10.07.2010 · Die wirtschaftliche Bilanz der Fußball-Weltmeisterschaft fällt für das Gastgeberland gemischt aus. Kurzfristig wurden Tausende Arbeitsplätze geschaffen. Doch an der armen Bevölkerung ging der Aufschwung vorbei.
Von Claudia Bröll, JohannesburgFür Thulani, einen von Tausenden freiwilligen Helfern bei der Fußball-Weltmeisterschaft, gibt es keinen Zweifel: „Die WM ist das Beste gewesen, was Südafrika seit der Freilassung von Nelson Mandela erlebt hat“, meint der Minibus-Fahrer aus Soweto, „schau dir nur mal diese Stadien an, die schönsten der Welt. Da sollen die Leute ruhig meckern, dass andere Dinge wichtiger gewesen wären.“ Kurz vor dem Finale Spanien gegen Holland ist an jeder Straßenecke zu spüren, wie stolz die Südafrikaner sind, das Fußballturnier erfolgreich ausgerichtet zu haben - allen anfangs kritischen Stimmen aus dem Ausland zum Trotz.
Die wirtschaftliche Bilanz jedoch fällt gemischt aus. Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma sprach von einem „wirtschaftlichen Gewinn für unser Land.“ Eine Million ausländischer Besucher seien gekommen, drei Millionen Fans waren in den Stadien und 130.000 Arbeitsplätze wurden geschaffen, 66.000 in der Baubranche und 40.000 bei der Polizei.
Die deutsche Wirtschaft am Kap hat profitiert
Dafür hat der südafrikanische Staat aber auch mehr als 3,2 Milliarden Euro in Stadien, Telekommunikation und in die Verkehrsinfrastruktur gesteckt. Analysten rechnen damit, dass nur etwa 1,3 Milliarden Euro durch die ausländischen Besucher in die Wirtschaft zurückfließen. Einige der Arenen von Kapstadt bis Nelspruit werden wohl nie mehr gefüllt werden. Den Rest der Rechnung trägt der Steuerzahler.
Ob sich die WM für Südafrika langfristig lohnt, lässt sich nur schwer abschätzen. Zuma stellte bereits eine „veränderte Wahrnehmung Südafrikas“ in der Welt fest. Der weitgehend reibungslose Verlauf des Sportereignisses hat wohl tatsächlich zu einem Imagegewinn geführt. Die Bedenken vor der WM, dass die Südafrikaner keinen Zeitplan einhalten, nicht für Ruhe und Ordnung sorgen und die Kriminalität nicht eindämmen könnten, hätten sich zerschlagen, meint Iraj Abedian, Chef der Investitionsgesellschaft Pan-African Capital Holdings. Langfristig könne sich dies an steigenden Touristenzahlen und mehr ausländischen Direktinvestitionen zeigen.
Gleichzeitig hat Südafrikas Regierung aber noch milliardenschwere Aufgaben zu erledigen, die nach der WM vermutlich noch lauter eingefordert werden. Allein 2,4 Milliarden Euro müssen nach Schätzung der zuständigen Ministerin in die Abwasseraufbereitung investiert werden, um einen Kollaps des Systems zu verhindern. 2,1 Millionen Häuser für die Armen hat die Regierung versprochen, was über sieben Jahre hinweg mindestens 18 Milliarden Euro kosten soll. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die 11,7 Milliarden Rand (1,2 Milliarden Euro) für die Stadien noch für heftige Kritik sorgen werden“, prophezeit das Wirtschaftsmagazin Engineeringnews.
Die deutsche Wirtschaft am Kap indes hat profitiert, insbesondere von den vielen Infrastrukturprojekten. „Die überwiegende Zahl der deutschen Unternehmen ist sehr zufrieden gewesen mit der WM“, resümiert Matthias Boddenberg, Chef der Deutsch-Südafrikanischen Handelskammer. Insgesamt seien Aufträge in einem Wert von 1,5 Milliarden Euro vergeben worden. Allein auf Siemens entfielen Aufträge in einer Höhe von 1 Milliarde Euro. Mercedes-Benz SA lieferte 460 Busse, die während der WM pikanterweise mit Werbung des Fifa-Sponsors Hyundai auf der Karosserie herumfahren. Aber nicht nur die Großen haben mit der WM Geld verdient, auch der deutsche Mittelstand. So bekam der fränkische Zeltbauer Eschenbach den größten Auftrag in seiner Geschichte. Der ostbayerische Geschirr-Anbieter BHS schaffte 500.000 Geschirrteile an die Spitze Afrikas.
