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Im Gespräch: Steffi Jones Wie wird man Kaiserin?

15.06.2010 ·  In Jackett und Jeans begrüßt Steffi Jones in ihrem Büro beim DFB in Frankfurt. Sie ist Präsidentin des Organisationskomitees für die Frauen-Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland. Fußball ist der Kick ihres Lebens.

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Warum spielen Frauen Fußball? Das gibt doch nur blaue Flecken, und manch einer hält den Sport für unfeminin.

Frauen spielen Fußball aus genau den gleichen Gründen wie Männer: Es ist die schönste Sportart der Welt. Sie hat mir geholfen, meine Persönlichkeit zu entwickeln. Fußball verbindet und verzaubert alle Menschen. Da spielen weder das Geschlecht noch die Religion oder die Nationalität eine Rolle.

Und nun ein Bürojob für eine Vollblutsportlerin? Fehlt der Stürmerin Jones nicht der Rasen als Lebensgrundlage?

Klar fehlt mir etwas. Aber meine neue Aufgabe ist wirklich toll, zumal ich gar nicht so sehr mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt bin. Ich bin viel unterwegs, lerne unglaublich viele Persönlichkeiten kennen, gehe in Schulen, treffe Politiker, einfach großartige Menschen von klein bis groß. Als Spielerin war ich Repräsentantin, und das bin ich jetzt auch. Das ist eine Verantwortung, die ich mit Stolz trage.

Wie kamen Sie zum Fußball? Zu Ihrer Zeit war durch Steffi Graf doch Tennis angesagt?

Wo mein älterer Bruder war, da war auch ich, zumal er immer auf mich aufpassen musste. Er spielte immer bei uns vor dem Haus Fußball mit seinen Freunden. Na, und ich wollte mitspielen. Aber die Jungs waren dagegen. Erstens, weil ich ein Mädchen, und zweitens, weil ich noch so jung war. Doch mein Bruder konnte sich letztlich durchsetzen. Das war 1976. Und so stand ich mit vier Jahren zunächst im Tor. Irgendwann durfte ich dann auch mal im Feld mittun - und plötzlich hieß es: Die kann ja ganz gut Fußball spielen.

War der Fußball also eine Zufallskarriere?

Nein, absolut nicht. Meine Mutter war anfangs dagegen, dass ich Fußball spiele. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn ich in den Tennisverein eingetreten wäre. Ich habe das Tennisspielen auch versucht. Wie jeder Sport hat es mir Spaß gemacht. Aber es war einfach nicht mein Ding. Meine Leidenschaft war von Anfang an Fußball und ist es auch geblieben.

Sie gaben sich lange Zeit knabenhaft, hatten kurze Haare, um als Junge durchzugehen.

Ja. Die eigentlichen Pioniere haben bei den Jungs sogar nur mit einem Jungennamen mitspielen können, weil Fußballspielen im Verein sonst gar nicht möglich war. Erst seit 1970 ist es beim Deutschen Fußballbund offiziell erlaubt, dass Mädchen bis zum zwölften Lebensjahr bei den Jungen mitspielen dürfen - allerdings noch nicht in jedem Bundesland. Aber ich durfte. Und auch als Steffi. So landete ich beim SV Bonames.

Wie war Ihre Stellung in der Mannschaft?

Ich war sofort anerkannt, denn die Jungs sahen, dass sie in mir eine echte Verstärkung hatten. So wurde ich auch gleich zur Spielführerin ernannt. Ich war anfangs Stürmerin und habe auch Tore geschossen. Und schon hatte ich ein weiteres Ziel: Ich wollte mit meinen Jungs zur Frankfurter Eintracht, wollte nichts sehnlicher als Profi werden.

Aus der Eintracht wurde dann aber nichts . . .

Richtig. Denn es hatte sich relativ schnell herumgesprochen, dass ich als Mädchen in einer Jungenmannschaft spielte. Eines Tages kam die Spielerin Monika Staab, die sich auf Fifa-Ebene auch heute noch national wie international sehr für den Mädchen- und Frauenfußball engagiert, auf mich zu und fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, in ihrem Club mitzuspielen. Von Monika Staab hatte ich natürlich schon viel gehört und war von ihr fasziniert. Schließlich war sie eine der ersten deutschen Fußballspielerinnen überhaupt. Also wechselte ich im Jahr 1986 in die Mädchenmannschaft der SG Praunheim. Dort machte ich eine für meine persönliche Entwicklung sehr wichtige Erfahrung. Ich stellte nämlich fest: Mensch, du musst ja gar nicht so bubenhaft sein. Ich kann auch als Mädchen mit Mädchen spielen. Für eine Dreizehnjährige ist das wichtig.

