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Townships Verstehst du, warum ich manchmal zuschlagen will?

30.05.2010 ·  Südafrika ganz unten: Den Menschen in den Townships bringt die WM nichts - keine Arbeit, nicht einmal Strom. Das Einzige, was es im Überfluss gibt, ist Frust. Städte wie Johannesburg und Durban verfügen nunmehr über eine hochmodern anmutende Fassade. Dahinter aber brodelt die Armut wie eh und je.

Von Thomas Scheen, Johannesburg
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Die Fußball-Weltmeisterschaft? Babawa Portia schnaubt verächtlich. „Sieh dich um“, sagt sie und zeigt auf die windschiefen Blechhütten, die fäkalienübersäten Gassen und die stinkenden Müllkippen. „Sieht das hier aus, als wenn uns diese Weltmeisterschaft irgendetwas gebracht hätte?“

Babawa Portia lebt in Ramaphosaville, einem Elendsviertel am südöstlichen Rand der südafrikanischen Metropole Johannesburg. Babawa trägt eine kanariengelbe Pudelmütze, eine alte Strickjacke und abgetragene Halbschuhe. Babawa Portia ist 23 Jahre alt, spricht druckreifes Englisch und hat ein Diplom als Reisekauffrau in der Tasche. Trotzdem ist sie arbeitslos, was wohl auch damit zusammenhängt, dass sie am falschen Ort lebt. Denn Ramaphosaville, das ist Südafrika ganz unten. „Wir dachten, die WM würde uns Jobs bescheren“, sagt sie, „vielleicht sogar Wasseranschlüsse für unsere Hütten und Strom. Aber es war wie immer: Man versprach uns alles, aber eingehalten wurde nichts.“

Nirgends ging es so brutal zu wie in Ramaphosaville

Babawa erzählt von ihrem Bruder Bongena. Der hatte ein Stellenangebot gesehen, in dem Sicherheitspersonal für die beiden Johannesburger WM-Stadien gesucht wurde. Der Job war mit 7000 Rand im Monat sogar ganz gut bezahlt. Doch die Kosten der zweiwöchigen Ausbildung hätte er selbst tragen müssen. 2000 Rand (200 Euro) wollte die Firma dafür. „2000 Rand!“ Babawa lacht heiser auf. „Wer 2000 Rand besitzt, der lebt nicht mehr in Ramaphosaville“, sagt sie.

Genau zwei Jahre ist es her, dass Ramaphosaville international Schlagzeilen machte. Das zwischen einer Raffinerie und einem Goldbergwerk eingekeilte Township war damals so etwas wie das Epizentrum der fremdenfeindlichen Ausschreitungen, die Südafrika wochenlang in Atem hielten. Im ganzen Land kamen mehr als 60 Menschen ums Leben, weil der Mob glaubte, seinen Anspruch auf Arbeitsplätze und neue Wohnungen mit dem Totschlagen von Ausländern Nachdruck verleihen zu müssen. Die Regierung sah sich gezwungen, zum ersten Mal seit Ende der Apartheid 1994 die Armee im Innern einzusetzen, und über Johannesburg schwebten tagelang schwere Militärhubschrauber mit Schnellen Einsatzkommandos an Bord.

Orte wie Ramaphosaville gab es damals viele in Südafrika. Doch nirgends ging es so brutal zu. Ramaphosaville wurde zum Fanal, weil der Mob einen Moçambiquaner bei lebendigem Leib anzündete. Die Bilder des lichterloh brennenden Mannes gingen damals um die Welt und mit ihnen die hässliche Fratze eines Landes, das sich gerade anschickt, die nächste Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten. Die Lücken, die das Niederbrennen der Ausländerhäuser in die schiefen Reihen der Hütten von Ramaphosaville gerissen hat, sind heute längst wieder gefüllt. Sonst aber hat sich in dem Elendsviertel wenig verändert. Es gibt immer noch keinen Strom und nach wie vor lediglich vier öffentliche Wasserhähne für die rund 25.000 Bewohner. Das Einzige, was es in Ramaphosaville im Überfluss gibt, ist Frust.

Hinter der hochmodernen Fassade Johannesburgs brodelt die Armut

Mickey Phillips verteidigt sich. „Die Proteste richteten sich doch gar nicht gegen die Ausländer, sondern gegen unsere eigene Regierung“, sagt er. „Die Fremden waren das einzige Ventil, mit dem wir unserem Ärger Luft machen konnten.“ Die südafrikanische Regierung sah dies wohl genauso, denn im Nachgang zu den Ausschreitungen hagelte es Versprechungen: neue Häuser, neue Jobs, endlich Respekt. Seit 1996 wartet Mickey auf die Zuteilung eines sogenannten Low Cost House, einer staatlich subventionierten Sozialwohnung. Doch jedes Mal, wenn er bei der Stadtverwaltung vorspricht, sagt man ihm, er solle in sechs Monaten wiederkommen. Derweil steht seine Blechhütte unter Wasser, weil nach jedem Regenguss das Grundwasser nach oben drückt. Seine Küche: eine Schlammwüste; die spärlichen Möbel: vom Wasser aufgequollen. Das Bett haben er und seine Frau inzwischen auf Ziegelsteinen aufgebockt, damit sie zumindest nachts nicht im Wasser liegen. „Kannst du jetzt verstehen, dass ich manchmal nur noch zuschlagen will?“, fragt er.

