19.06.2010 · Mit riesigem Aufwand wird der Fußball-Weltmeister gesucht. Dabei könnte man ihn auch einfacher finden: Nach der Logik des Herausforderungskampfes wie beim Boxen. Dann könnte Japan am Samstag (13.30 Uhr) gegen den Titelträger Niederlande erstmals Weltmeister werden.
Von Christian EichlerIhr letztes Spiel als aktueller Weltmeister machte die deutsche Nationalelf wann? Nein, nicht 1994 im WM-Viertelfinale gegen Bulgarien. Sondern bei der EM 2000 gegen England. Deutschland Weltmeister unter Erich Ribbeck? Das klingt verrückt. Es ist aber logisch - nach der Logik der „Unofficial Football World Championships“ (UFWC). Diese kleine, natürlich in England beheimatete Vereinigung, 2003 vom Sportjournalisten Paul Brown gegründet, hat eine interessante Methode gefunden, den „wahren“ Weltmeister zu bestimmen. Sie tut es nicht wie die Fifa in Form eines Turniers alle vier Jahre; sondern alle paar Wochen oder Monate in normalen Länderspielen.
Womit sich für alle Fußballhasser eine interessante Frage aufwirft: Braucht man ein ganze Völker und Volkswirtschaften lähmendes Event-Monster wie die WM 2010 überhaupt? Inklusive einer Auslosung von den medialen Ausmaßen einer Mondlandung? Könnte man nicht seinen Weltmeister so finden, wie es Boxer oder Schachspieler seit Ende des 19. Jahrhunderts tun? So nämlich hält es die UFWC für den Fußball. Einer trägt den Titel; wer immer gegen ihn spielt, ist Herausforderer; gewinnt er, ist er neuer Titelträger. Bis er ihn an den nächsten verliert.
Der imaginäre Ehrentitel wandert wie ein Staffelstab um die Welt
Während der erste Fifa-Weltmeister 1930 erkoren wurde (Uruguay), geht die UFWC viel weiter zurück: bis zum ersten Match zweier Länder-Teams, 1872, England gegen Schottland. Das Spiel endete 0:0, der „Titel“ blieb vakant. Ein Jahr später gewann England 4:2 und wurde Champion (ohne es zu wissen). Seitdem wandert der imaginäre Ehrentitel wie ein Staffelstab um die Welt. Das Interessante dabei: Hätte man die nachträgliche Berechnung nicht 1873, sondern erst mit der WM 1930 einsetzen lassen, wäre das spätere Resultat dasselbe.
Den Anfang zum statistischen Titanenwerk, bei dem Ergebnislisten aus 130 Jahren studiert und kombiniert werden mussten, machte Daniel Tunnard, ein Englischlehrer in Argentinien, der sich in den Ferien langweilte. Er dachte, die Aufgabe wäre in ein paar Wochen zu erledigen. Er täuschte sich gewaltig. Doch legte er den Grundstein zu einer Art Demokratisierung des Weltfußballs. Dieser wird von ein paar Großmächten dominiert. Nur sieben Länder (vier aus Europa, drei aus Südamerika) waren in 75 Jahren Weltmeister. Bei der inoffiziellen WM sind es 46 Champions aus allen fünf Kontinenten.
Schon 1931 wurde Österreich UFWC-Weltmeister
So wurde Österreich, ein Stich ins deutsche Fußballherz, schon 1931 Weltmeister - als erstes Land, das den Titel von den britischen Inseln entführte (5:0 gegen Schottland). Auch die Schweiz war vor den Deutschen dran: 1939, dann noch einmal 1970. Spanien, Portugal, Holland, Belgien, Dänemark oder Bulgarien, sie und andere Europäer, die es bei der „richtigen“ WM nie schafften, gewannen den „Titel“; dazu fast alle Länder Südamerikas. Außerdem die Vereinigten Staaten (1950 und 1992), die Niederländischen Antillen (1963), Australien (1992), Israel (2000), Simbabwe (2005), Georgien (2006) - alle waren schon mal Weltmeister. Mit ein bisschen Phantasie jedenfalls.
Und Deutschland? Schaffte es erstmals 1941, nochmals 1942, dann 1958. Und wieder 1966, bevor man im Finale von Wembley den offiziellen WM-Titel verpasste und gleichzeitig den inoffiziellen verlor. Deutschland wurde auch 1974 und 1986 UWFC-Champion; dann 1996 im EM-Finale gegen Tschechien, worauf man den „Titel“ 14-mal erfolgreich verteidigte, leider ohne dass Berti Vogts davon wusste. Zum letzten Mal holte man ihn 2000 mit einem 3:2 gegen die Tschechen in der EM-Vorbereitung. Schon zwei Wochen später büßte man ihn bei der EM mit dem 0:1 gegen England zum vorerst letzten Mal ein. In der historischen Gesamtwertung liegt Deutschland auf Rang sieben, mit 27 gewonnenen Titelmatches knapp hinter Brasilien. Vorn natürlich die beiden, die das erste halbe Jahrhundert fast exklusiv bestritten: Schottland (86) und England (74).
Aktueller Champion sind die Niederlande. Sie verteidigen an diesem Samstag gegen Japan ihren WM-Titel - den die Asiaten wiederum erstmals erringen könnten. Übrigens war der Titel der UWFC in den anderthalb Jahren vor der letzten Fifa-WM 2006 in Deutschland in Simbabwe, Ruanda und Angola zu Hause. Afrika als Weltmeister! Es scheint, die Statistikfreunde aus England sind ihrer Zeit voraus.