11.07.2010 · Oliver Bierhoff polarisiert als Manager der Nationalmannschaft. Im Interview spricht er zum Ende der erfolgreichen WM-Mission über unfaire Kritik, seine Zukunft und den gestiegenen Stellenwert der DFB-Elf.
Seit 2004 ist Oliver Bierhoff als Manager der Nationalmannschaft tätig. Diesen Job gab es vor seiner Verpflichtung durch den DFB nicht. Zu Zeiten des in Kalifornien beheimateten Bundestrainers Jürgen Klinsmann war Bierhoff so etwas wie der Stellvertreter des Cheftrainers auf heimischem Boden. Nach dem Wechsel von Klinsmann zu Löw schien Bierhoffs Job manchen Kritikern als überflüssig. Andererseits hat der umtriebige Manager dem DFB manch lukrativen Werbevertrag eingebracht. Die Zukunft des Managers nach der WM ist bislang offen und wird auch von der Entscheidung Joachim Löws abhängen.
Glauben Sie, dass Joachim Löw als Bundestrainer weiter macht – oder sind Zweifel angebracht?
Das kann ich nicht sagen. Er hat klare Vorstellungen und verlässt sich sehr auf sein inneres Gefühl. Er hatte in den vergangenen Wochen die größte Last zu tragen, der Druck bei ihm während eines solchen langen Turniers ist enorm hoch. Deshalb ist es derzeit schwer einzuschätzen, ob er weitermachen will oder nicht. Jürgen Klinsmann lag vor vier Jahren ganz Deutschland zu Füßen, und er hat aufgehört, weil er merkte, dass er nicht mehr die Kraft für die Aufgabe hat. Ich weiß nur, dass wir alle bei der Nationalmannschaft viel Spaß haben und von allen die nötige Unterstützung bekommen. Aber Jogi und ich sind an der Front, das ist manchmal sehr aufreibend. Andererseits ist es natürlich auch eine interessante Herausforderung.
Bei Ihnen hatte man zeitweise den Eindruck, diese WM wäre für Sie das letzte Turnier als Manager. Nun wirken Sie so, dass Sie vielleicht doch weitermachen wollten, wenn ein Angebot käme.
Ich weiß es selbst nicht. Es fällt mir derzeit schwer, das Gefühl dafür zu entwickeln, ob ich weitermachen will. Es ist viel passiert, ich habe mir mein Bild gemacht. Die Arbeit und das gegenseitige Vertrauen in unserem Team der Nationalmannschaft ist unheimlich aufbauend. Aber ich bin mir im Klaren, dass ich auf meiner Position als Manager auch der Prellbock bin. Auf mich wirken viele Interessen ein, ich bin vielen Konflikten ausgesetzt und muss oft für unsere Vorstellungen und Ziele den Kopf hinhalten. Der frühere DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder hat mal treffend gesagt: Wenn du die Hitze nicht aushältst, darfst du nicht Koch werden. Ich muss überlegen, ob ich weiter in der Küche stehen will.
Nachdem im Winter die Verhandlungen mit dem Deutschen Fußball-Bund gescheitert waren und sich zeigte, dass Sie aus Ihrem Job als Manager gedrängt werden sollten, schien es so, als wollten Sie die Zukunft Joachim Löws als Bundestrainer nicht belasten und sich deshalb zurückziehen. Ist das immer noch so?
Ich wollte und will Jogis Entscheidung nicht beeinträchtigen. Das stimmt. Zum anderen hatte ich einen Monat vor der WM ein langes Gespräch mit Uli Hoeneß. Er sagte mir, ich solle ganz ruhig bleiben und einfach meine Arbeit wie gewohnt professionell erledigen. Darauf habe ich mich die ganze Zeit konzentriert. Ich wollte nicht mehr auf Spekulationen eingehen, sondern meinen Job gut erledigen. Der Rest kommt von alleine.
Ihr Verhältnis zu Uli Hoeneß war nicht immer konfliktfrei. Hat er Ihnen noch andere Ratschläge geben können?
