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Michael Graeter: Extrablatt Wer reinkommt, ist drin

14.10.2009 ·  Alles wird immer seichter, auch der Klatsch. Michael Graeter, der Chronist einer glitzernden Prominentenwelt, sucht Anschluss an die große Zeit. In seinen Memoiren rekapituliert er die Geheimnisse der Hasenjagd.

Von Hannes Hintermeier
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Jemand musste Michael G. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses geahnt hätte, wurde er eines Tages verhaftet. An einem kalten Januarmorgen des Jahres 2008 liegt Michael G. „tief und wohlig“ schlummernd im Hotel „Tivoli“ in Zürich, als um 6.42 Uhr „plötzlich eine Art Fallbeil“ auf ihn herniederfällt. Drei Schweizer Polizisten in dunkelblauen Kampfanzügen umstellen das Bett des Klatschreporters, den wir fortan mit seinem Kürzel MG nennen wollen. Dieser MG war in Deutschland rechtskräftig verurteilt wegen Insolvenzverschleppung, Bankrott und Veruntreuung von Arbeitsentgelt, hatte sich aber der deutschen Justiz durch Flucht in ein Zürcher Daunenbett entzogen. Dass man ihn ausliefern würde, damit hatte er nicht gerechnet. Jetzt war er endgültig ganz unten. Und dabei war er einmal ganz oben gewesen – bei den Reichen und Schönen.

„Als ich im Zweiten Weltkrieg, am 29. Juli, im Sternzeichen des Löwen, geboren werde“, schreibt MG und verschweigt das Jahr. Es war 1941. Seinen Vater lernt er im Alter von acht Jahren kennen, ein Kriegsheimkehrer, der im Telegrapfenamt Arbeit findet. Die Mutter will, dass der Sohn Akademiker wird, Anwalt am besten; dem Vater wäre eine Beamtenlaufbahn lieber. Der Bub aber wird Volontär bei der „Schwäbischen Landeszeitung“ in Augsburg und bleibt dem Gewerbe treu. Nach ersten Erfolgen als Lokalreporter wechselt er nach München zur „Abendzeitung“, die der begnadete Verleger Werner Friedmann gegründet hat. Er ist es auch, den den jungen MG fördert und ihn zum Lokalchef macht. Er ist in dieser Position freilich nicht „der jüngste Ressortleiter aller Zeiten“; das war dortselbst Michael Jürgs, der als Dreiundzwanzigjähriger das Feuilleton übernahm. So genau will es MG nicht wissen.

Die Peinlichkeit elegant kaschieren

Denn noch gilt „leben und leben lassen“: Der Münchener Volksschriftsteller Sigi Sommer tigert als „Blasius“ durch die Stadt. Die swingenden Sechziger gehen in die beschwingten Siebziger über, München ist Szene und Kult, heimeliges Weltdorf für die Rolling Stones, für Freddie Mercury. Der Schampus strömt, die große Krankheit mit den vier Buchstaben ist noch nicht ausgebrochen. MG beginnt Weltstars, Hochadel und Superreiche einzusammeln, aber auch die Lokalprominenz vernachlässigt er nie. Helmut Dietl hat dieser Zeit, in dessen vermeintlichem Zentrum sich der Klatschreporter bewegt, die Serie „Kir Royal“ gewidmet – und mit ihr Fernsehgeschichte geschrieben. In dieser ach so fernen Zeit waren Männer „Super-Kapitalisten“, „Biertragl-Tycoone“ oder „Polit-Titanen“, sie fuhren „Asphalt-Katzen“, lebten in der „Rabenwelt“ und waren ständig auf „Hasenjagd“, ignorierten „Bordsteinschwalben“, träumten stattdessen von „germanischen Vollweibern mit Wunschliegenschaften“, wahlweise auch von „knackigen Schwabinchen“ oder „süßesten Schwedinnen“. War die „Abschussliste“ erst einmal umfänglich, erhob sich über ihrer Körpermitte ein „Feinkostgewölbe“. Frauen waren in diesem Universum hauptsächlich karriere- und geldgeile „Men-Killerinnen“, sie hatten bevorzugt eine „Riesenfigur“ zu haben, wozu „mäusefaustgroße Busen“ nicht gehörten, wohl aber solche, die „in Brustweite abendfüllend“ waren.

