüterten, aber umso gebildeteren Humanisten Bernardo Machiavelli 1498 schon mit neunundzwanzig Jahren zum Sekretär der Zweiten Kanzlei ernannt und diverse Male von der Ratsversammlung in diesem Amt bestätigt wurde, amtierte der sprachgewandte und im anstrengenden Reisen zähe Niccolò jahrelang als Chefdiplomat seines Gemeinwesens. In den desaströsen Kriegen immer neuer Condottieri, beim Seitenwechsel diverser Päpste und bei der Invasion diverser französischer Könige und deutscher Kaiser musste Machiavelli das Schaukelspiel jener Jahre zur Perfektion ausbilden: mit florentinischen Gesandtschaften skrupellose Milizenchefs hinhalten, notfalls Lösegelder anbieten und es sich mit den geizigen Ratsherren daheim nicht verderben.

Als Denker konnte Machiavelli zeitlebens nicht klären, ob nun das Schicksal die politischen Akteure beherrscht – oder ob diese durch bestimmte Verhaltensregeln die launische Fortuna zwingen können. „Ich kenne“, schrieb er, „den Grund nicht, weshalb verschiedene Handlungsweisen manchmal nützlich und manchmal schädlich sind.“ In seiner Neugier hielt es Machiavelli sogar mit Astrologen und Zeichendeutern, denn der religiös ziemlich indifferente Renaissancemensch hatte begriffen, dass die christlichen Spielregeln von Tugend und Belohnung in der Historie nichts zur Klärung beitragen – und vor allem von den vertragsbrüchigen und machtgierigen Päpsten seiner Zeit gern mit Füßen getreten wurden.

Eine moralische Provokation bis heute

Im Vorbeigehen gelang dem irritierten Machiavelli dann aber, die Wissenschaft von der Politik als Empirie aus der Taufe zu heben. Denn in seinem Bemühen um festen Grund in der Historie begann er, das realpolitische Spiel von List und Täuschung, Verrat und Propaganda erst einmal ohne Drumherumreden zu beschreiben. Das reicht bis heute, um heuchlerische Seelen, die von Ratschlägen zum Eidbruch und zur Erfindung von Kriegsgründen, von geheuchelter Untertanenliebe und praktizierter Despotie nichts hören wollen, moralisch zu provozieren. Ohne die endgültige Formulierung hatte Machiavelli doch nur die „Staatsräson“ definiert, in deren Namen bis heute – etwa beim schurkisch zurechtgelogenen Irak-Krieg von Bush und Blair – die alltäglichen Politverbrechen begangen werden.

King zeigt, dass Machiavelli ohne sein praktisches Scheitern diese nicht unklugen Gedanken wohl nie zu einem Traktat systematisiert hätte. Erst als der Medici-Clan 1512 die Macht in Florenz wieder übernahm, Machiavelli aus dem Amt trieb, ihn foltern und beinahe sogar hinrichten ließ, wucherte der Kaltgestellte auf seinem Landgut in Sant’Andrea in Percussina (wo man heute übrigens einen achtbaren Machiavelli-Chianti keltert) mit dem einzigen verbliebenen Pfund: Erfahrungsschätze aus anderthalb Jahrzehnten Praxis als Geheimwissen den herrschenden Medici anzudrehen.

Machiavellis Pech war nur, dass der damalige Sippenspross Lorenzo di Piero de’ Medici ein syphilitischer Vollidiot war – ihm wurde „Il Principe“ komplett vergeblich gewidmet. Doch die politischen Köpfe der Medici auf den geistlichen Posten waren gleichzeitig viel zu schlau, um dem alten Außenminister der Republik je wieder zu trauen, weshalb Machiavelli – von wenigen Missionen kurz vor seinem Tod abgesehen – niemals wieder zu einflussreichen Ämtern kam.

Berlusconi avant la lettre

Für die Geistesgeschichte ist dies ein Glück, denn als Praktiker hätte unser trauriger Held nie so viel geschrieben, wobei King deutlich macht, dass er, vom „Principe“ abgesehen, von historischen Werken wie der Geschichte von Florenz oder von den in der Römerzeit fundierten „Discorsi“ wenig hält. Dem allzeit kregelen und zähen Menschen Machiavelli ist der Autor sehr viel eher gewogen. Wir lernen, dass dieser Toskaner zwar fünf Kinder großzog und bis zu seinem Tod mit seiner Frau Marietta zusammenlebte, dass er zugleich aber als echter mittelmeerischer Macho ohne häufigen Umgang mit Prostituierten oder jungen Geliebten hundsmiserable Laune bekam. Noch in seinen Komödien und Briefen als alternder Pensionär auf dem Lande lässt der misogyne Weiberheld seiner Potenzprahlerei freien Lauf wie ein Berlusconi avant la lettre.

Die schönste Botschaft, die King mit seiner verständigen, bündigen, nicht überfrachteten, doch zuweilen etwas didaktischen Biographie zu vermitteln versteht, ist das komplette Scheitern des politischen Praktikers Machiavelli. Denn der hatte als Sekretär der Republik immerhin die Gelegenheit, einen Lieblingsgedanken in die Tat umzusetzen: eine Bürgerwehr aufzustellen. King formuliert diese jahrzehntelange fixe Idee etwas missverständlich, denn Machiavelli wollte die reichen und faulen Bürger von Florenz nicht zu den Waffen rufen, sondern versuchte, arme Bauern aus entlegenen, unterworfenen Gebieten als preiswerte Alternativen zu Söldnerheeren heranzuziehen: Wehrpflicht für Unterjochte also.

Als es dann 1512 in Prato bei einer spanischen Belagerung der Stadt zum Kampf kam, nahmen Machiavellis akribisch ausgebildete Bauern allesamt das Hasenpanier. Die zukunftsweisende Idee war damit bis zur Französischen Revolution erst einmal erledigt. Und als der alternde Machiavelli Jahre später zum Test ein Söldnerheer in Schlachtordnung aufstellen sollte, endete dies in einem heillosen Chaos. Damit ist erwiesen, dass dieser gescheiterte Diplomat in der Praxis zwar seine Denkanstöße erhalten hat, dass er als Autor aber sehr viel geeigneter war denn als Wehrbeauftragter. Machevill und Makaveli ziehen also gegen Machiavelli allemal den Kürzeren. In seiner wirklichen Gestalt als Hurenbock, launischer Diplomat, missmutiger Landmann und unfähiger Generalissimus ist von dem Erzteufel der politischen Theorie ein geistreicher Zeitgenosse der Hochrenaissance übrig geblieben. Unsympathischer wird er deswegen nicht.

Ross King: „ Macchiavelli“. Philosoph der Macht. Aus dem Englischen von Stefanie Kremer. Albrecht Knaus Verlag, München 2009. 288 S., geb. 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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