03.06.2010 · Die Gastgeber und Veranstalter der Fußball-WM in Südafrika haben sich gegen Einnahmeausfälle von rund 4 Milliarden Euro versichert. Den größten Anteil an der Versicherungssumme hält die Munich Re, die mit bis zu 350 Millionen Euro einspringen würde, falls etwas schiefgehen sollte.
Von Claudia Bröll, JohannesburgJunior John Ngulube lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen - auch nicht, wenn er in ausländischen Zeitungen Berichte über mögliche Terroranschläge in Südafrika oder gar ein bevorstehendes Erdbeben liest. „Wir müssen sorgfältig die öffentliche Wahrnehmung von der Wirklichkeit trennen“, sagt der Südafrika-Chef der Munich Re im Gespräch mit der F.A.Z. Aus Versicherungssicht sei die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden nicht riskanter als Sportereignisse wie die Olympischen Spiele.
Die Gastgeber und Veranstalter der WM haben sich gegen Einnahmeausfälle von rund 4 Milliarden Euro versichert. Zu den Vertragsunterzeichnern gehören die Allianz, die Schweizer Rück, die Hannover Rück und viele kleinere internationale Anbieter. Den größten Anteil an der Versicherungssumme hält die Munich Re, die mit bis zu 350 Millionen Euro einspringen würde, falls etwas schiefgehen sollte. Das schlimmste Ereignis wäre ein Totalausfall. Doch auch gegen eine Verzögerung, ein zu spätes Eintreffen einer Mannschaft oder gegen technische Fehler bei der Fernsehübertragung hat man sich gewappnet. Der Schaden wäre enorm. Allein 130 Fernsehsender haben 3 Milliarden Dollar für die Übertragungsrechte bezahlt.
Wie viel der Versicherungsschutz im Einzelnen kostet, will Ngulube nicht preisgeben. „Es ist weniger, als man weitläufig vermutet. Der mögliche Schaden eines Ausfalls oder einer Verzögerung wäre zwar sehr hoch, aber die Wahrscheinlichkeit dafür halten wir für gering.“ Die WM sei aus wirtschaftlicher Sicht und aus Imagegründen interessant.
Risiko eines Anschlags geringer eingeschätzt als während WM in Deutschland
Munich Re hat zuvor die Fußball-WM in Italien, den Vereinigten Staaten, Frankreich und Japan/Korea versichert. 2006 in Deutschland versicherte der Konzern nur das nationale Organisationskomitee. Die Fifa hatte sich damals erstmals entschlossen, die Einnahmen über den Kapitalmarkt abzusichern, weil kein Versicherer nach den Terroranschlägen in Amerika eine unkündbare Versicherung bis Ende 2006 akzeptieren wollte.
Für die Bewertung der Risiken wurden Faktoren wie die politische Sicherheit, die Erfahrungen mit Sportereignissen wie der Rugby-WM und die Gefahr von Naturkatastrophen untersucht. „Außerdem ist von Bedeutung, welche Sicherheitsvorkehrungen die Organisatoren getroffen haben“, sagt Ngulube. Während des Africa Cup in Angola im Januar ist der Bus des Teams aus Togo von Terroristen überfallen worden. Der Anschlag hat auch Befürchtungen über die Sicherheit während der WM in Südafrika laut werden lassen.
Laut Ngulube sind die Bedenken überzogen. Das Risiko eines Terroranschlags werde in Südafrika geringer eingeschätzt als während der Fußball-WM in Deutschland. Das Land sei grundsätzlich kein Ziel ausländischer Extremistengruppen. Südafrikanische Behörden haben vor kurzem Meldungen über einen möglichen Anschlag radikaler Islamisten als „Spekulation“ zurückgewiesen. Polizeichef Bheki Cele zeigte sich jedoch besorgt für den Fall, dass Amerikas Präsident zur WM kommen sollte. Der Schutz dieses einen Mannes wäre ein größerer Aufwand als der Schutz der 43 Staatsoberhäupter, die bisher zugesagt hätten. Südafrikas Polizei hat 44.000 Polizisten für die WM abgestellt, zudem wurden 10.000 private Sicherheitsleute angeheuert. Umgerechnet 140 Millionen Euro gab der Staat für die Sicherheitsvorkehrungen aus.
Prämieneinkommen: 380 Millionen Euro im Jahr
Munich Re hat außerdem einige Stadionbauten sowie den Bau des Gautrain, eines Nahverkehrszugs zwischen Johannesburg und Pretoria, versichert und ist außerhalb Südafrikas aktiv. Man erwarte viel vom afrikanischen Markt, sagte Ngulube. Bisher beträgt das Prämieneinkommen 380 Millionen Euro im Jahr, wovon 80 Prozent auf Südafrika entfallen. Damit ist das Geschäft auf dem gesamten Kontinent zwar kleiner als in Italien. Das Wachstumspotential jedoch sei höher als anderswo. „Wir wollen das Prämieneinkommen in den nächsten fünf Jahren verdoppeln.“ Munich Re versichert beispielsweise den Bau von Kraftwerken in Uganda und in Äthiopien. In Südafrika hören die Infrastrukturprojekte auch nach der WM nicht auf.
Ngulube gibt zu, dass Südafrika nicht den besten Ruf in den ausländischen Medien genießt. Doch auch für die Besucher halte er das Risiko für geringer, als die Berichte nahelegten. „Natürlich darf man sich in Johannesburg nicht überall aufhalten, aber das ist auch in großen Städten wie New York nicht anders.“ Südafrika rangiert in Kriminalitätsstatistiken regelmäßig weit oben. Munich Re verweist allerdings auf eine Statistik eines Dienstleisters für Reiseversicherer. Danach ist es für Touristen in Südafrika nicht gefährlicher als in anderen Ländern, wenn sie bestimmte Regeln beachten.