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Jugendbuchautorin Meg Rosoff Pferdemädchen kommen überallhin

16.10.2009 ·  „Jeder ist cooler als ich“, sagt Meg Rosoff, als sie in ihrem Londoner Garten die Windhunde streichelt. Aber das ist nur ihr grimmiger Humor. Ihre Jugendbücher sprengen die Gattungsgrenzen. Und auch die der Pubertät.

Von Hannes Hintermeier
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Ihre Helden sind im schwierigsten Alter. Wenn sich das Hirn neu sortiert, aus dem Kind ein Jugendlicher wird. Wenn sie nicht wissen, ob sie Männchen oder Weibchen sind. Einige verstehen zu kommunizieren ohne Worte, können Gedanken lesen wie die englischen Cousins, die ungeniert rauchen und den Jeep steuern. Andere sprechen mit ihren Blicken, wie der einjährige Bruder des fünfzehnjährigen David. Der wirft seine Spielsachen in einen Schirmständer, aus dem er sie nicht mehr befreien kann. Während der große Bruder darüber nachdenkt, warum kleine Kinder so unsinnige Spiele spielen, antwortet ihm der Einjährige stumm, aber deutlich: „Ich spiele gar nicht. Ich denke übers Fallen nach.“ Von solchem Zuschnitt sind die Zwischenwesen der Meg Rosoff. Ganz normale Pubertierende also, und doch jenen entscheidenden Meter verrückt aus einer Realität, die Erwachsene sich angewöhnt haben, für wirklich zu halten.

Offiziell sind das Bücher für Jugendliche. Drei der vier außergewöhnlichen Romane liegen in der den trockenen, lyrischen Ton sehr gut treffenden Übersetzung von Brigitte Jakobeit im „Harry Potter“-Verlag Carlsen vor. Aber Rosoff trennen Welten von J. K. Rowling oder auch von Stephenie Meyer. Erwachsene, die sich sicherheitshalber in diesem Segment tummeln, weil ihnen altersgemäße Belletristik zu hoch ist, erfahren bei ihr, was eine Literatur schafft, wenn sie nicht mit Plot und Spannungshandwerk, sondern mit sprachlicher Kunstfertigkeit und schillernden Figuren besticht.

Der Weg in diese Phantasiewelten beginnt irgendwann in den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts, im osteuropäischen Judentum. Familie Rosowski wandert in die Vereinigten Staaten aus – Pogrome haben schon zu vielen Juden das Leben gekostet. In der neuen Heimat anglisieren sie den Nachnamen zu Rosoff und machen ihren Weg. Meg Rosoffs Vater beispielsweise war Chirurg an der Harvard Medical School in Boston. Seine Tochter, Jahrgang 1956, hat sich dem Schöpfungsplan ihrer Mutter verweigert und hat keinen jüdischen Ostküstenmediziner geheiratet. Sie hat den Rückweg in die Alte Welt angetreten, lebt im Londoner Stadtteil Highbury, in einem Reihenhaus mit großem Garten. Eine zwölfjährige Tochter, ein malender Gatte und zwei Hunde komplettieren den Künstlerhaushalt.

Pferdemädchen kommen überallhin: ein Besuch bei der Jugendbuchautorin Meg Rosoff

Zu den Punks geflohen

Eine kräftige, lebhafte Frau, leidenschaftlich gestikulierend. Die unvermeidliche dunkle Designerbrille riegelt ihr Gesicht ab, wenn sie die Brille abnimmt, wirkt sie verletzlicher, weniger selbstgewiss. Aber ihren kernigen jüdischen Humor behält sie in jeder Situation. Blue und Juno, ihre beiden Windhunde, liegen faul in der Herbstsonne. Es sind Lurcher, Diebeshunde, so genannt, weil sie häufig von Zigeunern auf den Britischen Inseln zum Wildern abgerichtet wurden. Sie bilden eine Brücke in den unlängst erschienenen vierten Roman „The Bride’s Farewell“, der in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in der Gegend von Salisbury spielt, also mitten im Thomas-Hardy-Land. Rosoff ist überzeugt, dass es dieses grüne England Hardys noch immer gibt, mit seinen Gutsherren, Pferde- und Hundezüchtern, Jägern, Wilderern, fahrendem Volk. Als Schülerin in der Vorstadt von Boston habe sie Hardy gelesen und ihn „ganz furchtbar“ gefunden. Nun schreibt die Pferdenärrin selbst in dieser Tradition die Geschichte eines armen Mädchens, das Reißaus nimmt am Tag ihrer Hochzeit.

Geflohen ist auch Meg Rosoff: aus der Enge von Suburbia, nach London. 1977 war das, Punks regierten das Land, und Meg wurde eine von ihnen. Eine väterliche Rückrufaktion an die Universität nach Harvard hielt nicht lange vor, sie hatte sich ihrem Land entfremdet und eine neue Heimat entdeckt. Das Amerika ihrer Kindheit, die unbeschwerten Sommer auf Martha’s Vineyard, als die Insel noch keine Prominentenhochburg war, nahm sie mit als Erinnerung. Heute erträgt sie das alles nicht mehr, Amerika sei ein krankes Land – endgültig seit dem 11. September 2001. Sicher, auch in England sei die Mittelklasse fürchterlich, aber England halte eben seiner Leidenschaft für Exzentriker die Treue.