Graeters Weg vom Provinzjournalisten zum Mitglied des Jetsets, zum Gastronomen, Kinobetreiber und Bankrotteur ist abwechslungsreich. Nach Abstechern in die französische Hauptstadt, einem Engagement bei der ZDF-„Drehscheibe“, eröffnet Graeter 1975 an der Ecke Leopold-/Georgenstraße das „Café Extrablatt“. Besondere Sorgfalt lässt er bei der Einrichtung der Toiletten walten: „Die menschliche Peinlichkeit elegant zu kaschieren ist mir immer ein Anliegen.“

Eigentlich nur Geld und Sex

Aber eben in den Waschräumen, nicht bei der Abfassung seiner Artikel. „Riechen ist überhaupt das Kernwort der menschlichen Koexistenz“: Mit Sentenzen wie dieser reiht sich MG in die Garde der unfreiwilligen Aphoristiker ein. Offenkundig hat sein Text unbehelligt den Weg in die Druckerei gefunden. Ist es also immer noch so, wie „Bunte“-Chefin Patricia Riekel einst fragte, dass man einen Graeter nicht redigieren darf? Es hätte dem Buch inhaltlich wie sprachlich nicht geschadet. In der Münchner Glyptothek stehen keinesfalls nur Gipsköpfe, und eine Formulierung wie „Unser Kontakt gedeiht gut“ muss auch nicht sein.

Es ist ein Buch für die Generation, die dabei gewesen ist damals. Es befriedigt ein antiquarisches Klatschinteresse, auch wenn es bis in die Gegenwart hineinreicht. „Thomas, du brauchst nicht mehr zu kommen“, so soll Liz Mohn den Bertelsmann-Vorstandsvorsitzenden Middelhoff von Mallorca aus telefonisch abserviert haben. Aber mancher Zettel aus dem großen Archiv ist doch handfester, wie etwa die kritische Würdigung des Münchner Oberbürgermeisters Ude und seiner Frau oder die mit Innenansichten unterfütterte Dekonstruktion des Jürgen Schrempp. Ganz selten gestattet sich MG Ausflüge in die Metaebene. Worum es etwa gehen könnte im Leben? Eigentlich nur um Geld und Sex, aber auch um Schönheit, denn diese ist „der goldene Schlüssel für das ganze Leben“. In Kirchen, „diese sakralen Seelenoasen“, gehe er mittlerweile gern, aber die Institution Kirche sei abzulehnen, denn eine Hölle gebe es nicht – mit dieser Drohung sollen nur Millionen Menschen gelenkt werden.

Es ist ein Namesplashing

MG glaubt, Gott und die Welt zu kennen, aber er kennt nur die Welt. Über den Mann selbst, den selbsternannten „Langläufer in der Langusten-Liga“, lernen wir kaum etwas, da MG die Auseinandersetzung mit MG scheut. Er ist immer die anderen, über die er schreibt und denen er beweisen will, dass er er ist. Insofern ist der Untertitel „Autobiografie“ irreführend. „Extrablatt“ ist ein Glossar des Klatsches, das Kondensat einer untergegangenen Welt. Mit Liz Taylor angelt sich MG den ersten Star; die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Das Register umfasst rund neunhundert Namen, von Agassi bis Zefirelli. Es ist kein Namedropping, das hier vorbeiflimmert, es ist Namesplashing. Aber auch MG schwant, dass seine Zeit nicht wiederkommt. Und dass die Gründe, Sehnsucht nach ihr zu haben, nur sentimentale sein können. Heute ist sein Kerngeschäft von „ultimativen Nichtsnutzen“ besetzt: „Mit Feldbusch, Küblböck, Bohlen oder sonstiger Pseudo-Prominenz wäre ich in hohem Bogen rausgeflogen.“

Hubert Burda, für den Graeter neun Jahre in der „Bunten“ schrieb, hat unlängst in dem Band „Mediale Wunderkammern“ im Gespräch mit Wolfgang Ulrich die These aufgestellt, Klatschjournalismus sei die Fortsetzung höfischer Rituale. Gleichwohl hat er eingeräumt, dass heute die Inhalte „nicht differenzierter und niveauvoller, sondern trivialer“ würden. Die Beschleunigung dieser Trivialisierung ist einerseits das Alarmsignal schlechthin, andererseits der älteste Klatsch der Welt.

Michael Graeter: „Extrablatt“. Autobiografie. Langen Müller Verlag, München 2009. 376 S., zahlreiche Abbildungen, geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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