21.06.2010 · Der Zerfall des französischen WM-Teams hat eine gesellschaftliche Dimension. Seit Jahrzehnten spielt Frankreich nicht nur einfach Fußball, sondern historisch-politischen Fußball. Das beweist ein Vergleich der Ereignisse vom 18. Juni 1940 mit denen des Jahres 2010.
Von Jürg AltweggGanz so unerwartet wie die Niederlage von 1940, die von vielen herbeigesehnt worden war, kam jene gegen Mexiko nicht. Aber keiner hat erwähnt, dass es der siebzigste Jahrestag von Pétains Angebot zur Kollaboration war. Alle schickten sich an, die Erinnerung an de Gaulles Appell zum Widerstand aus London am Tag danach zu zelebrieren: den 18. Juni 1940. Militärisch war die Résistance eher unbedeutend. Aber sie hat Frankreichs Ehre gerettet. 1944 stand es unvermittelt auf der Seite der Sieger und konnte sich weiter als Großmacht fühlen. Jahrzehnte später bröckelte der Mythos, das Land wurde von seiner verdrängten Geschichte eingeholt und geriet in einen Taumel des Aufarbeitens, Bewältigens, Büßens und Erinnerns.
Das Heil kam vom Fußball: Die Weltmeisterschaft im eigenen Land wurde zur Katharsis für Vichy und der Triumph der antifaschistischen Kicker zum Sieg über die Dämonen der Vergangenheit verklärt. Den 12. Juli 1998 mit dem Endspiel feierten die Franzosen als schönsten Tag – und Sieg – seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die multikulturelle Nationalmannschaft „Black, blanc, beur“ der Schwarzen, Weißen und Kinder der arabischen Einwanderer wurde wie die Résistance 1944 zum Modell für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Das euphorisch gestimmte Land sollte seiner Nationalmannschaft gleichen. Auch die Intellektuellen waren an diesem Prozess beteiligt.
Jeder gegen jeden und alle gegen Gourcuff
Doch die Illusionen zerschlugen sich schneller noch als die Hoffnungen der Résistance. 2002 kam Le Pen, der die schwarzen Spieler verhöhnt hatte, in die Stichwahl, und wenige Wochen später schossen die Titelverteidiger bei der WM in Asien kein Tor. Die Banlieues brannten, und Sarkozy wurde Präsident. Als die Qualifikation für 2006 zu scheitern drohte, holte Nationaltrainer Raymond Domenech widerwillig die Rentner Zidane & Co. aus dem Ruhestand. Im geläuterten Deutschland mobilisierten die Franzosen noch einmal ihre ganze antifaschistische Stoßkraft und brachten es ins Endspiel in Hitlers Olympiastadion, wo Zidane unter dem Druck der historischen Verantwortung gegen Mussolinis Enkel Amok lief und die Franzosen um die unverdiente Rückeroberung der Weltherrschaft brachte.
Die trügerische Vizeweltmeisterschaft verstärkte den Realitätsverlust. Die Europameisterschaft 2008 wurde zum Fiasko. Genauso peinlich war die unmoralische Qualifikation für Südafrika. Aus der grenzenlosen Liebe zu „les Bleus“ wurde eine fortschreitende Entfremdung. Als arrogant und egozentrisch werden sie wahrgenommen. Sie spielen nicht miteinander und nicht für ein Ideal, sondern nur noch um Geld und gegeneinander. Die Nationalmannschaft sei in rivalisierende Clans und Cliquen zerfallen, berichtete „Le Monde“ vor dem Spiel gegen Mexiko: „die Schwarzen von den Antillen, die Schwarzen aus Afrika, die Weißen, die Muslime, die Söldner im Ausland, die Spieler in französischen Klubs“. Und keiner mit Gourcuff, dem Sohn ohne Migrationshintergrund aus dem französischen Bildungsbürgertum. Die Nationalmannschaft war vom Vor- zum Spiegelbild der Gesellschaft geworden.
So ein Frankreich will niemand
Wenn sich Frankreich schwach fühlt oder in der Krise steckt, hält es sich an Charles de Gaulle. Noch nie ist ein 18. Juni so intensiv zelebriert worden wie zu seinem siebzigsten Jahrestag. Sarkozy, alles andere als ein Gaullist, inszenierte den Kult, um das Erbe nicht seinem gefährlich Rivalen Dominique de Villepin zu überlassen. Der gründete am Wochenende seine neue Partei gegen Sarkozy – und instrumentalisierte bereits die Niederlage: „Wir wollen ein Frankreich, das wie unsere Nationalmannschaft ist, verhindern.“ Am 18. Juni starb auch noch General Marcel Bigeard, der im Krieg mit de Gaulle – und den Alliierten gekämpft hatte. Er hatte in den Kolonien gefoltert und blieb de Gaulle treu, als die Generäle in Algier gegen ihn putschten.
Wie auf Bestellung hatte sich zum Gedenktag das neue nationale Debakel eingestellt. Man sage, im modernen Fußball gebe es keine kleinen Mannschaften mehr, schrieb „Le Monde“: „Wir beweisen das Gegenteil, wir sind eine kleine Fußballnation.“ Gescheitert ist sie an der politischen wie ideologischen Instrumentalisierung bis hin zur historischen Mission. Diese Dramaturgie konnte nur ins Chaos zurückführen. Auch der Ausschluss eines Sündenbocks konnte die Gruppe nicht mehr zusammenschweißen. Im Stadion gilt heute Abend wie 1940 auf dem Kriegsschauplatz: Ohne fremde Hilfe kann Frankreich nicht weiterkommen. Aber selbst die Chance einer moralischen Ehrenrettung haben die streikenden Spieler vergeben. Die Intellektuellen Jacques Attali und Alain Finkielkraut wünschen den Franzosen – wie die Eliten von 1940 – die Niederlage. Die Auferstehung wird kommen. Marcel Bigeard hat angeordnet, seine Asche über Dien Bien Phu in Vietnam verstreuen zu lassen – dem emblematischen Ort seiner verlorenen Schlachten.
haarsträubend!
Joerg E. Vetter (joeve)
- 21.06.2010, 21:00 Uhr
Na, na! Es ist einfacher...
Thomas Seifert (Thomas_Seifert)
- 21.06.2010, 21:35 Uhr
Rorschachtest
thomas vogel (t.u.vogel)
- 22.06.2010, 11:42 Uhr
Das ist ja ein echtes Erfolgsmodell da in Frankreich
Chris Deister (Unke)
- 22.06.2010, 19:09 Uhr