Mir wird oft unterstellt, ich hätte mit einigen Entscheidungsträgern erhebliche Schwierigkeiten. Natürlich eckt man mal an oder vertritt eine andere Meinung, aber zu Uli Hoeneß und auch zu anderen Bundesliga-Managern habe ich immer ein gutes Verhältnis gehabt. Mit Uli kann man herrlich streiten, er ist geradeheraus. Bei unserem Gespräch vor der WM wollte er einfach mal mehr über die Hintergründe wissen, welche Probleme bei den Vertragsverhandlungen aufkamen. Ganz konkret riet er mir danach, mich nur um meine Aufgabe zu kümmern. Es war ein guter Rat.
Welchen Einfluss haben die WM und das positive Auftreten der Mannschaft auf Ihre Entscheidung?
Wenn die WM total in die Hose gegangen wäre, hätte ich mich nicht lange fragen müssen. Wenn wir den WM-Titel geholt hätten, würde man sagen: Du hast alles erreicht – mehr geht nicht. Aber so gibt es ja noch interessante Entwicklungsmöglichkeiten. Gerade mit diesem Team, dem die Zukunft gehört. Die Frage ist wirklich: Will ich weiterhin in der Küche stehen?
Was fehlt zur letzten Gewissheit?
Unter dem Druck des Turniers kann ich zu keiner Entscheidung kommen. Es wäre auch völlig falsch in dieser Ausnahmesituation. Ich will erst einmal wieder nach Hause und mit meiner Frau sprechen. Ich denke, in vier oder fünf Tagen dürfte ich dann meiner Meinung sicher sein. Dann werden die Trainer und ich uns zusammensetzen und eine Entscheidung fällen. Hier in Südafrika haben wir wirklich nie über unsere Zukunft gesprochen.
30 Millionen Fans in Deutschland haben zuletzt die Spiele vor dem Fernseher verfolgt. Die Menschen feierten massenhaft auf den Fanmeilen. Die Begeisterungsfähigkeit für die Nationalelf scheint auf Knopfdruck grenzenlos zu sein.
Es überrascht schon, wie sich die Begeisterung immer wieder steigert. Diesmal können wir uns alle freuen über eine unglaubliche Identifikation mit dem jungen Team, das einen tollen Fußball gespielt hat. Bei der WM 2006 standen Energie und Willenskraft der Spieler im Mittelpunkt, nun sind es vor allem Eleganz und Spielfreude. Das hat einen weiteren Imagegewinn unseres Teams bewirkt und dessen Stellenwert erneut gesteigert, auch international.
Aus der Sicht des Managers – welche positiven wirtschaftlichen Folgen für den Verband haben diese Begeisterung und das positive sportliche Bild der Mannschaft?
Es ist immer gut, den Sponsor-Partnern im Rückblick zeigen zu können, dass sich ihre Investitionen in die Nationalmannschaft gelohnt haben. Wenn Adidas 1,2 Millionen Nationalmannschaftstrikots verkauft, dann ist für das Unternehmen damit ein Teil der Werbegelder refinanziert. Im Hinblick auf 2012, wenn die Werbeverträge mit dem Generalsponsor Mercedes-Benz und den meisten Premium-Partnern auslaufen, ist diese WM ein gutes Pfund, um über eine Verlängerung zu verhandeln.
Ist die Nationalmannschaft als Werbepartner unterbewertet?
Wir haben bei unseren Partnern immer viel Wert auf Konstanz und Treue gelegt. Trotzdem muss man sich immer am Markt messen, so wie es Uli Hoeneß bei den Bayern sehr gut macht. Das sollte auch das Ziel des DFB im Hinblick auf 2012 sein. Es ist noch Potential vorhanden. Wir haben als Nationalmannschaft ein Alleinstellungsmerkmal. In Gesprächen mit Unternehmen höre ich immer wieder heraus, wie interessant das Thema ist, aber einige ihre Probleme damit haben, die sogenannten Fußball-Millionäre zu unterstützen. Durch das sympathische Auftreten unseres Teams können wir auch gegen dieses Negativbild arbeiten.
