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WM-Halbfinale auf Ibiza Spanien ist ein glücklicher Mops

08.07.2010 ·  Auf den Balearischen Inseln kommen Deutsche und Spanier zuverlässig zusammen. Beim Public Viewing des WM-Halbfinales wird die wechselseitige Sympathie auf eine harte Probe gestellt - aber nur für Deutsche.

Von Paul Ingendaay
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Es fängt nicht gut an. „Den Pass bitte“, sagt der Mann an der Rezeption, der sich Tomás nennt, und als er ihn in der Hand hält, schaut er mich an und sagt: „Heute Abend wirst du weinen.“ „Abwarten“, sage ich und versuche zu vergessen, was der Tintenfisch Paul aus Oberhausen gesagt hat. Wir sind auf Ibiza. Noch zwei Stunden bis zum Halbfinale. Draußen auf der Plaza del Parque füllen sich die Cafés mit gebräunten Beinen und tätowierten Muskeln. Ein paar Leute sehe ich, die haben einen Sonnenbrand. Das müssen meine leidensfähigen Landsleute nach den ersten Urlaubstagen sein. Überhaupt, seit wann glauben wir Tintenfischen? „Wir kommen gleich auch nach draußen“, sagt Tomás, „wir haben spanische Kellner und deutsche Kellner. Wir gucken die Spiele immer zusammen.“

Bevor es losgeht, drehe ich noch eine Runde durch Ibizas Altstadt. Der schönste Boulevard ist nach dem General Vara del Rey benannt, der im Kuba-Krieg gekämpft und 1904 ein heroisches Monument bekommen hat. Es ist das meistfotografierte Denkmal der Insel und zeigt den Militär mit erhobenem Schwert, zwei Engel zu seinen Füßen. Er war kein sehr netter Mann, dieser General, wenn man den Anekdoten glauben darf, aber im Fußball wie im Krieg zählt nur das Ergebnis. Die Häuser, zwischen denen er sein Schwert in die Höhe reckt, sind hübsch. Ich versuche den Namen der Geschäfte geheime Prophezeiungen abzulesen. Eines heißt Öink und verkauft „trendy stuff“. Auf einem anderen Laden steht: „Just a fucking shop“. Ich gehe in die Apotheke und kaufe Ohrenstopfen.

„Alle Faschisten sind Fans von Real Madrid“

Die Stunde ist nah. Auf der Plaza grenzen drei Restaurants mit Tischen im Freien aneinander, dort stehen drei große Fernseher. Die Menge sitzt, steht, hockt. Viele kommen vorbei und bleiben an der Traube kleben, so dass sie beständig wächst. Tröten und Trillerpfeifen erklingen. Der Kellner, der uns bedient, trägt ein weißblaues Ringelhemd und sieht aus wie ein Pirat; auf jedem Schiff muss es so einen geben.

Als wir uns warm getrunken haben, kommen die Mannschaften auf den Platz, und ich halte in meiner Umgebung nach deutschen Fans Ausschau. Es gibt sie, und niemand tut ihnen etwas. Links vor mir sitzen eine Helle und eine Dunkle und trinken Weißwein. Weiter drüben drückt sich eine deutsche Fangruppe, in deren Mitte ein Mädchen mit schwarzrotgoldenem Irokesenhaarteil die Blicke auf sich zieht, um einen schwer bierbefrachteten Tisch. Als das Spiel beginnt, stelle ich fest, dass ich von Tomás, Rodolfo, Camilo und weiteren Kellnern umringt bin. Zwei von ihnen sind Argentinier und reden die ganze erste Halbzeit hindurch. Es macht nichts, weil auf dem Spielfeld sowieso nichts passiert. „Nicht alle Fans von Real Madrid sind Faschisten“, sagt Camilo. „Aber alle Faschisten sind Fans von Real Madrid.“

Ich ahne, dass das heute nicht unser Tag ist

Der Rest ist schwer definierbares Leiden. Jeder echte Anhänger weiß, wann seine Mannschaft schlecht spielt und demnächst ein Tor einfangen wird. Weil die Argentinier mir auf die Nerven gehen, wandere ich umher, um einen Stehplatz näher am Bildschirm zu erkämpfen. Auf dem Boden, zwischen irgendwelchen Beinen, liegt ein Mops mit rotgelbem Halstuch. Von den Deutschen höre ich nichts. Wenn die Männer in Rot wieder eine Torchance versiebt haben, ruft eine stimmstarke Spanierin aufmunternd: „Guapo!“ Es passt zu Pedro oder Villa, aber nicht zu Klose und Schweinsteiger.

