27.06.2010 · Fußball ist immer auch die Kunst der Veränderung: Die Deutschen spielen keinen deutschen Fußball mehr, die Engländer verzichten auf ihr „Kick and Rush“. Beide Teams sind längst ein Spiegelbild ihrer Ligen und Gesellschaften.
Von Christian EichlerGibt es eine deutsche Art, Fußball zu spielen? Und eine englische? Und wie hängt das mit Erfolg oder Misserfolg der Nationalteams zusammen? Der Engländer Nick Hornby fand darauf, im Gespräch mit einem Deutschen, eine Antwort: „Wollt ihr wissen, warum ihr meistens trotz mieser Leistungen doch noch gewinnt? Weil spätestens nach fünfzig Minuten die Gegner komplett das Interesse an euch verloren haben. Ihr Deutschen spielt einen derart langweiligen Fußball, dass einem schon beim Zusehen die Beine einschlafen.“ Hornby kennt sich aus. Er hat mit „Fever Pitch“ einen literarischen Klassiker über die Fußball-Leidenschaft geschrieben.
Doch seine ironische Definition des deutschen Fußballstils war schon kurz vor der WM 2006, als er sie aussprach, nicht mehr ganz aktuell. Ermüdend effizienter Fußball stand nicht mehr auf dem Trainingsplan, seit Jürgen Klinsmann das Nationalteam übernommen hatte. Joachim Löw hat das fortgesetzt. Das Resultat sieht man, mit allen Risiken und Nebenwirkungen, bei dieser WM: ein Team, das eine Idee und eine Identität hat. Oder sie zumindest vor Augen hat: einen aktiven, kreativen, jugendlichen Fußball.
Fußball ist immer die Kunst der Veränderung
Bevor England nun den deutschen Jahrgang 2010 und dessen Stilsicherheit auf die bisher härteste Probe stellen wird, hat die WM in Südafrika bisher gezeigt, wie sich eine neue Generation von Nationalspielern schon ganz selbstverständlich in diesem modernen Verständnis des Spiels bewegt. Auch diese deutsche Mannschaft ist deutsch durch und durch. Aber sie spielt nicht mehr deutschen Fußball. Sondern einen ganz eigenen, internationaleren Fußball. Sie spielt Bundesliga-Fußball. Und das ist heute wieder eine Auszeichnung.
Auch die Engländer spielen nicht mehr englischen Fußball und schon gar nicht „Kick and Rush“, wie Franz Beckenbauer meckerte. Sie spielen Premier-League-Fußball. Wie die elf Deutschen, denen sie an diesem Sonntag in Bloemfontein begegnen werden, haben die elf Engländer als Profis nie ihre heimische Liga verlassen. Aber die englische Liga ist wie die deutsche längst eine Fusion nationaler und internationaler Stile und Tugenden geworden. Das Resultat bei beiden ist eine Spielidee, die nationale Stärken mit ausländischen Einflüssen vereint: druckvoll, dynamisch, temporeich und mit kollektiven Bewegungsmustern, die, egal ob direkt oder diagonal verlaufend, immer den Zug zum Strafraum haben.
Die großen Ligen prägen immer mehr den WM-Fußball
Dabei schien das deutsche Team, zumindest beim 4:0 gegen Australien, bereits von der Spielweise beeinflusst, die Louis van Gaal in seiner ersten Trainersaison beim FC Bayern durchgesetzt hat. Die Stärken des Vereinsfußballs, der großen Ligen, der Champions League, prägen immer mehr den WM-Fußball. Brasilien spielt wie Inter Mailand plus Kaká und Robinho. Spanien spielt wie der FC Barcelona plus Villa (der bald nach Barcelona wechselt). Verlierer sind jene Nationalteams, die sich den Impulsen des Klubfußballs verschließen, weil sie, wie Italien und Frankreich, die glorreiche Vergangenheit konservieren wollten.