„Die Hoffnungen waren überzogen, viele sind enttäuscht“
In Südafrika fällt die WM-Bilanz indes nicht ganz so klar aus. Der City-Manager von Durban schwärmt, dass die Stadt allein mit der Bahn über dem Stadion 600.000 Euro eingenommen habe. Die Tourismusbranche dürfte das beste Geschäft in einer Wintersaison verbuchen. Allerdings waren die Erwartungen anfangs so hoch gesteckt, dass etliche Unternehmen viel investierten und die WM-Zeit mit Schulden beenden werden. In der Hotellerie gehören Häuser mit ein bis drei Sternen zu den Gewinnern. Einige Luxushotels hatten Mühe, die Zimmer zu füllen. Tausende holländische Fans wollen vom Zimmerangebot nichts wissen und übernachten lieber in Wohnwagen.
Dass die erste WM auf afrikanischem Boden auch der armen Bevölkerung hilft, glaubt indes kaum jemand mehr. „Die Hoffnungen waren überzogen, viele sind enttäuscht“, sagt Udesh Pillay vom Forschungsinstitut Human Sciences Research Council. Die Straßenhändler haben ihre Tageseinnahmen mit Fahnen und Vuvuzelas zwar oft vervielfacht. Viele Kleinunternehmer blieben jedoch wegen der strikten Vermarktungsregeln der Fifa außen vor. Nicht vergessen ist in Südafrika die Empörung darüber, dass die Fifa die meisten Merchandising-Produkte in Asien herstellen ließ. Selbst an den afrikanischen Holzfiguren, die extra zur WM in Fußballertrikots gesteckt wurden, hängt das Schild „made in Indonesia“.
Andere Länder wird das nicht abhalten
Wie bei allen großen Sportereignissen drehen die Fifa und die Sponsoren das ganz große Rad bei der WM. Zu den sechs ständigen Fifa-Partnern, Adidas, Coca-Cola, Emirates, Hyundai Kia, Sony und Visa, kamen in diesem Jahr acht weitere Sponsoren von Budweiser bis zu dem chinesischen Solarenergie-Unternehmen Yingli Green hinzu sowie sechs nationale Förderer aus Südafrika. Wie viel die Partner und Sponsoren gezahlt haben, ist geheim. Insgesamt sollen sich die Einnahmen aus Sponsorengeldern auf 1,2 Milliarden Dollar belaufen. Hinzu kamen 2 Milliarden Dollar aus dem Verkauf an Fernsehrechten sowie die Einnahmen aus dem Verkauf der VIP-Eintrittskarten. Nur ein Drittel der Einnahmen wird für die Austragung der WM verwendet. Die Fifa-Delegierten werden wohl mit einem Rekordergebnis in die Schweiz fahren.
Auch wenn sich die WM als finanzielles Abenteuer für Südafrika herausstellt - andere Länder wird dieser Umstand nicht von einer Bewerbung abhalten. Neun Kandidaten liefern sich einen Konkurrenzkampf um den Zuschlag für die WM 2018 und 2022. Südafrikas Regierung hat auch noch nicht genug. Sie will sich um die Olympischen Spiele 2020 bemühen. Fifa-Helfer Thulani ist in seiner WM-Begeisterung ebenfalls kaum zu bremsen. Er freut sich schon auf Brasilien und hat einen Traum. „Wenn es so weit ist, werde ich mich für die WM 2014 wieder als freiwilliger Helfer bewerben. Mal sehen, ob sie mich nehmen, auch wenn ich die Sprache nicht kann, aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert“.