06.07.2010 · Selten sind Kinder abends so lange wach wie in den WM-Wochen. Die Kleinen gewinnen die Überzeugung, doch in einem Land voller fröhlicher Menschen zu leben, was ihnen gelegentlich schon anders vorkommen musste. Das Turnier ist zudem eine lockerleichte Sachkunde-Stunde.
Von Michael HierholzerSelten einmal sind die Kinder abends so lange wach wie in den Wochen der Fußballweltmeisterschaft. Die sonst rigide eingehaltene Fernseh-Abstinenz ist aufgehoben, und Mädchen sowie Junge sitzen gebannt vor Spielen wie Uruguay gegen Ghana. Zwar ist nicht völlig klar, ob sie wirklich verstehen, was da vor sich geht, aber alles in allem ist dies eine Zeit des Lernens und Begreifens. Mit dem grandiosen Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Viertelfinale bewegen wir uns etwa im „Zahlenraum eins bis zwanzig“, den zu beherrschen das am Freitag ausgeteilte Zeugnis der Erstklässlerin am Ende des Schuljahres zwar schon bescheinigt hat, in dem weiterhin zu üben aber keineswegs schadet. Auch der kleine Bruder, der noch ein seliges Jahr ohne Lehrerin verbringen darf, hat dank der Reaktionen seiner Umwelt schon eine klare Vorstellung davon, dass „vier“ ziemlich viel und „null“ ausgesprochen wenig ist.
Zudem gewinnen die Kleinen nunmehr die Überzeugung, doch in einem Land voller fröhlicher Menschen zu leben, was ihnen gelegentlich schon anders vorkommen musste, wenn missgelaunte Erwachsene auf ihre Späße so ganz und gar nicht reagierten. Jetzt allerdings klatschen sich wildfremde Menschen im überfüllten Café am Offenbacher Hafen 2 in die Hände, reißen die Arme hoch und brechen in lauten Jubel aus.
Eine lockerleichte Sachkunde-Stunde
Alle benehmen sich wie Kinder, da lassen sich die Sprösslinge nach anfänglicher Überraschung über so viel erwachsene Albernheit nicht lange bitten und machen mit. Eine Schule der Gefühle, diese Fußball-WM. Die Frankfurter Kinder erfahren unter anderem, dass es auch in Offenbach ein Leben gibt. Und erstklassige Bratwürste.
Das Turnier im fernen Südafrika ist zudem eine lockerleichte Sachkunde-Stunde. Sohn und Tochter hören von Ländern, die selbst Volljährige nicht auf Anhieb auf dem Globus finden. Und dank der Sammelbildchen, mit denen der Nachwuchs schon am Frühstückstisch Quartett spielt, ist ihm geläufig, wer für die Stimmungsaufhellung in Land und Wohnküche verantwortlich ist: Klose, Podolski, Özil, Müller, Schweinsteiger und Co sind ihnen so geläufig wie Prinzessin Lillifee und Käpt'n Sharky. Der Fünfjährige aber wundert sich immer noch, dass es bei dem Spiel zwei Tore gibt. Mit seinen Kumpels im Kindergarten spielen sie immer nur auf eins.