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Versicherer Kulturschock in der Allianz

22.09.2005 ·  Operation am offenen Herzen. Allianz-Vorstandschef Diekmann geht gleich mehrere Großprojekte an: die Wandlung des Konzerns zur Europa-AG, die RAS-Komplettübernahme und den strukturellen Umbau des Deutschlandsgeschäfts.

Von Marcus Theurer
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Was ist los in der Allianz? Seit der vergangenen Woche läßt Europas größter Versicherer die scheinbar festgefügten Konzernstrukturen tanzen. Vorstandschef Michael Diekmann geht gleich drei Großprojekte auf einmal an: Das deutsche Versicherungsgeschäft mit seinen knapp 40.000 Mitarbeitern wird grundlegend umgebaut und verschlankt.

Bei Belegschaft und Allianz-Vertretern macht sich deswegen bereits Unruhe breit. In Italien übernimmt die Allianz für rund 5,7 Milliarden Euro den Versicherer RAS, den sie bislang nur zu 55 Prozent kontrollierte, komplett. Und die Allianz wandelt sich als einer der ersten europäischen Großkonzerne von einer deutschen Aktiengesellschaft in eine sogenannte Europa-AG - Societe Europea, kurz SE - um. Gemeinsames Motiv hinter den drei Großprojekten: Der Konzern soll straffer organisiert, der Großtanker Allianz damit wendiger und effizienter werden.

Die schwerste Aufgabe für das Management ist die Neuausrichtung des Deutschlandgeschäfts - angesichts der über Jahrzehnte eingeschliffenen Strukturen eine Herkulesaufgabe. Zwar ist die Allianz längst in aller Welt tätig, doch das Inland ist noch immer ihr wichtigster Markt. Es lieferte im Versicherungsgeschäft im vergangenen Jahr ein Drittel der Bruttobeiträge und stand für einen Nettogewinn von 2,3 Milliarden Euro.

Mitarbeiter sorgen sich um ihren Arbeitsplatz

Der Umbau ist also eine Operation am Herzen der Allianz. Um so mutiger ist es, daß Diekmann mit der Europa-AG und der RAS-Komplettübernahme zur selben Zeit noch zwei weitere Großprojekte vorantreibt. Der Allianz-Chef macht Tempo. Das Risiko des Powerplays: Es besteht die Gefahr, daß die Allianz für viele Monate, vielleicht auf Jahre hinaus mehr mit sich selbst als mit dem operativen Geschäft beschäftigt ist. Die Kunst wird darin bestehen, dies zu vermeiden.

Zumindest bisher macht die Allianz allerdings eine eher unglückliche Figur. Die Ankündigungen zum Inlandsgeschäft lassen noch viele Fragen offen. Analysten vermissen Zahlen zu den erwarteten Einspareffekten, die Mitarbeiter sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Das Heer der Allianz-Vertreter rätselt, was der Umbau für den Vertrieb bedeutet.

Bekannt ist folgendes: Die derzeit weitgehend unabhängig voneinander operierenden drei Versicherungsparten im Inland - die Sach-, Lebens- und Krankenversicherung - werden einer neuen gemeinsamen Deutschland-Holdinggesellschaft untergeordnet. Der traditionell vor allem von der Sachversicherung gesteuerte Vertrieb wird als zusätzliche vierte Gesellschaft unter der Dachgesellschaft ausgegliedert. Die Umgruppierung mag unspektakulär erscheinen, für die Allianz ist die in Deutschland geplante Straffung aber ein Kulturschock. Eine kleinteilige und dezentrale Organisation mit zahlreichen Provinzfürstentümern weicht einer zentralistischen, stärker hierarchisch gegliederten Struktur.

Struktureller Wildwuchs

Klar erkennbar ist auch: Die relative Bedeutung der deutschen Sachversicherung schwindet. Das zeigt sich daran, daß ihr der bisherige direkte Zugriff auf weite Teile des wichtigen und mächtigen Vertriebsapparats der rund 10.000 selbständigen Allianz-Vertreter entzogen wird. Davon dürften die Lebens- und die Krankenversicherung profitieren: Sie haben nach der Ausgliederung des Vertriebs nun gleichberechtigten Zugriff auf die im Versicherungsgeschäft besonders wichtige Ressource Vertriebskapazität. Und auch der Frankfurter Tochtergesellschaft Dresdner Bank wird der Vertrieb über das Vertreternetz der Allianz erleichtert.

Der Deutschland-Umbau ist richtig. Der strukturelle Wildwuchs, in dem selbst vor 80 Jahren übernommene Gesellschaften noch immer ein Eigenleben führen, ist ineffizient. Es gibt offenkundig viele über lange Jahre hinweg ungenutzte Verbundvorteile. Die EDV-Kosten, die bei Finanzdienstleistern einen riesigen Block ausmachen, sind beispielsweise unnötig hoch, weil es kein einheitliches Informationstechniksystem gibt. Nicht einmal zentrale Kundennummern gebe es bisher, klagen Mitarbeiter.

Auch die stärkere Verlagerung der Gewichte zur Lebens- und Krankenversicherung ist schlüssig. Der Markt für Schadens- und Unfallpolicen ist in Deutschland gesättigt und wächst nur proportional zur Gesamtwirtschaft. In der wichtigen Autoversicherung gibt es zudem einen harten Preiskampf. Lebens- und Krankenversicherung profitieren dagegen von der Krise der Sozialversicherungen und sind deshalb wachstumsträchtiger.

Umfangreicher Stellenabbau?

Obwohl Diekmann also gute Argumente hat, das Geschäft im Heimatmarkt neu auszurichten, dürfte er damit intern auf Widerstände stoßen. Es müssen heilige Kühe geschlachtet werden. Schon der Umstand, daß die Allianz den Umbau nicht schon viel früher angegangen ist, zeigt, wie stark die Beharrungskräfte sind. Vor drei Wochen hat Sachversicherungsvorstand Reiner Hagemann seinen Rücktritt zum Jahresende eingereicht, weil er gegen die Pläne ist. Auch auf den Hierarchieebenen unterhalb des Konzernvorstands wird mancher Manager Vorbehalte haben.

Der Belegschaft ist der zu erwartende, möglicherweise umfangreiche Stellenabbau nicht leicht zu vermitteln. Daß der ehrgeizige Allianz-Chef weitaus profitabler arbeitenden Konkurrenten wie dem amerikanischen Weltmarktführer AIG nacheifert, dürfte jedenfalls vielen Mitarbeitern als Begründung nicht ausreichen.

Bei der Dresdner Bank hat die Allianz mit teilweise wenig zimperlichen Methoden tiefe Schnitte vorgenommen. Doch anders als das Frankfurter Milliardengrab wirft das Versicherungsgeschäft sehr solide Gewinne ab. Diekmann muß rasch für Klarheit sorgen und seine Pläne intern überzeugend vermitteln, sonst könnten sie der Allianz mehr schaden als nützen. Unsicherheit und Frustration sind Gift für das Geschäft.

Quelle: F.A.Z., 23.09.2005, Nr. 222
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