Wer waren außer Frau Staab Ihre Vorbilder?

Als ich anfing, gab es noch nicht viele Mädchen- und Frauenmannschaften in meinem Umkreis. Deshalb hatte ich erst mal männliche Vorbilder. Vorneweg natürlich Franz Beckenbauer, Pelé und Maradona. Als ich 1989 die Frauen-Europameisterschaft sah, waren es dann Frauen wie Martina Voss, Silvia Neid, die heutige Bundestrainerin, oder Doris Fitschen. Und natürlich fand ich toll, dass es überhaupt eine Frauen-Nationalmannschaft gibt. Mit sechzehn durfte ich dann bereits bei der Frauenmannschaft der SG Praunheim mitspielen und war mächtig stolz. Mit Monika Staab als Mannschaftsführerin gelang uns der Aufstieg in die Bundesliga im Jahr 1990. Das war das absolute Highlight meiner jungen Karriere. Und schon war ich Nationalspielerin.

Wieso macht das Frauen-Nationalteam eigentlich so viel mehr Tore als die Männer?

Weil der Männerfußball schon so lange existiert, ist die Leistungsdichte international einfach größer. Bei den Frauen ist das anders: Viele Nationen sind noch nicht so weit, der Frauenfußball hat weltweit noch nicht den gleichen Stellenwert wie hierzulande. Es gibt kaum so professionelle Strukturen wie in Deutschland durch den DFB. Beim Nachwuchs sieht das aber schon ganz anders aus. Bei den Spielerinnen unter zwanzig Jahren haben wir deutlich mehr Mannschaften, die gleichwertig sind. Schon 2015 wird das WM-Teilnehmerfeld daher auch von sechzehn auf vierundzwanzig Teams aufgestockt. Das wird man unmittelbar an den Spielergebnissen merken. Resultate mit 17:0 oder so wird es dann nicht mehr geben.

Deutschland also an vorderster Spitze?

Ja, wir sind zum Pacemaker für den Frauenfußball geworden. Einst waren uns die Vereinigten Staaten und die skandinavischen Länder voraus. Jetzt sieht man Deutschland als das große Vorbild. Das war für die Fifa auch der Grund, die Weltmeisterschaft nächstes Jahr hier auszutragen.

Zurück zu Ihnen. Veränderte Ihre Mutter später ihre skeptische Einstellung, als sie die Erfolge der Tochter sah?

Sie war ja nur anfangs dagegen, weil sie der Meinung war, dass Fußball ein Männer- und Proletensport wäre, bei dem Väter mit Bierflaschen am Spielfeldrand stehen. Als sie dann wirklich zu einem Spiel von mir mitkam, ist mir das unvergesslich geblieben - und nicht nur mir. Es war das Derby FSV Frankfurt gegen SG Praunheim im Jahr 1989. Als ich gefoult wurde, rannte meine Mutter mit dem Regenschirm auf den Platz. Sie hatte die feste Absicht, meine Gegenspielerin damit zu vermöbeln. Es war nicht ganz einfach, sie von ihrem Vorhaben abzubringen und ihr zu erklären, dass es eben auch mal ein Tackling gibt. Wie gesagt, sie war das erste Mal dabei und sah, dass ihre Tochter fällt, schreit und dabei vielleicht auch Schmerzen hat. Es gab viele Mütter, die auf den Platz wollten (lacht).

Aber dann wurden Sie ja bald Profi-Fußballerin.

Na, erst mal war ich in der U 19, wie sie damals hieß. Das war ein wichtiger Meilenstein für mich. Denn ich wurde Torschützenkönigin. Das war schon etwas. Damals hatte ich auch meinen ersten Fernsehauftritt: im „Sportkalender“ von HR 3. Ich war supernervös und brachte kaum ein Wort heraus. Alle meine Medienauftritte hat meine Mutter gesammelt. Diesen ersten spielt sie mir vor, wenn sie mich ärgern will oder um mir zu beweisen, wie sehr ich mich seitdem weiterentwickelt habe. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mit einem sehr großen Pokal in Form eines Fußballs, einem Scheck über tausend D-Mark und einem Blumenstrauß nach Hause kam. Die Blumen beachtete ich nicht weiter. Und das Geld, eine für mich damals sehr große Summe, wollte ich gleich ausgeben. Doch die Mutter sagte mir: „Die Blumen gehören in die Vase, und das Geld gibst du nicht aus. Damit machst du etwas Anständiges.“

Und heute sind Sie Kaiserin!

