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Im Gespräch: Markus Merk „Ich wurde verdammt“

29.06.2010 ·  Markus Merk war einer der besten deutschen Referees. Nach dem Karriereende kann er sich eine unabhängige Meinung leisten. Im F.A.Z.-Interview spricht Merk über Lampards „Wembley-Tor“, technische Hilfe - und die starre Haltung der Fifa.

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Wembley II oder Bloemfontein-Tor - an den nicht gegebenen Treffer von Frank Lampard im WM-Achtelfinale gegen Deutschland wird man noch lange denken. Die Rufe nach technischer Unterstützung werden immer lauter - nur der Weltverband verweigert sich vehement. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der frühere deutsche Spitzen-Schiedsrichter Markus Merk über Lampards „Wembley-Tor“, technische Hilfe und die Haltung der Fifa.

Nach Lampards nicht anerkanntem Tor gegen Deutschland: Führt jetzt kein Weg mehr vorbei am Videobeweis?

Jetzt ging es positiv für uns aus. Jetzt hat man neben dem Wembley-Tor noch das Bloemfontein-Tor. Das ist eine tolle, eine unfassbare Geschichte, viele sprechen von ausgleichender Gerechtigkeit für Wembley. Aber die Frage ist doch: Will man das überhaupt noch sehen? Will man sehen, dass Frankreich nur dank eines Handspiels zur WM fährt? Das ist schon keine Frage mehr, sondern eine Feststellung. Nein, man will es nicht mehr sehen.

Also sollte sich der Schiedsrichter die entscheidenden Szenen am Bildschirm anschauen können?

Es war ein klares Tor der Engländer. Dafür hat ein Blick auf den Monitor gereicht. Der Ball war ja weit hinter der Torlinie. Aber das ist die große Ausnahme. Je näher der Ball der Linie rückt, desto schwieriger wird es. Dafür braucht man den Chip im Ball. Ich habe vor mehr als drei Jahren viel gesagt zum Thema technische Hilfsmittel. Ich nenne es lieber elektronisches Auge. Ich habe rund 30 Punkte skizziert. Aber wie das leider oft ist in unserer Gesellschaft, wurden meine Aussagen verdammt.

Haben Sie sofort gesehen, dass Frank Lampards Ball im Tor war?

Ich werde bei dieser Weltmeisterschaft keinen Schiedsrichter kritisieren. Das maße ich mir nicht an. Aber man hätte es sehen sollen. So ein Fehler passiert nun einmal. Außerdem hat der Assistent ja gar nicht auf der Linie gestanden. Der Schuss kam aus etwa 20 Metern. Ein Torassistent, wie er in der Europa League getestet wurde, hätte es möglicherweise gesehen – möglicherweise. Am Abend (im Spiel Argentinien gegen Mexiko, die Red.) hätte ein Torassistent aber nicht geholfen. Das war ein ganz anderer Fall, den wir aber mit dem aus dem Deutschland-Spiel vergleichen müssen.

Am Abend hat Roberto Rosetti eine Abseitsstellung des argentinischen Torschützen Carlos Tevez nicht erkannt.

Jorge Larrionda und Roberto Rosetti schätze ich als sehr seriöse, hochkompetente Fachleute und Persönlichkeiten. Trotzdem sind ihnen zwei gravierende Fehler mit Spielbeeinflussungen passiert. Mein Vorschlag war deshalb ja, dass alle drei Parteien, die Teams und der Schiedsrichter, pro Spiel maximal zweimal ein Vetorecht haben und eine Klärung am Bildschirm fordern können. Der Fußball mit seiner Attraktivität und Emotionalität muss erhalten bleiben. Aber wir leben auch im 21. Jahrhundert.

Wie geht es einem Schiedsrichter nach so einer Fehlentscheidung?

Wenn sie so eine Szene im Spiel haben und ihren Fehler später im Fernsehen sehen, ist das ein Trauma.

Manuel Neuer hat nach dem Fast-Tor den Ball sofort aufgenommen und wieder ins Spiel gebracht. Hat er damit den Schiedsrichter beeinflusst?

Manuel Neuers Nichtzögern hat dem Schiedsrichter vielleicht eine Information in Richtung kein Tor gegeben. Aber Neuer konnte gar nicht sehen, ob der Ball hinter der Linie war. Hätte er es gesehen, hätte er gezögert. So cool kann man gar nicht sein. Das Zögern hätte dem Schiedsrichter eine Information gegeben. So hatte das Spiel einen natürlichen Fluss. Diese Szene werde ich für meine Vorträge als Beispiel nehmen.

Der Weltverband zeigt sich hinsichtlich Ihrer Forderungen bislang stur.

Es waren keine Forderungen, die hat es nie gegeben. Aber wenn die Fifa sagt: „For the best of the game“, frage ich mich, ob das noch zeitgemäß ist. Sollte es nicht lieber „For the most fair of the game“ heißen? Man hat mir vorgeworfen, ich wollte eine Lex Merk, ich wolle etwas erreichen wie Marc Bosman. Darum geht es nicht. Wir müssen verbessern, ohne großzügig zu verändern.

Haben Sie nun Hoffnung, dass die Fifa Ihre Vorschläge aufgreifen wird?

Ich lebe in diesem Bereich nicht von Hoffnung. Als wäre das ein Kampf von mir gegen die Fifa oder der Fifa gegen mich. Es ist mir eine Herzensangelegenheit. Vielleicht öffnet man sich und hört auch auf Leute, die etwas zu sagen haben, denen es um die Sache und nicht den eigenen Glanz geht.

War Larriondas Fehler spielentscheidend?

Ich bin überzeugt davon, dass unsere Jungs das Spiel auch so gewonnen hätten. Es war eine tolle Leistung.

Das Gespräch führte Arne Leyenberg.

Quelle: F.A.Z.
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