Was wären für den nächsten Manager die Hauptaufgaben nach der WM?
Das positive Image der Nationalmannschaft müsste weiter gefestigt werden. Dafür sollten wir auch das Potential unseres Teams für gesellschaftspolitische Aspekte nutzen. Die Integration von Menschen in unserem Land ist ein wichtiges Thema, und hier können wir Vorbild sein. Zudem geht es künftig darum, sich eine gute Ausgangsposition für die Vertragsverlängerungen mit den Sponsor-Partnern zu verschaffen. Wir müssen außerdem unsere Angebote im Bereich der neuen Medien weiter ausbauen. Im Internet haben wir schon jetzt unglaubliche Zuwachsraten: derzeit allein 2,5 Millionen Videoabrufe auf unserer neuen Seite der Nationalmannschaft. 400.000 Podcasts und 80.000 Apps wurden heruntergeladen. Und auch das steht fest: Wir werden zum dritten Mal in Folge das Turnierbudget unserer Mannschaft mit Gewinn abschließen.
Wo liegen die Kosten für diese WM-Mission, und wie hoch ist der Erlös?
Die WM wird uns rund 19 Millionen Euro kosten und etwa einen Gewinn von 1,5 bis zwei Millionen Euro einbringen. Das sind alles sehr positive Fakten, die auch den Erfolg unserer Arbeit zeigen.
Die Bundesliga hat eher Befürchtungen. Ligachef Rauball kritisierte nach dem Viertelfinalsieg gegen Argentinien, die Nationalmannschaft könnte sich zu sehr verselbständigen.
Ich habe diese Diskussion noch nie verstanden. Die Nationalmannschaft ist ein wichtiges Zugpferd des gesamten deutschen Fußballs und eine wichtige Einnahmequelle für DFB und damit auch DFL. Deshalb muss man zusehen, dass sie stark ist und gut funktionieren kann. Im Apparat des DFB ist die Nationalmannschaft eine große Marke, die auch ihr eigenes Management benötigt. Es gab aber nie Bestrebungen, sich auf irgendeine Weise auszugliedern. Das ginge schon satzungsmäßig gar nicht, das ist völliger Unsinn. Im Gegenteil: Die Nationalmannschaft hat enorm zum finanziellen Erfolg und positiven Image des Verbandes beigetragen.
Wo liegt für Sie die Grenze zwischen sinnvoller Eigenständigkeit und einer möglichen Gefahr der Verselbständigung?
Die Nationalmannschaft ist Aushängeschild, Haupteinnahmequelle und Vorbild und leistet damit sportlich wie finanziell einen wichtigen Beitrag für die Basis des deutschen Fußballs. Eine Eigenständigkeit ist wichtig bei der direkten Planung für die Nationalmannschafts-Abläufe. Dabei ist auch ein enger Kreis von Personen gefragt, damit die Verantwortung klar wird und man effektiv arbeiten kann.
Ist diese Eigenständigkeit zu hundert Prozent gewährleistet?
Das Vertrauen in unsere Arbeit haben wir vom DFB-Präsidium bekommen. Aber wie in jedem Unternehmen muss man sich mit Kritik auseinandersetzen und hinterfragen lassen. Und eine verschworene Gemeinschaft, wie sie sich bei der Nationalmannschaft entwickelt hat, wird von Personen, die nicht zu diesem Kreis gehören, auch mal argwöhnisch beäugt. Aber unsere Stärke ist, dass wir unsere konsequente Linie seit 2004 beibehalten haben.
Gab es Momente in der Vergangenheit, in denen Kritik von außen konstruktiv war und zu neuen Wegen geführt hat?
Wenn Kritik kam, hatte ich meist den Eindruck, dass weniger sachliche, sondern mehr emotionale Argumente eine Rolle spielten. Da müssen wir uns natürlich fragen, woran es liegt, dass wir einige nicht für unsere Sache und Ideen gewinnen konnten.