18.10.2009 · Edgar Wangen hat Gräber verstorbener Fußballhelden besucht und fotografiert. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte er nun sein Buch „Die Gräber der Götter“ vor. Im Interview spricht er über russische Mahnmäler, trostlose spanische Gräber und die Faszination eines Friedhofs.
Edgar Wangen hat drei Jahre lang Gräber verstorbener Fußballhelden besucht und fotografiert. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte er nun sein Buch „Die Gräber der Götter“ vor.
Im Interview spricht er über russische Mahnmäler, trostlose spanische Gräber und die Faszination eines Friedhofs.
Groundhopper tingeln um die Welt, um Fußballplätze zu „sammeln“. Sie sind drei Jahre durch Europa gereist und haben die letzten Ruhestätten früherer Idole besucht. Sind Sie ein „Grabhopper“?
Eigentlich bin auch ich ein Groundhopper, denn neben den Gräbern der Fußballhelden habe ich oft Spiele ihrer ehemaligen Klubs besucht.
Was hat Sie zu den verstorbenen Legenden getrieben?
Ich bin den Friedhöfen nicht verfallen, aber immer schon gerne dorthin gegangen, weil sie Oasen der Ruhe sind und man die Gräber von Prominenten sieht. Am Grab eines Toten zu stehen, der zu Lebzeiten der Menschheit in Literatur, Musik oder Fußball etwas Besonderes geschenkt hat, und mit diesem Verstorbenen in eine gewisse Verbindung zu kommen, hat für mich einen enormen Reiz. Außerdem sind Spieler wie Libuda, Brunnenmeier, Rahn oder Fritz Walter Teil meiner eigenen Biographie.
Wie lange haben Sie nach den Helden von einst gesucht?
Ich bin gut und gerne 20.000 Kilometer gereist, von Glasgow bis Budapest, von Moskau bis Barcelona. Aber vor allem die Recherchen waren aufwendig, um die Gräber von Ferenc Puskas, Lew Jaschin oder anderen zu finden, weil Vereine und Verbände nicht viel Material haben über die Karriere nach der Karriere der Fußballspieler. Aber gefunden habe ich sie alle – sie liefen mir ja nicht weg.
Welches Grab war am schwierigsten zu finden?
Das war jenes von William „Fatty“ Foulkes, dem „Mammut von Chelsea“, dem schwersten Fußballtorwart aller Zeiten. Der starb 1916. Nach vier Stunden Suche auf dem Friedhof von Sheffield habe ich im letzten Herrgottswinkel zwischen umgestürzten Grabsteinen plötzlich einen weißen Stein auf einem gepflegten Grab entdeckt. Da habe ich gewusst: Ich habe ihn!
Haben Sie ein Lieblingsgrab?
Emotional sehr berührt hat mich das wunderschöne Grab von Lew Jaschin. Ich war früher selbst Torwart, und er war für mich ein Jugendidol.
Und welches Grab hat Ihnen überhaupt nicht gefallen?
Das waren die Gräber in Spanien. Da schaut man in eine Straße hinein, wo nur kleine Urnen, mit Glas versehen, aufgereiht sind. Das sieht aus wie auf dem Hühnerhof. Da war nichts Erhebendes zu spüren.
Was sagen die Gräber über Bestattungskultur und den Fußball in den jeweiligen Ländern aus?
Am stärksten mit dem Fußball verbunden sind die Russen, die zeigen, dass dort ein großer Fußballer beerdigt liegt. Sie haben Monumente errichtet, die den Spieler oder Trainer so zeigen, wie er war. Auch die Ungarn gedenken ihrer großen Spieler damit, dass sie eindeutige Hinweise auf den Fußball geben. Die Italiener haben es gerne etwas bombastischer, oft auch mit Mausoleum oder einer Krypta. Dort gibt man dem toten Spieler einen gewissen Status durch die Art des Grabes. Dann gibt es die Bestattungskultur im Norden Europas. Das führt dazu, dass Stan Matthews seine Asche im Stadion von Stoke City verstreuen ließ oder der legendäre Bill Shankly von Liverpool gewünscht hat, dass seine Asche vor „The Kop“ – der Mutter aller Stehtribünen – verstreut werden sollte. Wer es auch sehr gut macht, sind die Österreicher. Auch sie zeigen eine sehr hohe Identifikation mit ihren Fußballhelden und bestatten sie vor allem in Wien dort, wo auch die Vertreter von Kunst und Kultur begraben liegen. In England wiederum sind die Gräber nicht zu übersehen, weil sie voller Devotionalien der Fans sind, die dort hinpilgern und Schals am Grab niederlegen.
Ein englischer Fan weiß also genau, wo seine Idol zu finden ist?
Die Briten begleiten ihre Spieler ja auch zum Grab. Bei den Beerdigungen von George Best in Belfast oder Jimmy Johnston in Glasgow haben 100.000 Menschen auf den Straßen ihre letzte kollektive Unterstützung gezeigt. In Deutschland sind höchstens ein paar hundert dabei, und auch, dass eine ganze Stadt weint, gibt es hierzulande nicht. Hier schließt man mit seinen Fußballhelden ab, wenn sie aus dem Blickfeld geraten sind.
Und wie sehen die Gräber deutscher Spieler aus?
Absolute Standardisierung, alle Gräber wirken austauschbar! Bis auf Helmut Rahn und Fritz Walter ist nicht zu erkennen, dass der Tote mal ein Fußballspieler war. Es gibt auch nur zwei Gräber, die der Deutsche Fußball-Bund pflegt: das von Fritz Walter und das von Sepp Herberger. Auf alle anderen Spieler hat man keinen Wert gelegt, ob es Emmerich ist oder Libuda oder Kohlmeyer. Mancherorts wurden Gräber sogar nach kurzer Zeit aufgelöst, so dass die Spieler ins kollektive Vergessen geraten sind. Doch die Fußballer, die den Menschen manchmal in schweren Zeiten Freude bereitet haben, verdienen es, dass man sie auch nach ihrem Tod entsprechend würdigt.
Wie ist das Vergessen zu verhindern?
Grabpflege ist sicher die einfachste Möglichkeit, um die Bedeutung des Spielers für Verein oder Volk darzustellen. Man kann den Spielern auch zu Lebzeiten ein Denkmal setzen. So können sie Franz Beckenbauer schon heute eine Skulptur hinstellen, weil er das Beste war, was dem deutschen Fußball passieren konnte. So eine Skulptur, womöglich in Stadionnähe, ist keine falsche Heldenverehrung, sondern eine Widmung, wie es der Walk of Fame in Los Angeles ist.