Home
http://www.faz.net/-gb5-qxrh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Kampf gegen Terror Der Terror des Dschihad

26.07.2005 ·  Unvermindert hält der Rausch an, mit dem Dschihadisten im Irak morden. Innerhalb weniger Tage haben Attentäter nun ihren Wahn auch nach London und Scharm al Scheich getragen. Ist das der Auftakt einer globalen Offensive?

Von Rainer Hermann, Istanbul
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Unvermindert hält der Rausch an, mit dem Dschihadisten im Irak morden. Neu ist indes, daß innerhalb weniger Tage Selbstmordattentäter ihren Wahn gleichzeitig auch nach London und Scharm al Scheich getragen haben.

Der Vergangenheit gehört die Erkenntnis an, daß der dschihadistische Terror in einem Zyklus von 18 Monaten mit einem spektakulären Anschlag auf sich aufmerksam macht und dann zur Vorbereitung des nächsten Attentats im Westen wieder abtaucht. Nun greift der Terror des Dschihad über den Irak hinaus. Im Juli hat offenbar eine neue Offensive begonnen.

Auftakt zu einer globalen Offensive

Vieles deutet darauf hin, daß die Anschlagsserie, die in der britischen Hauptstadt und in dem ägyptischen Urlaubsort ihren Anfang nahm und von zahlreichen kleineren Anschlägen im Nahen Osten begleitet wurde, nur der Auftakt zu einer globalen Offensive islamistischer Dschihadisten sein könnte.

Bin Ladin und sein Stellvertreter Zawahiri sind seit vier Jahren auf der Flucht. Die Dschihad-Bewegung, die sie inspiriert haben, läuft nun auch ohne sie auf Hochtouren, und sie hat eine neue Strategie entwickelt, diesen Dschihad in den Westen zu tragen. Einen Geschmack darauf gibt ein über tausend Seiten starkes Dokument, das offenbar im vergangenen Jahr ein Stratege des islamistisches Terrors, Mustafa Nassar, schrieb. Dort hatte der Syrer, der lange in London lebte, dazu aufgerufen, einen „dezentralisierten urbanen Krieg“ zu führen.

Anschläge folgen der Ideologie des Dschihad

Der Anschläge in London hatten sich die bekannten „Brigaden des Abu Hafs al Masri“ bezichtigt. In der Selbstbezichtigung für die zweite Anschlagsserie nannten sie am 21. Juli, wie bereits in einem Schreiben am 16. Juli, neben Großbritannien als weitere Ziele Dänemark, Italien und die Niederlande.

Benannt ist die Brigade nach einem früheren ägyptischen Polizeioffizier und dem ersten Militärchef von Al Qaida, der mit Bin Ladin verschwägert war und im November 2001 bei einem amerikanischen Angriff auf Dschlalabad in Afghanistan getötet wurde. Seither übernimmt die Brigade die „Verantwortung“ für dschihadistische Anschläge in Europa. Als gewiß kann gelten, daß sie die Angriffe weder selbst geplant noch ausgeführt hat, sondern lediglich für den Eindruck sorgt, daß alle Anschläge derselben Ideologie des Dschihad folgen.

Mindestens zwei Gruppen wollen die Anschläge von Scharm al Scheich begangen haben: „Die Mudschahedin Ägyptens“ und die „Brigaden von Abdullah Azzam in Ägypten und in Großsyrien“. Azzam war ein palästinensischer Theologe, der in Dschidda und später in Afghanistan mit Bin Ladin die Ideologie des dschihadistischen Terrors eingesetzt hat, zu deren Symbol Bin Ladin später wurde. Der getötete Azzam aber ist, mit Theologen wie Abu Muhammad al Maqdisi, das Bindeglied der Dschihad-Ideologie von Al Qaida zu den Palästinensern.

Zarqawi übernimmt Bin Ladins Rolle

Je mehr die Ausstrahlung von Bin Ladin verblaßt, desto stärker wächst der jordanisch-palästinensische Terrorführer Zarqawi in dessen Rolle hinein. Bin Ladin umgab sich mit theologisch gebildeten Muslimen. Zarqawi aber, der bereits in seinen Jugendjahren wegen auffälliger Kriminalität Jahre im Gefängnis saß, umgibt sich mehr mit kriminellen Bandenführern und Mafia-Chefs. Mit deren Hilfe kann er das schmuggeln, was er für seine Anschläge im Irak und außerhalb braucht. Kein Zufall war es, daß die Autos und der Sprengstoff, mit denen die Anschläge von Scharm al Scheich verübt wurden, nicht aus Ägypten kamen, sondern mit einer Fähre aus der jordanischen Hafenstadt Aqaba auf den Sinai gelangten.

