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Amos Oz im Interview Meine bösen deutschen Nächte

15.10.2009 ·  Amos Oz kommt nicht zur Buchmesse. Wir haben ihn trotzdem in Frankfurt erwischt. Thomas David sprach mit ihm über die Schatten der Geschichte, die Überraschung Herta Müller und die Erotik des Schreibens.

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Amos Oz kommt nicht zur Buchmesse. Wir haben ihn trotzdem in Frankfurt erwischt: Thomas David sprach mit ihm über die Schatten der Geschichte, die Überraschung Herta Müller und die Erotik des Schreibens.

Herr Oz, Sie sind dieser Tage mit „Geschichten aus Tel Ilan“, Ihrem neuen Buch, auf Lesereise in Deutschland. Bleibt da noch Zeit für eigene Lektüre?

Aber ja. Ich lese im Augenblick die hebräische Übersetzung von „Gnade“, Toni Morrisons jüngstem Roman. Ein ganz wunderbares Buch.

Weshalb lesen wir eigentlich Romane?

Weil es ein großes Vergnügen ist, an ihrer Erschaffung teilzuhaben. Wenn man einen Roman liest, ist man der Ko-Autor oder der Aufführende. Es ist, als ob einem der Autor die Noten geliefert hätte und man den Roman wie ein Stück Musik spielen könne. Wenn ein Roman einen Sonnenuntergang beschreibt, muss der Leser seinen eigenen Sonnenuntergang zu dem Buch beisteuern; erzählt der Roman von unerwiderter Liebe, muss der Leser die eigene unerwiderte Liebe einbringen. Mit einem Roman verhält es sich anders als mit einem Bild, einer Theateraufführung oder einem Kinofilm, die alle ganz direkt die Sinne ansprechen. Wenn man jedoch einen Roman aufschlägt, sieht man nichts als tote Ameisen im Schnee. Es ist die Kunst, diese Ameisen in Bilder, Gerüche, Geräusche und Erfahrungen zu verwandeln, die das Lesen zu einem so großen Vergnügen macht.

Welche Erfahrungen verdanken Sie der deutschen Literatur?

In den fünfziger Jahren, als Teenager und in meinen frühen Zwanzigern, habe ich Deutschland so sehr verabscheut, dass ich schwor, nie deutsche Produkte zu kaufen, Deutschland nie zu besuchen und nie deutsche Freunde zu haben. Das einzige, das ich nicht boykottieren konnte, war die deutsche Literatur, weil ich sonst das gleiche getan hätte, wie die Nazis. Ich las also in Übersetzung die Romane von Heinrich Böll, von Siegfried Lenz, Günter Grass und Ingeborg Bachmann - die Bücher aller großen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Und diese Schriftsteller öffneten mir die Augen und das Herz, sodass ich Deutschland nicht länger verachten konnte. Sie boten mir Gelegenheit, meine eigenen Vorurteile zu zerschlagen, und als ich Deutschland 1982 zum ersten Mal besuchte, war ich durch das Lesen dieser Bücher vorbereitet.

Wie erleben Sie auf Ihrer Lesereise das Deutschland des Jahres 2009?

Ich zögere ein wenig, mich über das heutige Deutschland zu äußern, weil ich auf der Lesereise zwar meinen Lesern, einigen Journalisten und Mitarbeitern meines Verlages begegne, aber das ist längst nicht genug, um sich ein Bild von der Gesamtheit des Landes zu machen. Das Publikum bei meinen Lesungen erscheint mir warmherzig, neugierig und aufgeschlossen, und darüber bin ich sehr erfreut. Ist dies ein repräsentativer Eindruck? Ich weiß es nicht. Aber ich kann auf eine Frage antworten, die Sie gar nicht gestellt haben, und Ihnen sagen, dass mich auch nach mehr als zwanzig Besuchen in Deutschland ein eigenartiges Gefühl überkommt, sobald ich nachts auf meinem Hotelzimmer allein bin. Tagsüber ist alles in Ordnung, ich unterhalte mich angeregt mit den Menschen, denen ich begegne, ich kann über Witze lachen und ich kann welche erzählen: Aber sobald ich in Deutschland oder Österreich des Nachts allein in meinem Zimmer bin, habe ich ein eigenartiges Gefühl, das ich von Besuchen in anderen Ländern nicht kenne.

Was sagt Ihnen dieses Gefühl?

Es sagt mir etwas, das ich als Geschichtenerzähler natürlich ohnehin weiß: Dass die Vergangenheit niemals vollständig vergeht.

Inwiefern ist Ihr Werk von Erinnerung und persönlicher Erfahrung bestimmt?

Erinnerung und Erfahrung sind die Auslöser meiner Arbeit, was jedoch nicht bedeutet, dass ich in meinen Büchern ausschließlich meine Erinnerungen aufschreibe. Ein Apfel geht aus Erde, aus Sonnenschein und dem Apfelbaum hervor und ähnelt dennoch weder dem einen noch dem anderen. So verhält es sich auch mit einem Roman. Meine Bücher entstehen aus der Erinnerung und aus der Angst vor der Vergessenheit, und doch haben sie wie der Apfel ein ganz eigenes Leben.