Frankreich war 1998 ein Pionier, als es den WM-Titel mit einer multikulturellen Elf gewann, deren Wurzeln in allen fünf Kontinenten lagen. Doch seitdem hat man sich nicht mehr geöffnet und ein eher statisches System, in dem man vom Genie eines Einzelnen abhing, zementiert. Als dieses Genie, Zinédine Zidane, abtrat, fand man kein neues Spielkonzept, weil man keines suchte. Das „Ancien Régime“ von Raymond Domenech war zu sehr mit sich selbst und dem Beharren auf alten Verteidigungsstellungen befasst. Ebenso wie Italien, das mit den alt und lustlos gewordenen Weltmeistern von 2006 Schiffbruch erlitt. Nun beklagt man einen Mangel an Talenten. Aber es gab auch einen Mangel an Mut für eine Veränderung des italienischen Stils.
Nicht Schnelligkeit ist entscheidend, sondern Beschleunigung
Fußball ist immer die Kunst der Veränderung. Die Veränderung eines Teams, einer Taktik, einer Position, einer Raumaufteilung, auch die einer Geschwindigkeit. Denn nicht Schnelligkeit ist das wirklich Entscheidende im Angriffsfußball, sondern Beschleunigung. Also: Veränderung, Überraschung, Öffnung. Der deutsche Fußballstil öffnete sich Neuem durch den kalifornischen Schwaben Klinsmann, der englische durch den italienischen Weltmann Capello.
Natürlich gibt es auch im globalisierten Fußball bleibende Grundmuster des Verhaltens - des Einzelnen wie der Gruppe -, die eine unverwechselbare nationale Prägung haben. Wer mit Engländern Hobbyfußball spielt, wird stets für die Qualität eines Tacklings, einer Abwehraktion gelobt. Spielt man mit Portugiesen, wird der Ball gern eine Spur zu lang gehalten. Sind Italiener dabei, sieht man sie oft nicht, aber dann sind sie plötzlich da, wie aus dem Nichts. Deutsche wiederum neigen dazu, das Spiel und das Team stets gründlich zu organisieren.
Der moderne Fußball muss multikulturell sein
All das mögen subjektive Klischees sein. Aber sie haben, ob auf dem Fußballniveau von Stümpern oder Stars, nach aller Erfahrung ein Korn Wahrheit. So haben deutsche wie englische Teams immer wieder bewiesen, dass sie sich unter Druck und nach Rückschlägen neu organisieren können und deshalb nie leicht zu schlagen sind. Es ist gewiss kein Zufall, dass kein einziges K.-o.-Spiel bei Welt- und Europameisterschaften zwischen Deutschland und England nach neunzig Minuten zu Ende war. Immer ging es mindestens 120 Minuten lang (1966 und 1970) oder noch weiter, ins Elfmeterschießen (1990 und 1996).
Solche deutschen oder englischen Tugenden haben immer noch das Zeug dazu, ein Spiel auf Messers Schneide zu entscheiden - aber nur, wenn das Team vorher ein spielerisches Niveau erreicht, mit dem man an der Spitze jeder Liga bestehen könnte, auch der Champions League. Vielleicht muss erfolgreicher Stil dabei mittlerweile das Gesicht der modernen Gesellschaft spiegeln, wie sie in Westeuropa die heutige Lebenswirklichkeit darstellt. Schon lange nutzt England das Talent und Temperament von Spielern mit Wurzeln in früheren Kolonien, vor allem der Karibik, so wie David James, dessen Vater aus Jamaika kam, oder Ashley Cole, der aus Barbados stammt. Aber auch das deutsche Team ist längst ein Gemisch aus vielerlei Herkünften. Seine Spieler haben ihre Wurzeln in Bayern und Westfalen ebenso wie in Polen, Brasilien oder der Türkei. Diese moderne Gesellschaft ist multikulturell, mobil, mit dem Potential zur Überraschung. Ihr Fußball muss es auch sein, sonst verliert er.