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Vicente del Bosque Der spanische Lokführer

11.07.2010 ·  Vicente del Bosque ist kein Ideologe, sondern Praktiker. Der Trainer hat das Erbe seines Vorgängers Aragonés einfühlsam bewahrt und um ein paar eigene Ideen angereichert. Sein Motto: „Nur der gewinnt, der intelligent und bescheiden ist.“

Von Roland Zorn, Johannesburg
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Vicente del Bosque verliert nie die innere Ruhe, bleibt immer freundlich und ist sich der Relativität seiner eigenen Bedeutung stets bewusst. Der Trainer der spanischen Fußballnationalmannschaft muss nicht den Antistar hervorkehren, um in dieser Rolle jederzeit zu überzeugen. Der 59 Jahre alte schnauzbärtige Mann aus der Universitätsstadt Salamanca wirkt in seiner runden Leibesfülle, mit seinem leisen Lächeln, seiner sparsamen Gestik glaubwürdig als Vaterfigur des spanischen Fußballs. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika war del Bosque so etwas wie der große, unaufdringliche Navigator des Erfolges der „Roja“, die am Sonntagabend im Soccer City Stadium von Johannesburg wie der Endspielgegner Holland erstmals den Titel gewinnen und sich als achter Champion in der Ehrenliste der größten Fußballnationen verewigen kann. Ein Schritt fehlt den Europameistern von 2008 noch, und sie sind zwei Jahre später am höchsten Ziel ihres Sports angekommen.

Mit del Bosque, dem Nachfolger des Europameistertrainers Luis Aragonés, vorneweg, der sich beim Blick auf den Gipfel nicht aus dem Tritt bringen lässt. Dabei ist sich der Cheftrainer, der vor seinem Job für ganz Spanien fast ein Leben lang so etwas wie der erste Diener von Real Madrid war, seiner Leitfunktion wohl bewusst. „Es gibt viel Gutes in Spanien“, sagt er, „aber das Wichtigste ist der Fußball. Er ist die Lokomotive für alles in meinem Land.“

Lokführer del Bosque hat das große Glück, dass er eine Mannschaft unter Dampf hält, die nahezu lautlos und vollkommen synchronisiert durch die WM gerauscht ist. Das 0:1 zu Beginn der Gruppenspiele gegen die Schweiz war eine rasch reparierte Panne, der dann Sieg auf Sieg, wenn auch bis auf eine Ausnahme (2:0 gegen Honduras), stets nur mit einem Tor Vorsprung folgte. „Mag sein“, sagt der seine Worte wägende del Bosque, „dass wir ein bisschen unentschlossen vor dem Tor gewesen sind, aber in dieser Zone die richtigen Entscheidungen zu treffen ist auch am allerschwersten.“ Der meist perlende Fluss des spanischen „tiki-taka“-Kurzpassspiels und One-Touch-Fußballs hat das Publikum und zuletzt auch den Halbfinalgegner Deutschland dennoch so sehr beeindruckt, dass del Bosques „Furia Roja“ als Favorit für das Endspiel gelten muss.

„Was nicht kaputt ist, muss man nicht reparieren“

Der Coach, der schon in seiner Trainerzeit bei Real (2000 bis 2003) mit zwei Landesmeistertiteln und zwei Champions-League-Triumphen überaus erfolgreich war, hat Aragones Erbe einfühlsam bewahrt und um ein paar eigene Ideen und Akzente angereichert. „Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren“, sagt del Bosque über seine Fortsetzungsgeschichte, die wie schon das große EM-Kapitel 2008 vorzugsweise von den Mannschaftsstars des FC Barcelona geschrieben wird.

Xavi, Iniesta und Busquets, die ebenso ordentlichen wie ballsicheren und passgenauen Mittelfeldbeherrscher des spanischen Meisters, diktieren im Verein mit Xabi Alonso von Real Madrid Spaniens katalanisch grundierten Stil. Del Bosque, als Spieler bei Real einst ein defensiver Zuarbeiter von Koryphäen wie dem Deutschen Günter Netzer und dem Spanier Carlos Santillana, lehnt sich in seiner pragmatischen Spielauffassung an das internationale Musterbeispiel Barca und reiht damit Sieg an Sieg. Von zuletzt 54 Spielen hat Spanien ganze zwei verloren. Der Trainer trägt zu den nahezu selbstverständlich anmutenden Serienerfolgen auch atmosphärisch viel bei. Seine Spieler lieben und verehren den unaufgeregten Fußballversteher mit der natürlichen Autorität und dem patriarchischen Gestus. „Er ist uns eine große Hilfe“, sagt Xavi, „denn er denkt noch wie ein Spieler.“

Nie hat Spanien seine Spielkultur aufgegeben

Die beste Profi-Generation, die dieses traditionsreiche, aber mit seiner Seleccion jahrzehntelang titellose Fußballland je hervorgebracht hat, hat etwas von ihrem Meister. Neidlos, klaglos und selbstlos stellen sich selbst die Spieler, die nicht zur ersten Elf gehören - wie am Sonntag voraussichtlich der Liverpooler Angreifer Fernando Torres -, in den Dienst am gemeinschaftlich herbeikombinierten Erfolg.

Gegenseitiger Respekt prägt das Arbeitsklima zwischen dem Trainerstab und der zurzeit vielleicht besten Mannschaft der Welt. Sie ist nach Südafrika gekommen, um Weltmeister zu werden, und del Bosque hat diesen Anspruch in aller Bescheidenheit auch nie aus den Augen verloren. „Wir wissen, dass wir stark sind“, hat er schon zu Beginn der WM gesagt, „ich glaube, unsere Spieler wollen Geschichte schreiben.“ Ihm selbst, der kein Fußball-Ideologe ist, gelang es dabei, wie er selbst einmal hervorhob, „das grundsätzlich Schöne mit dem bei Gelegenheit Praktischen zu mischen“. Nie hat Spanien dabei seine Linie, seine Spielkultur, sein Prinzip des möglichst häufigen Ballbesitzes aufgegeben - nicht einmal auf die Gefahr hin, ein Duell verlieren zu können.

Aus der Mitte des spanischen Volkes

Wenn ihn sein gern grantelnder Vorgänger Aragonés aus der Heimat gelegentlich kritisierte, weil Spaniens Spiel nicht immer so viel Esprit verströmte wie bei der EM 2008, kommentierte del Bosque diese Querschüsse erst gar nicht. Er hat sich bis zum großen WM-Finale seine Souveränität und Unabhängigkeit bewahrt und lebt seinen Spielern Tag für Tag sein Motto vor: „Nur der gewinnt, der intelligent und bescheiden ist.“

Der Antistar, der die Stars des Fußballs besser als fast jeder Kollege bei Laune und in Form halten kann, wird sich am Sonntag nicht dagegen wehren können, selbst zum Helden erhoben zu werden - falls Spanien sein erstes WM-Finale auch gleich gewinnt. Er wird es stoisch aushalten und nach der Weltmeisterschaft in seine Etagenwohnung in einer Madrider Neubausiedlung zurückkehren. Prachtvolle Villen sollen andere bauen, Vicente del Bosque aber wird auch in Zukunft ein Trainer von nebenan bleiben - aus der Mitte des spanischen Volkes.

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