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WM in Südafrika Hokuspokus, Torschuss

04.06.2010 ·  Modman Mtolo ist ein Sangoma, ein hauptberuflicher Medizinmann mit dem Spezialgebiet erste südafrikanische Liga. Er kann mit Zaubertränken ein Fußballspiel beeinflussen. Vorausgesetzt, die Spieler glauben an das „Muti“ - und das gegnerische „Muti“ ist nicht stärker.

Von Thomas Scheen, Johannesburg
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Modman Mtolo holt tief Luft. „Also: Wenn das Muti das richtige für genau dieses Spiel ist und vorausgesetzt, das Muti der anderen Mannschaft ist nicht stärker als das eigene, und weiter vorausgesetzt, der eigene Torwart glaubt an das Muti – dann sorgt das Muti dafür, dass die gegnerische Mannschaft den Ball erst gar nicht bis in den Strafraum bringt. Weil der Ball nämlich vor dem Zauber einfach haltmacht.“

Modman Mtolo muss es wissen. Der Mittfünfziger ist ein Sangoma, ein hauptberuflicher Medizinmann, Zauberer und Fetischist. „Muti“, wie die Zaubertunke in Südafrika genannt wird, ist sein Geschäft. Modman hat Mittelchen gegen alles und für jeden. Von Herzflattern bis zu Kettenrauchen: Es gibt nichts, wogegen Modman seine Kundschaft nicht wappnen könnte. Doch sein Spezialgebiet ist Fußball. Genau gesagt: die erste südafrikanische Liga. Wenn man so will, ist der Zulu aus der Transkaai ein Soccer-Sangoma.

Modmans Praxis liegt in Alexandra. Das ist nun wirklich nicht die beste Adresse in Johannesburg. Aber schlecht scheint sein Laden nicht zu laufen: Auf der Wäscheleine hängen teure Designerjeans, daneben steht ein älterer Mercedes. Das Behandlungszimmer im hinteren Teil seines Hauses ist klein, aber gemütlich. Ein großes Regal nimmt eine ganze Wand ein, darauf zahllose Behältnisse mit Pülverchen in allen Farben, mit getrockneten Pflanzen und glitschigen Substanzen. „Das ist Leopardenfett“, erklärt Modman und greift nach der Plastikflasche mit dem gelben Glibber. „Sehr stark“, sagt er und zieht eine Augenbraue hoch. Wir wollen lieber nicht an das Verbot erinnern, Leoparden zu wildern.

Unerschöpfliche Kraft durch Schildkrötenpanzer

Der Glaube an die Kraft der Zauberei ist ein fester Bestandteil afrikanischer Gesellschaften und damit auch des Fußballs. Zwischen Dakar und Nairobi findet kein Fußballspiel ohne den Beistand eines Sangomas, eines Marabous oder eines Feticheurs statt. Jeder Fußballverein in Afrika bedient sich der Zauberkunst, sagt Modman, und wenn der Trainer gut sei, lasse er das auch offen zu. Verhindern könne er es ohnehin nicht. Dafür sorgten schon die Verbandsfunktionäre, denen der mitunter gruselig anmutende Beistand der Götter mindestens so wichtig sei wie regelmäßige Trainingseinheiten. Aus der Sicht eines Sangomas sei Fußball ein einfaches Geschäft, sagt Modman. „Es geht nur darum zu gewinnen.“ Das wiederum hänge maßgeblich von dem verwendeten Zauber ab. Jedes Spiel sei anders, insofern sei auch die Zusammensetzung des Muti für jedes Spiel eine andere. Kompliziert werde es vor allem bei Auswärtsspielen, weil ja keiner wisse, wie viele Mutis der Gastgeber schon unter dem Rasen vergraben hat und ob das Tor nicht verhext ist. Da helfe meist nur richtig starker Tobak.

