Der Arsenal-Verteidiger Lee Dixon hat Adrian Chiles einmal als seinen „Idiotometer“ bezeichnet. Damit meinte der von der BBC als Fußballexperte hinzugezogene Spieler im Ruhestand, dass er sicher sein könne, das Fernsehpublikum zu erreichen, wenn es ihm gelinge, Chiles etwas zu erklären.
Der populäre Moderator, der unlängst mit einem Millionen-Vertrag von ITV angeworben wurde als Hauptmoderator der Fußballübertragungen und nur wenige Tage vor Beginn der WM sein Debüt gab, spielt den Fußball-Laien. Wenn er eine Frage an die Experten richte, wisse er die Antwort tatsächlich nicht. Er sehe zwar „enorm viel“ Fußball, doch könne er Spiele schlecht lesen, behauptet Chiles. Wenn Dixon ihm jedoch erläutere, was sich abgespielt hat, lüfte sich der Nebel.
Dixon verkörpert den Stammtischzuschauer
Wahrscheinlich stapelt der bodenständige Birminghamer tief, der sich als Wirtschaftsreporter der BBC profilierte, bevor der Erfolg seiner Sendung „The One Show“ ihn zum meistgesehenen Fernsehmann machte. Er hat einen Hang zu misanthropischer Selbstironie, die Zuschauer mögen das. Als Gegenpol zum ehemaligen Nationalspieler Gary Lineker, der seit Jahren bei der BBC moderiert und aus seiner Erfahrung schöpft, stilisiert sich Chiles als schlichter Fan. Beim England-Spiel gegen die Vereinigten Staaten ließ er sich anmerken, wie stark er mitgezittert hatte. Nach der „üblichen Mischung aus Hoffnung und Horror“ bemerkte er, es gebe nichts Besseres - oder Schlimmeres -, als der englischen Nationalmannschaft bei der WM zuzusehen.
Mit seiner zwanglosen Art, dem leicht knautschig wirkenden Aussehen und der am Satzende abfallenden Intonation des mittelenglischen Akzents verkörpert er den Stammtischzuschauer, der im Kreis seiner Kumpel bei einem Pint vor dem Bildschirm sitzt. Das ist die Karte, die Chiles gegen Lineker spielt. Aus der freundschaftlichen Rivalität machte er sogar einen Witz. Als bei seinem Debüt alte Aufnahmen des ehemaligen England-Spielers eingeblendet wurden, schäkerte Chiles: „Nützlicher Spieler, ich frage mich, was er jetzt wohl macht.“
Mehr als fünftausend Beschwerden
ITV hat es freilich nicht leicht gegen die Konkurrenz, wie bei der Übertragung des ersten England-Spiels aus Südafrika auf peinlichste Weise klar wurde, als die 1,5 Millionen HD-Zuschauer statt des Führungstors von Gerrard eine Werbung für Hyundai zu sehen bekamen. Chiles entschuldigte sich im Namen des Senders für den „Ausreißer“, der, wie ITV bekannt hat, auf „menschliches Versagen“ zurückzuführen sei. Manche Kommentatoren fragten dennoch, was schlimmer gewesen sei: ITV oder der unglückselige Robert Green, dem der Ball aus den Fingern flutschte und hinter die Torlinie rollte.
Die Panne hat ITV mehr als fünftausend Beschwerden eingetragen. Immerhin können sich diejenigen freuen, die bei 8:1 gewettet hatten, dass ein technischer Mangel die Übertragung eines England-Tors verhinderte. Die Buchmacher bieten eine neue Wette: dass ITV aufgrund der Blamage die Rechte an der Übertragung der EM 2012 versagt bleiben. Zuschauer wollten auch wetten, dass der Absatz des koreanischen Automobilherstellers vor lauter Ärger über die Anzeige sinke.
Der ewig braungebrannte Gary Lineker mit seinen Gast-Experten
Die Werbung empfinden viele als Ärgernis. Doch haben die Zuschauer keine Wahl. BBC und ITV haben den Kuchen in der Gruppenphase gerecht geteilt. ITV zog für die ersten zwei England-Spiele das Los, dafür hat die BBC im Achtelfinale die erste Wahl und zeigt das Viertelfinale, sollte England noch im Spiel sein. Schafft es die Mannschaft ins Halbfinale, übertragen beide Sender das Spiel gleichzeitig. Auch beim Endspiel trete sie in direkte Konkurrenz, wobei ITV sich keine Illusionen machen dürfte über die Quoten. Seit 1970 hinkt der kommerzielle Sender hinter der BBC her. Beim Finale der letzten Fußball-WM schalteten 13,9 Millionen Zuschauer den öffentlich-rechtlichen Sender ein. ITV brachte es bloß auf 3,4 Millionen. Was vor allem zählt, sind die Werbeeinnahmen.
Die BBC betreibt allerdings auch größeren Aufwand. Obwohl sie hervorhebt, ihre Kosten gegenüber der Weltmeisterschaft vor vier Jahren um fünfzehn Prozent eingeschränkt zu haben, ist sie in Südafrika immer noch mit knapp 300 Mitarbeitern vertreten, ITV bescheidet sich mit 165 Köpfen. Die BBC ist auch unter Beschuss geraten, weil sie sich vom Sendezentrum in Johannesburg nach Kapstadt abgesetzt hat, in ein Penthousestudio auf dem Dach eines sechsstöckigen Krankenhauses mit Panoramablick auf das neue Stadion, den Tafelberg und Robben Island. In dem fünfeckigen Glaskasten treten der ewig braungebrannte Gary Lineker mit seinen Gast-Experten, darunter die ehemaligen Fußballspieler Alan Hansen, Alan Shearer und gelegentlich auch Jürgen Klinsmann gegen Chiles und dessen Sachkundigen-Team mit Kevin Keegan und dem Franzosen Patrick Viera an.
Menschliches Versagen auch bei der BBC
Gemessen an der Riesenpanne bei ITV, ist es zwar ein Lappalie, aber menschliches Versagen gab es auch bei der BBC zu beklagen. Dort klingelte mitten in der Besprechung des Japan-Kamerun-Spiels laut das Mobiltelefon des aus Togo stammenden Manchester-City-Stürmers Emmanuel Adebayor. Lineker fragte, ob das der kamerunische Stürmer Samuel Eto'o sei, von dem gerade die Rede gewesen war. Adebayo legte das Gerät erschrocken auf den Tisch. Wenig später klingelte es ein zweites Mal. Die BBC muss es wohl wie David Cameron halten. Der Premierminister hat in Kabinettssitzungen ein Handy-Verbot erteilt.
