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Mode und Fußball Nach dem Spiel ist vor dem Stil

10.06.2010 ·  Die Fußball-WM wird auch ein Mode-Event. Nie zuvor war der Look für Spieler so wichtig wie heute: Ein erfolgreicher Fußballer braucht eine erfolgreiche Erscheinung. Dabei haben auch Profisportler Problemzonen.

Von Corinna Thiel, München
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Der Louis-Vuitton-Laden auf der Maximilianstraße öffnet eine halbe Stunde früher. In der Herrenabteilung liegen Outfits für Fußballprofi Christoph Metzelder bereit, die ich vorausgewählt habe. Metzelder ist zum Anprobetermin aus Madrid zu seinem neuen Ausstatter gekommen. Welcher Anzug? Welche Schuhe? Welche Hemden? Früher kam eine exklusive Ausstattung nur großen Schauspielern vor Filmpreisen zugute. Heute genießen das wie selbstverständlich auch Fußballspieler.

Aber wie hat die Modewelt den Fußballsport entdeckt? Hätte Jürgen Klinsmann 1990 zugegeben, dass er Prada trägt - man hätte es für einen Versprecher gehalten. Als Oliver Bierhoff pionierhaft für Shampoo warb, hielt man ihn für weichgespült. Auch noch zur WM 1998 war das Interesse für das Aussehen der Profis gering. Dann wurde David Beckham zur Mode-Ikone, Metrosexualität wurde zum Modewort, und die Jahrtausendwende war auch eine Stilwende im Fußball.

Seitdem ist nach dem Spiel vor dem Stil. Heute cremt sich Bundestrainer Joachim Löw im Werbespot faltenfrei. Seine Spieler sehen seit 2006 modisch tadellos aus - seitdem die Modemarke Strenesse mit dem DFB zusammenarbeitet. Während die Nationalspieler bis in die Neunziger vor Turnieren peinliche Fußballlieder im Trainingsanzug singen mussten, posieren die besten deutschen Spieler nun für Strenesse schon zum dritten Mal für einen Starfotografen, dieses Mal für Ellen von Unwerth. Hugo Boss ist verantwortlich für das Auftreten des FC Bayern München oder von Real Madrid. Dolce und Gabbana statten das Nationalteam von Italien aus, Giorgio Armani den FC Chelsea.

Die Spiele werden immer noch auf dem Platz gewonnen. Früher waren dabei aber weder Vokuhila-Frisur noch ungetrimmte Augenbrauen ein Problem. Heute stellt sich die Frage nach dem Aussehen auch auf dem Rasen. Von der durchgestylten Rasur bis zum plakativ plazierten Tattoo am Unterarm: Der Look ist auch ein Ausdruck des Kampfgeistes. Der Fußball hat auch Frauen als neue Zielgruppe erreicht und der Werbeindustrie mehr Profitmöglichkeiten als je zuvor eröffnet.

Die deutschen Lieblingstypen sind zur Zeit Bastian Schweinsteiger und Mario Gomez, der gerade den Duft „Boss Bottled“ bewirbt. Nicht nur Versicherungen, Prinzenrollen oder Minisalamis lassen sich gut durch Sportsmänner verkaufen. Bei der Weltmeisterschaft 2010 sucht vor allem die Modeindustrie am Rasen nach Vorbildern. Wie gut sich jemand als Werbe-Idol eignet, dafür ist der eigene Stil maßgeblich. Denn beim Stil hört der Teamgedanke auf. Abseits des Platzes sind Fußballer Ich-AGs. Je sorgfältiger das Outfit, desto mehr Sicherheit gibt es den Sportlern im Auftreten. Das wiederum überträgt sich auf den Platz. Mode ist also bei Fußballprofis gleichzeitig Zeichen und Grundlage für den nächsten Erfolg.

Cristiano Ronaldo - Albtraum eines jeden Stylisten

Beispiel Christoph Metzelder, der gerade von Real Madrid zu Schalke 04 wechselt. Seit zwei Jahren berate ich ihn in Stilfragen. Im Jahr 2007 gründete er die „Christoph-Metzelder-Stiftung“, die sich um Bildungsprojekte für sozial schwache Jugendliche kümmert. Wenn er Sommerpause hat, wirbt er für sein Projekt, mal bei der Bundeskanzlerin, mal bei Kirchenvertretern, mal in den Medien, mal bei Modenschauen. Sein Outfit bei der Berliner Hugo-Schau 2008 - weißes Hugo-Hemd, grauer Cardigan, schmale Krawatte - brachte ihm den Titel „Stilvorbild“ ein und wird immer noch häufig kopiert.