Sie haben in diesem Jahr Ihren 70. Geburtstag gefeiert und gehören zu der Generation israelischer Autoren, die die Geschichte Ihres Staates seit Jahrzehnten mit ihren Büchern begleiten. Wie sehr trägt die Literatur eines Landes zu dessen Identität bei?

Diese Frage kann ich nicht beantworten, aber ich bin davon überzeugt, dass man ein fremdes Land am besten kennenlernt, indem man dessen Literatur liest. Wenn man nach Kolumbien reist, sieht man zwar die kolumbianische Landschaft, besucht ein paar Städte und kommt vielleicht mit ein paar Menschen ins Gespräch. Aber wenn man die Romane von Garcia Marquez liest, dringt man in die Schlafzimmer dieser Menschen und an andere Orte vor, die kein Tourist je zu Gesicht bekommt.

Wie wurde die Vergabe des Friedensnobelpreises an Barack Obama in Israel aufgenommen?

Man findet in ganz Israel keine zwei Menschen, die sich in einer Sache einig wären. Man findet keinen einzigen Israeli, der mit sich selber einig wäre, weil das Wesen eines Israeli ambivalent ist. Obama ist in Israel eine ebenso kontroverse Persönlichkeit wie in vielen anderen Ländern. Er ist zweifellos ein großes Versprechen, aber auf die Erfüllung dieses Versprechens werden wir noch warten müssen. Obama hat in der Welt geradezu messianische Erwartungen geweckt, und es könnte sich für ihn als Problem erweisen, dass diese durch die Verleihung des Nobelpreises noch vergrößert werden. Doch was weiß ich schon? Ich komme zwar aus dem Land der Propheten, aber ich werde mich hüten, mit ihnen in Konkurrenz zu treten.

Was sehen Sie, wenn Sie Ihr Haus in Arad in der Negev-Wüste verlassen und nach Europa reisen?

Ich sehe Menschen, die viel Mühe darauf verwenden, mehr Geld zu verdienen als sie brauchen. Die sich Dinge kaufen, die sie nicht wirklich haben wollen, um Menschen zu beeindrucken, die sie nicht mögen. Das System des totalen Eigennutzes hat seine Fehler, und diejenigen, die an Eigennutz und universellen Reichtum glaubten, mussten sich eines Besseren belehren lassen. Ich bin davon überzeugt, dass es zwischen der Unterdrückung des totalitären Kommunismus und der Brutalität des Kapitalismus noch eine dritte Möglichkeit gibt und dass diese in der Sphäre sozialer Solidarität und sozialer Integrität liegt.

Ist die Frankfurter Buchmesse ein wirtschaftliches oder ein kulturelles Event?

Sie ist in erster Linie ein wirtschaftliches Ereignis. Es gibt zwar einige kulturelle Bezüge und ein paar kulturelle Veranstaltungen, aber hauptsächlich ist sie ein wirtschaftliches Ereignis.

Hatten Sie vor der Bekanntgabe des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers in der letzten Woche eine Vermutung, wem die Auszeichnung zuteil werden könnte?

Das Nobelpreiskomitee hat in den letzten Jahren sehr überraschende Entscheidungen getroffen. Meine Vermutung war also, dass ich von der Wahl überrascht sein würde, und ich muss zugeben, dass ich von Herta Müller am letzten Donnerstag zum erstenmal gehört habe. Das tut mir leid und erfüllt mich keineswegs mit Stolz.

Worin liegt die Schönheit der Wüste?

Das habe ich in einigen meiner Bücher zu beschreiben versucht, ich will Ihnen also nur dieses sagen: Ich mache jeden Morgen einen kurzen Spaziergang in die Wüste - noch vor Sonnenaufgang und meist nicht länger als zwanzig Minuten. In meinem Teil der Welt handelt es sich um eine Bergwüste, nicht um eine Ebene. Es gibt Pfade in dieser Wüste, und wenn man einen von ihnen entlanggeht, tritt man in die Fußstapfen von Menschen, die vor tausenden von Jahren lebten. Von Schäfern und Nomaden, von Kamelkaravanen. Doch wenn man aus dem Pfad heraustritt, geht man einen Weg, den nie zuvor ein menschlicher Fuß beschritten hat, und diese Vorstellung macht für mich die Besonderheit der Wüste aus.

Erleben Sie diese Spaziergänge als ein Gleichnis für Ihre Arbeit als Schriftsteller?

Das haben Sie ganz richtig erkannt. Wenn ich schreibe, trete ich in die Spuren meiner großen Vorfahren und Mentoren und versuche zugleich, in neues, unbekanntes Land vorzudringen. Es ist wie in der Liebe. In der Liebe tust du Dinge, die Abermillionen von Menschen vor dir getan haben, und dennoch erscheint es dir wie das allererste Mal.

Worin besteht die Erotik des Schreibens?

In dem Verlangen, das Unberührbare zu berühren.

Das Gespräch führte Thomas David.

Quelle: F.A.Z.
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