Ich bin schon stolz, wenn man mich so nennt. Zumal ich Franz Beckenbauer sehr verehre, als sportliches Vorbild und als Mensch, der immer bodenständig geblieben ist. Das ist auch mein Motto: Niemals abheben. Der Titel als Torschützenkönigin war ja nur ein Anfang. Dann kam der Wechsel zum FSV Frankfurt. Die hatten sehr viele Nationalspielerinnen - eine für mich unglaubliche neue Erfahrung, die mich mit Ehrfurcht und Stolz erfüllte. Da stand dann an, um die Deutsche Meisterschaft zu spielen und den DFB-Pokal zu gewinnen.

Hatten Sie immer schon den Plan, so weit zu kommen?

Als ich noch jung war, war es für mich unvorstellbar, jemals Nationalspielerin zu werden. Als ich aber in der Hessenauswahl spielte und ich von den Trainern hörte: „Du bist gut, du kannst es schaffen“, habe ich irgendwann gedacht: Okay, vielleicht kann ich das ja wirklich. Dann spielte ich in der Meisterschaft und lebte plötzlich in einer anderen Welt. Denn es ist eine sehr große Ehre, mit den besten Spielerinnen Deutschlands auf dem Trainingsplatz zu stehen, mit ihnen spielen zu dürfen und eben Wochenende für Wochenende auch gegen sie spielen zu müssen. Und wenn es dann um ein Länderspiel geht, dann stehen die plötzlich neben dir. Das ist wirklich unbeschreiblich. Diese Zeit will ich niemals missen - und auf diese Zeit bin ich auch stolz. Wenn dann Kinder oder Erwachsene ein Autogramm wollten, fühlte ich mich wahnsinnig geehrt. Man wird nun mal nicht so einfach Nationalspielerin. Und wenn sich jemand diesen Traum erfüllen kann, weil er einfach Disziplin, Willen und natürlich auch gute Trainer und Talent hat, dann ist das herrlich. Man sollte dabei aber immer daran denken, dass das nicht jeder kann.

Haben Sie eine Vision für den Frauenfußball?

Na klar. Ich möchte einfach, dass der Mädchen- und Frauenfußball sich stetig weiterentwickelt. Es wäre toll, wenn jedes Mädchen einen Verein in der Nähe finden kann, um Fußball zu spielen. Wenn wir es darüber hinaus auch noch schaffen, dass die Frauen in der Bundesliga zu Halbprofis oder gar zu Profis werden, dann sind wir am Ziel. Dabei denke ich gar nicht an Millionengagen - es wäre einfach schon schön, wenn wir es schaffen, dass die Mädels nicht mehr nebenher arbeiten gehen müssen, um ihren Traum wahr werden lassen zu können. So wie ich das konnte. Als Profi habe ich ja auch nicht mehr nebenher arbeiten müssen. Deshalb finde ich es aber auch nicht gut, den Mädels schon frühzeitig die Verantwortung abzunehmen, indem man ihnen alles fertig auftischt. Denn Persönlichkeitsentwicklung ist ganz wichtig. Man muss bodenständig bleiben. Wir sind da auf einem guten Weg.

Wird die Weltmeisterschaft 2011 dem Frauenfußball weiter auf die Sprünge helfen?

Mit Sicherheit. Ein Jahr vor der Frauen-WM sind alle Sponsoren schon an Bord. Das gab es so noch nicht. Der bisherige Kartenverkauf hat mit bislang einer Viertelmillion Karten die Erwartungen bereits weit übertroffen. Unser Ziel ist ganz klar: eine unvergessliche WM auszurichten.

Was machen Sie eigentlich, wenn es bei Ihnen mal nicht um Fußball geht?

Viel Zeit für Freizeitaktivitäten bleibt tatsächlich nicht. Die brauche ich aber auch gar nicht, weil ich im Moment das Abenteuer, eine Weltmeisterschaft mitorganisieren zu dürfen, wirklich in vollen Zügen genieße. Ich weiß, dass dies ein ganz besonderer Lebensabschnitt ist. Wenn ich aber noch dazu komme, lese ich sehr gerne, vor allem Krimis. Es gibt da eine Reihe, die im Raum Frankfurt spielt. Die finde ich sehr spannend und unterhaltsam, weil man die Handlung durch die eigene Kenntnis der Orte so gut verfolgen kann. Dabei kann ich hervorragend abschalten.

Das Gespräch führte Susanne Roeder.

Quelle: F.A.Z.
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