„Schreiben ist so viel einfacher als in eine Firma zu gehen

Ihre Lehrjahre in der Werbebranche – vier Jobs, fünf Kündigungen – betrachtet Meg Rosoff als ausgesprochen nützlich. „Man käme dort nie auf die Idee, dass man das Interesse des Kunden hat.“ So hält sie es auch als Autorin. Vor allem hat sie es nicht bereut, spät debütiert zu haben. Auch wenn sich ihr Durchbruch vor fünf Jahren mit dem Tod ihrer Schwester und ihrer eigenen Krebserkrankung kreuzte. Vermutlich deshalb blickt sie sehr selbstkritisch auf ihre Bücher – so, als ob sie wissen wolle, ob sie den Ewigkeitstest bestehen werden. Die Krankheit erst hat sie auch mit ihrer Herkunft konfrontiert. Ein Londoner Genetiker habe ihr auf den Kopf zugesagt, sie stamme vom Ostjudentum ab. Als sie bejahte, habe er dieses Erbe mit vier Merkmalen charakterisiert: Intelligenz, Musikalität, Depression, Brustkrebs.

„Ich hätte nicht früher mit dem Schreiben anfangen können, was wäre schon herausgekommen? Eine fünfundzwanzigjährige New Yorkerin, die über sich und ihren Psychiater schreibt. Ich weiß, dass Autoren das immer leugnen, aber das meiste ist doch halb autobiographisch. Außerdem kann ich Leute nicht leiden, die immer nur von ihrer Schreibblockade reden und auf Ideen warten. Schreiben ist so viel einfacher als in eine Firma zu gehen.“ Alle ihre Bücher sind keine zweihundert Seiten schmal, und schon dazu muss sie sich zwingen. Ihre Sätze wirken so, als sei an jedem Wort gefeilt worden. „Ich sehe höchstens den Anfang, selten das Ende und schon gar nicht, was dazwischen passiert.“ Mit ihrem Schriftstellerdasein ist sie, die für drei Romane und einige Bilderbücher sieben Literaturpreise – darunter auch den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 für „Was wäre wenn“ – erhalten hat, zufrieden. Die Verfilmung ihres Debüts „So lebe ich jetzt“ (deutsch 2005) steht bevor.

Es ist eben ein schwieriges Geschäft mit der Sexualität

In Rosoffs Romanen sind Erzeuger und Ernährer nur Randfiguren. So auch im Falle Daisys aus „So lebe ich jetzt“. Die Halbwaise hat ihr Vater nach England geschickt, weil er ungestört seiner zweiten Ehe mit zweitem Kind nachgehen will. Daisy gerät in einen terroristischen Weltbürgerkrieg und verliebt sich in ihren Cousin, den sie in den Wirren aus den Augen verliert. Erst Jahre später finden sich die beiden wieder, aber ihre ohnehin komplizierte Liebe ist kriegsversehrt. „Was wäre wenn“ (2007) erzählt den Verfall eines Fünfzehnjährigen, der sich eine neue Identität verpasst und darüber die Bodenhaftung verliert. In „Damals, das Meer“ (2009; im Original schlackenlos „What I Was“) treibt sie das Verwirrspiel zwischen sozialem und biologischem Geschlecht auf die Spitze. Die in den sechziger Jahren an der englischen Ostküste spielende Liebesgeschichte eines Internatsschülers mit einem Waisenkind, das allein am Strand lebt, weckt eindrückliche Bildwelten. Die Pointe der Geschichte ist ein Geniestreich.

Wissenschaftlich habe sie sich nie mit der Pubertät beschäftigt, ihr Einfühlungsvermögen bezieht sie aus eigenem Erleben. Auch sie wurde mit der Frage konfrontiert, wann weiß ein Mädchen, „dass sie ein richtiges Mädchen ist?“ Es sei eben ein schwieriges Geschäft mit der Sexualität, sagt Rosoff und illustriert ihren erzählerischen Ansatz mit einem Beispiel. „Mit elf Jahren hatte ich meinen absoluten Lieblingslehrer. Ich habe ihn wirklich geliebt! Vor ein paar Jahren lese ich in der Zeitung, dass man ihn, mittlerweile war er Anfang siebzig, wegen Kindesmissbrauchs ins Gefängnis gesteckt hat. Ich wusste im Nachhinein – und vermutlich habe ich es damals auch gewusst –, dass im Klassenzimmer ein sexuell aufgeladenes Spannungsfeld herrschte.“ Seufzer. „Es gibt so viele verschiedene Arten, Kinder zu lieben, das ist so kompliziert.“ Tiefer Seufzer.

Ausweitung der Alterszone: Zur Zeit schreibt Meg Rosoff an einem Roman, der wie „The Bride’s Farewell“ bei S. Fischer erscheinen soll. Arbeitstitel: „There Is No Dog“, eine gängige Verbrämung der These, es gäbe keinen Gott. Doch dann bekommt ein sexgieriger, fauler und also völlig normaler Neunzehnjähriger den „Job“ Gottes. Und der Mittvierziger aus dem mittleren Management, der auf den Posten spekuliert hat, wird ihm als Assistent zugeteilt. Guter Stoff für ein Leseland, das seine Exzentriker liebt, sogar wenn sie Amerikaner sind.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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