Seither sehen große Modefirmen einen Fußballstar wie Metzelder gerne in der ersten Reihe bei ihren Schauen. Auch andere Kollegen von Mario Gomez bis Jens Lehmann waren schon bei Boss zu Gast. Von den Marken bekommen sie Outfits gestellt, die Stylisten stellen sie zusammen.

Der Beckham-Effekt wirkt nach. Viele Fußballer machen sich heute wie selbstverständlich ihre Gedanken über Mode, Uhren, Schmuck - das Budget haben schließlich schon Jungprofis zur Verfügung. Aber selbst wenn die Zeit der glitzernden „Ed Hardy“-Shirts vorbei ist: Aus geschmacklichen Alleingängen entstehen meist Total-Looks aus Logos, die einem Totalschaden ähneln. Zu sehen am Beispiel Cristiano Ronaldo, dem bekennenden Designer-Fan und Albtraum eines jeden Stylisten.

Auch Fußballer haben ihre Problemzonen

Christoph Metzelders größte Modesünde war nach eigenen Angaben eine mit Graffiti besprayte Jeansjacke, die er nie getragen hat. Er holt sich Rat, weil er seinen Look immer wieder neu gestalten und verfeinern möchte. Er bleibt nicht beim Nationalmannschafts-Outfit von Strenesse, sondern hebt sich gern mit mehr modischem Wagnis und internationalen Modemarken ab. Für inoffizielle Auftritte wählt er das Hamburger Label Closed. Die reduziert-modernen Anzüge von Louis Vuitton wird Metzelder, der dieses Jahr nicht an der WM teilnimmt, bei Fernsehauftritten als Experte bei Sky tragen.

Welcher Look also? In der Öffentlichkeit sollten die Hemdsärmel nicht herausgucken, die Krawatten farblich nicht unpassend wirken und sich erst recht keine Schweißflecken an hellen Anzügen zeigen. Von der Frisur bis zur Uhr spielt alles eine imageträchtige Rolle. Auch Fußballer haben ihre Problemzonen. Dem großen, aber schlanken Metzelder würde man wohl kaum Größe XL bei Hemden zutrauen oder eine Jeansweite von 34. Bei einer Größe von 1,93 Metern und einem Gewicht von 84 Kilogramm sind dennoch viele Hemden am Ärmelsaum zu schmal, Hosenbeine zu kurz, Sakkos zu schlaksig an der Taille oder Hosenbeine in Größe 102 zu beutelig.

Den hart erkämpften Körper will man zeigen

Außerdem formt der Fußballsport stolze Muskeln an den Oberschenkeln, die jeden Modedesigner zur Verzweiflung treiben. Schmale italienische Anzughosen oder Skinny-Jeans? Würden Metzelder und seine Kollegen optisch zu Kastanienmännchen machen. Nur weil ein Körper perfekt trainiert ist, sieht nicht alles gut an ihm aus. Proportionen müssen stimmen, Schnitte an manchen Stellen optisch verschlanken und Hemdkrägen in Form sitzen, erst recht, wenn die Krawatte abgestreift oder das Sakko abgelegt ist.

In der Mode ist es normal, dass man für Trends die Bequemlichkeit opfert. Fußballprofis hingegen gehen mit allem, was sie tragen, härter ins Gericht als normale Menschen. Komfort und Funktionalität ist schließlich die Grundlage ihrer Arbeitskleidung. Sie fühlen sich nur gut, wenn es nicht spannt, einengt oder kratzt. Und natürlich soll die Statur betont werden! Den hart erkämpften Körper will man zeigen, ohne als Muskelpaket aufzutreten. Muster und grelle Farben sind daher tabu, denn sie sorgen nicht für eine harmonische, männliche Silhouette. Grautöne und Marineblau sorgen dafür sehr wohl und gehören somit zu Metzelders Favoriten.

Doch das entscheidende Geheimnis: Man muss sich den Unterschied zwischen Mode und Sport verdeutlichen. Im Fußball hat nur das Team gemeinsam Erfolg. In der Mode sticht der Einzelne hervor. Christoph Metzelder hat sich da etwas von den Gentlemen in Madrid abgeschaut. Er trägt zum Beispiel gern ein Einstecktuch im Sakko, was ironisch elegant wirkt. Ein anderes Accessoire muss aber vor der Männlichkeit haltmachen. Zu den gerade sehr angesagten Ledersandalen könnte ich Christoph Metzelder nie überreden.

Corinna Thiel ist Elle-Redakteurin und Stylistin.

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