„Das hier zum Beispiel!“, Modman angelt ein fünf Zentimeter dickes Stück Nashornhaut aus seinem Fundus. Das getrocknete Fell eines Pavians, das neben den Resten des Nashorns liegt, sei hingegen nur eine Notlösung. „Das Herz des Pavians ist viel besser“, sagt der Zauberer bedauernd. Die seien ihm aber leider gerade ausgegangen. Gegen Schmerzen aller Art empfiehlt er übrigens einen Stich mit den Stacheln eines Stachelschweins. Die Wirkung von Elefantenhaaren, Löwenfett sowie der Haut und des Hirns einer Pythonschlange hingegen hänge immer von den Beimischungen ab. Modman eilt hinaus, um im Garten eine Leopardenschildkröte aufzusammeln, eine lebende Zauberkonserve sozusagen. „Das ist was ganz Feines.“ Der Panzer der Schildkröte, zermahlen und mit den richtigen Zutaten vermischt, gebe jedem Fußballspieler unerschöpfliche Kraft. Die Schildkröte zieht den Kopf ein.

Selbstverständlich habe auch die südafrikanische Nationalmannschaft Bafana Bafana einen Zauberer, sagt Modman. „Alles andere wäre nicht normal.“ Und er ist heilfroh, dass die südafrikanische Elf nicht schon in der Vorrunde gegen eine afrikanische Mannschaft spielen muss. „Gegen die Ivorer wird es schwer“, orakelt Modman und macht ein betrübtes Gesicht. Wegen Didier Drogba, dem Stürmerstar der Elfenbeinküste? „Ach was, Drogba! Mir macht der Marabou Sorgen. Die Westafrikaner haben die stärksten Zauberer der Welt.“ Die brauchen sie auch, denn am Freitag wurde bekannt, dass Drogba bei einem Vorbereitungsspiel gegen Japan den rechten Ellenbogen gebrochen hat.

Vom Zauberer der deutschen Mannschaft hält Modman nichts

Modmans Handy klingelt. Kurzer Wortwechsel auf Zulu. „Das war der Sohn von Buthelezi, dem Zulu-Führer“, entschuldigt sich der Sangoma. „Sein Sohn sucht einen neuen Job und braucht meine Hilfe.“ Zurück zum Fußball: Ein Muti vor dem eigenen Tor sei natürlich am wirksamsten, wenn es in Form eines Fetischs im Boden vergraben werde. Das funktioniere bei nationalen Spielen ganz gut, nicht aber unter den gestrengen Augen des Weltfußballverbandes Fifa. Also müsse es am Mann angebracht werden. Am besten dafür geeignet sei immer der Torwart, dem Modman entsprechende Salben anrührt. Seine Zutaten besorgt sich Modman in seiner Heimat, der Transkaai. Dorthin kehrt er auch immer dann zurück, wenn er vor schwierige Aufgaben gestellt wird, um Rat einzuholen. „Da gibt es mächtige Zauberer, gegen die bin ich ein kleines Licht.“ Gelernt hat er seinen Beruf von seinem Großvater, den er allerdings nie zu Gesicht bekommen hat. Wie soll das funktionieren? Modman deutet auf drei Schwalbennester inmitten seiner Mixturen: Darin seien kleine Leichenteile nicht nur seines Großvaters, sondern auch seines Vaters und seiner Mutter eingelagert. „Meine Vorfahren sind immer bei mir. Ich rede jeden Abend mit ihnen.“

Es steht zu vermuten, dass zurzeit reger Gesprächsbedarf besteht. Denn mit Modmans eigener Fußballmannschaft gibt es Ärger. Modman betreut den Erstligisten „F.C. AmaZulu“ aus Durban, der gerade die Meisterschaft verpasst hat. Und das ist schon die zweite Pleite des Zauberers in zwei Jahren. Zuvor hatte Modman für die „Mamelodi Sundowns“ Mutis angerührt, bis der Klub ihm wegen schwachen Zaubers die Freundschaft aufkündigte. Und wie geht die Weltmeisterschaft aus? Modman wiegt den Kopf. „Ich kenne die ausländischen Sangomas nicht und kann deshalb ihre Stärke nicht einschätzen“, sagt er schließlich. Von einem aber hält er definitiv gar nichts, und das ist der Zauberer der deutschen Nationalmannschaft. „Sonst wäre das Malheur mit Michael Ballack ja wohl kaum passiert.“ Doch Modman Mtolo will nicht kleinlich sein. „Richte deinem Ballack aus, wenn er mutig genug ist, mein Pulver zu schlucken, läuft er in spätestens zehn Tagen wieder über den Platz.“ Wie wär’s, Herr Ballack?

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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