Jetzt habe ich vor mir eine Menge Französinnen und neben mir ein italienisches Pärchen. Es kann kein Glück bringen, neben den peinlichsten Verlierern dieser Weltmeisterschaft zu stehen. Als Kroos in der 62. Minute die schöne Podolski-Flanke mit der rechten Fußinnenseite annimmt, statt einen Kracher mit dem Spann zu riskieren, ahne ich, dass heute nicht unser Tag ist.

Das beste Make-up des Landes

Dann fällt das Tor für Spanien, und obwohl es mir mitten ins Herz sticht, reiße ich die Augen auf und versuche, über den ohrenbetäubenden Jubel hinweg zu erkennen, wer sitzen bleibt, nicht schreit und nicht mitklatscht: die Irokesenfrau und ihre Freunde. Die Helle und die Dunkle, die Weißwein trinken. Dazu ein Paar, das nach Lehrern aussieht. Es bleibt noch Zeit. Wir haben Knut, Lena, Angela Merkel und einen weissagenden Tintenfisch! Warum sollen wir dieses Spiel nicht noch umbiegen können? Doch die Minuten verrinnen, und nichts geschieht. Inzwischen wird getrommelt, geklatscht und gesungen. Irgendwann dämmert selbst mir, dass sich niemand im weißen Trikot gegen die Niederlage stemmen wird.

Leicht benommen stehe ich eine Stunde nach dem Schlusspfiff immer noch da und verfolge das Studioritual des spanischen Senders Telecinco. Sara Carbonero, die pötzlich zu Ruhm gekommene Freundin des Torwarts Iker Casillas, führt Interviews mit den Spielern und trägt wieder einmal das beste Make-up des Landes, egal ob Spaniens oder Südafrikas. Die drei Moderatoren tragen langärmelige weiße Lacoste-Hemden mit roten Halstüchern dazu, als müssten sie heute Abend noch zum Stiertreiben nach Pamplona. Der spanischen Mannschaft werde ich den Sieg morgen oder übermorgen gönnen; den drei Moderatoren auch in drei Jahren nicht.

Die Krachmacher ziehen in die Nacht hinaus

Zwischendurch wird immer wieder Puyols Tor gezeigt. Nähme ich für jedes Mal, das der langmähnige Verteidiger sich in die Höhe schraubt und das Leder mit der Stirn in unser Tor wuchtet, einen kleinen Schluck Bier ein, läge ich jetzt volltrunken unter dem Tisch. Dort liegt allerdings schon der Mops mit dem rotgelben Halstuch, und jetzt, da der Fantrubel an den Tischen vorbei ist, finden sich freundliche Hände, die ihm den Bauch streicheln, so dass er genießerisch die Augen schließt. Ganz Spanien, so scheint es in diesem Augenblick, ist dieser glückliche Mops.

Und dann holen die spanischen Fans ihre Autos, Fahnen, Krachmacher und ziehen in die Nacht hinaus. Am Boulevard, gleich um die Ecke, lassen ein paar harte Jungs lange ihre Motorräder aufheulen, als wären es vierzig Löwen. Auf der Avenida der heiligen Eulalia, wo die Schiffe nach Formentera vor Anker liegen, bildet sich ein Autokorso. In den Wagen sitzen so viele blonde Mädchen, dass ich den Verdacht hege, sie hätten sich schnell das Schwarz der deutschen Flagge aus dem Gesicht gewischt und wären mit den beiden Restfarben zum Feind übergelaufen, um ja keine Party zu verpassen. Wisst ihr nicht, wer die heilige Eulalia war? Die Patronin der Wöchnerinnen? Als Kind riss sie ein römisches Götzenbild von der Wand und erlitt dafür das Martyrium.

Ich sehe Wolfgang Overath vor mir

Es könnte so schön sein, in dieser warmen Julinacht durch Ibiza zu spazieren und sich unter die Feiernden zu mischen. Doch ich fühle mich gehemmt, weil ich an deutsche Schlager der siebziger Jahre denken muss, erst „Tränen lügen nicht“, dann „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“. Und dann weiß ich, wieso. Vor genau vierzig Jahren, bei der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko, mussten wir im Spiel um Platz drei schon einmal gegen Uruguay antreten.

Ich sehe Wolfgang Overaths Flachschuss zum 1:0-Sieg noch vor mir. Werden wir uns auch diesmal den dritten Platz holen? Zumindest den? Ich beruhige mich mit Joghurteis, lerne ein paar Autohupen auswendig und ende nachts um drei mit einem Buch im Straßencafé. Um Viertel vor vier kommt der Pirat mit dem weißblauen Ringelhemd vorbei und bringt den Müll weg. Einen Laden auf dem Boulevard habe ich noch vergessen, dessen Namen mir vorher nichts gesagt hat; erst jetzt erkenne ich seine tiefere Bedeutung. Er heißt Amnesia.

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