Mickey ist so etwas wie der Ortsvorsteher von Ramaphosaville. Nach den Unruhen und vor allem nach dem fürchterlichen Tod des Moçambiquaners haben die Slumbewohner sich organisiert, um ihre Wut auf die Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) und deren korrupte Repräsentanten zu kanalisieren. Seither hat Mickey im Namen der Slumbewohner Petition um Petition geschrieben, um das Township an das Stromnetz anzuschließen und an die Wasserversorgung, um eine Kanalisation zu bekommen und billige Kredite für den Bau von festen Häusern. „Mann, ich weiß gar nicht, in wie vielen Meetings ich gesessen habe“, sagt er. Doch außer Reden sei nichts passiert.

400 Milliarden Rand (40 Milliarden Euro) hat die südafrikanische Regierung im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft seit 2006 in ihre Infrastruktur gesteckt. Es ist das größte Investitionsvorhaben in der Geschichte des Landes. Neue Straßen wurden gebaut, die Telekommunikation auf Vordermann gebracht, die Flughäfen erweitert und nicht zuletzt extravagante Fußballstadien errichtet. Städte wie Johannesburg und Durban verfügen nunmehr über eine hochmodern anmutende Fassade. Dahinter aber brodelt die Armut wie eh und je. Das südafrikanische Finanzministerium hat ausgerechnet, dass die Fußball-Weltmeisterschaft das Bruttosozialprodukt um 2,3 Prozent steigern wird. Glaubt man der Regierung, sind am Kap gerade goldene Zeiten angebrochen. „Für mich sind das Nachrichten wie von einem anderen Planeten“, sagt der arbeitslose Mickey Phillips.

„Was tut diese Regierung eigentlich für uns?“

Dick eingehüllt in einen zerschlissenen Pullover und einen schmutzigen Mantel, wartet Lindile Maluka auf die Dämmerung. Sie hockt vor ihrer Hütte, vor sich ein paar dürre Äste, mit denen die Familie später ein Feuer entzünden wird. So machen sie das immer, wenn sich der Winter über das Hochplateau von Gauteng legt und die Temperaturen nachts bis auf den Gefrierpunkt fallen: Ein Feuer unter freiem Himmel, weil im Innern der Hütte aus Blech und Sperrholz die Brandgefahr zu groß ist. Dann hocken sie im Kreis und warten drauf, dass die Müdigkeit sich ihrer erbarmt. Die Fußball-WM? „Natürlich bin ich stolz darauf, dass die Welt zu Besuch in Südafrika sein wird“, sagt Lindile. Aber wenn sie an das viele Geld denke, dass dafür ausgegeben wurde, werde ihr elend zumute. „Was tut diese Regierung eigentlich für uns?“, fragt sie. Schließlich könne niemand behaupten, er wisse nicht, wie es in Ramaphosaville zugehe. Die Nachrichten von den Straßenschlachten und der Hatz auf Ausländer seien um die ganze Welt gegangen. „Ich glaube, der Regierung wäre es am liebsten, wenn wir leise krepieren“, sagt sie.

Afonso will seinen Nachnamen nicht nennen. Afonso ist der letzte Moçambiquaner in Ramaphosaville. Vor den Ausschreitungen vor zwei Jahren waren es mehrere tausend. Keiner seiner Landsleute ist seither zurückgekommen. „Die Angst ist einfach zu groß“, sagt Afonso und steckt die Hände in die Taschen seiner silbern glänzenden Polyesterhose. Afonso spricht Zulu, was ihm das Leben in der Siedlung natürlich erleichtert. Trotzdem wurde seine Hütte vor zwei Jahren abgefackelt und sein bescheidener Besitz gestohlen. Sechs Monate lebte der Moçambiquaner in einem der hastig errichteten Flüchtlingslager auf der anderen Seite von Johannesburg. „Ich habe einen guten Job als Hausmeister in einer Kirche in Ringier Park“, erklärt er seine Weigerung, nach Moçambique zurückzukehren. Über seine Erfahrungen bei den Ausschreitungen will er mit Blick auf die neugierigen Nachbarn lieber nicht reden. Nur so viel: „Das kann jederzeit wieder passieren. Die Verzweiflung hier ist groß genug.“

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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