Mit mehreren tausend Dschihadisten kontrolliert Zarqawi in der irakischen Unruheprovinz Anbar nahe der Städte al Qasim und Falludscha eine Region, die direkt an Jordanien und Syrien grenzt und von der Saudi-Arabien nicht fern ist. Seine fanatisierten Legionäre kommen vor allem aus Saudi-Arabien und dem Jemen, aber auch aus anderen Teilen der islamischen Welt. Von der Provinz Anbar aus steuert Zarqawi offenbar den Terror im Irak. Die irakische Regierung ist überzeugt, daß er sich vor der Eskalation der jüngsten Gewalt im Juni in Bagdad aufgehalten hat.

Irak ein Magnet für Dschihadisten aus aller Welt

Die wichtigste Frage, die die Ermittlungen zu den Anschlägen von London und Scharm al Scheich zu klären haben, wird sein, welche Verbindungen die Attentäter und die Mittelsmänner zum Irak und zu Zarqawi haben. Mutmaßlich hat Zarqawi aus dem Irak bereits einen größeren Einfluß auf den Fortgang des dschihadistischen Terrors als Bin Ladin aus dem fernen Hindukusch.

Unbestritten ist, daß der Irak zum Magnet der Dschihadisten aus aller Welt geworden ist und zu einem Geschenk an Al Qaida. Die bedrückendste Frage ist daher, ob Zarqawi schon so viele Dschihadisten zur Verfügung stehen, daß er sie in andere Länder des Nahen Ostens und nach Europa aussenden kann, ohne die Kontrolle über seinen Stützpunkt zu verlieren.

Mehrfach gedroht mit Anschlägen auf Israel

Selbst Syrien ist im Juli Ziel eines Anschlags von Dschihadisten geworden. Unterstützt wurden sie bei ihrem Angriff auf ein Vergnügungsviertel auf dem Damaszener Hausberg Qassiyun von syrischen Islamisten und von einer jordanischen Kriminellenbande. Das syrische Regime schweigt sich über diesen Anschlag aus. In London und in Scharm al Scheich waren die Attentäter indes so nahe an den führenden Politikern des Westens wie zu keinem Zeitpunkt seit dem 11. September 2001. Am Tag der ersten Londoner Anschläge begann im schottischen Gleneagles das Gipfeltreffen der G-8-Staaten, und die Attentate von Scharm al Scheich ereigneten sich 24 Stunden nachdem die amerikanische Außenministerin Rice im nicht weit entfernten Jerusalem eintraf.

Mit Anschlägen auf Israel hatte Zarqawi bereits mehrfach gedroht. Die Vorbereitung für Scharm al Scheich könnte einen Hinweis drauf geben, daß er Israel über Jordanien und den Sinai angreifen will. Israel aber bereitet sich, mit erheblichen Geburtswehen, auf den Rückzug aus dem Gazastreifen vor. Über Sympathisanten im Palästinensischen Dschihad und in der Hamas könnten sich die Dschihadisten Zarqawis leicht im Gazastreifen einnisten und dort einen Schlag auf Israel vorbereiten.

„Professionelle“ Attentate

Die Anschläge von Scharm al Scheich können nicht das Werk von Amateuren gewesen sein. An dem Urlaubsort fanden viele große Konferenzen zum Palästina-Konflikt und zum Irak statt. Dort unterhält auch der ägyptische Staatspräsident Mubarak seine Winterresidenz, in der er häufig Staatsgäste empfängt. Scharm al Scheich galt als eine der sichersten Plätze in Ägypten. Unter diesen Bedingungen müssen die Anschläge von langer Hand vorbereitet worden sein.

Nur wenig spricht dafür, daß die Zellen, die die Anschläge von London und von Scharm al Scheich planten und ausführten, miteinander organisatorisch verbunden waren und voneinander wußten. Beunruhigend ist jedoch, daß sie in einer Zeit stattfanden, in welcher der Terror im Irak und in Afghanistan weitertobt.

Die Dschihadisten fühlen sich offenbar selbstbewußt und vorbereitet genug, von der irakischen Provinz Anbar aus die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen - wie einst die Assassinen, die im Mittelalter ihre Selbstmordkommandos vom iranischen Bergland, von der Feste Alamut in die Welt aussandten. London und Scharm al Scheich können also durchaus in Verbindung stehen. Und sie können den Beginn einer internationalen Offensive von Dschihadisten markieren, die sich immer weniger auf Bin Ladin berufen. Jenseits der Zivilisten des Iraks nehmen sie nun aber zunehmend Länder des Nahen Ostens und Europas ins Visier.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

Jüngste Beiträge