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Im Gespräch: Nationalspieler Arne Friedrich „Wir sind nicht grün hinter den Ohren“

21.06.2010 ·  Die deutsche Mannschaft gibt sich auch nach der Pleite gegen Serbien selbstbewusst. Routinier Arne Friedrich spricht im Interview über die Jugend, die Reife, den Umgang mit dem ersten Rückschlag bei der WM - und das „Endspiel“ gegen Ghana.

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Deutschland entzaubert - was sagen Sie nach der ersten schweren Enttäuschung bei dieser Weltmeisterschaft?

Wir wissen doch als Fußballer, wie das funktioniert. Nach dem ersten Spiel waren wir die Helden, die den Pokal gewinnen. Jetzt sind wir entzaubert worden. Es ist völlig normal, dass man nicht reibungslos durchs Turnier kommt. Ein Rückschlag kommt doch immer. Ich finde trotzdem, dass wir in dem Spiel ein positives Bild abgegeben haben, weil wir mit zehn Mann viel Druck aufgebaut haben. Am Ende hatten wir gegen Serbien 58 Prozent Ballbesitz, das zeigt unsere Überlegenheit in diesem Sinne. Aber einige kleine Fehler haben uns die Punkte gekostet. Ich sehe das nicht tragisch. Wenn wir gegen Ghana gewinnen, sind wir durch. Wir zweifeln jetzt nicht an uns.

Sie sind am Mittwoch im entscheidenden Gruppenspiel einer der erfahrensten Spieler auf dem Platz. Was werden Sie der Mannschaft mitgeben?

Wir haben eine Menge erfahrene Spieler in unseren Reihen, die schon in Turnieren gespielt haben. Die Jungen wie Badstuber und Müller muss man zwar noch führen, aber sie haben in ihrem Verein schon viel gelernt. Wir sind nicht grün hinter den Ohren. Wir müssen am Mittwoch einfach den Gegner schnell unter Druck setzen und die Entscheidung suchen.

Holger Badstuber war durch seinen Fehler auf der linken Abwehrseite mitverantwortlich für das Zustandekommen des Gegentores. Er machte oft einen unsicheren Eindruck. Hält er der Belastung stand?

Da habe ich überhaupt keine Bedenken. Das war ein Spiel, in dem es unglücklich gelaufen ist. Wir waren nicht schlechter. Aber an diesem Tag lief nichts für uns. Ich kenne Holger zwar noch nicht so lange, aber er vermittelt mir den Eindruck, als käme er schnell darüber hinweg. Er hat doch kein grottenschlechtes Spiel gemacht, uns allen sind Fehler unterlaufen. Wir konnten das Spiel nicht veredeln.

In Port Elizabeth zeigte sich auch, dass gerade die erfahrenen Spieler überfordert waren. Klose musste nach dem ungeschickten zweiten Foul vom Platz, Podolskis Strafstoß wurde gehalten.

Es ist einfach, nach Niederlagen alles im Spiel zu sezieren. Die ganze Mannschaft hat auf dem Platz versäumt, den Punkt mitzunehmen. Wir brauchen die Argumente jetzt nicht hin- und herzuschieben. Das bringt nichts. Wir müssen uns auf das Ghana-Spiel konzentrieren und da alles reingeben.

Bei der EM vor zwei Jahren gab es eine fast identische Situation. Nach der Kroatien-Niederlage brauchte es einen Sieg gegen Österreich. Die Mannschaft war damals erfahrener, der Gegner schwächer, und Sie spielten mit Michael Ballack. Kommen Ihnen da keine Bedenken?

Wir sind heute eine ganz andere Mannschaft. Wir haben gegen Serbien wesentlich besser gespielt als damals gegen Kroatien. Wir sind als Mannschaft bei diesem Turnier noch enger zusammengewachsen, der Teamgeist ist viel größer. Bei uns zweifelt niemand, dass wir in die nächste Runde kommen.

Ballack brachte in dem Zitterspiel gegen Österreich mit seinem Freistoßtor die Erlösung. Fehlt der alte Anführer nicht genau in diesen Situationen?

Vor wenigen Tagen hieß es noch, wir brauchen Ballack gar nicht mehr, jetzt soll er uns plötzlich wieder fehlen. Wir hören nicht darauf und wollen das gar nicht hören. Wir sind eine starke Mannschaft mit einem guten Charakter. Fakt ist, dass wir hier ohne Michael Ballack bisher ein sehr gutes Bild abgegeben haben.

Wer sind nun die Stützen in schwieriger Lage?

Alle im Mannschaftsrat, nur Miroslav Klose wird uns gegen Ghana fehlen. Auch die jungen Spieler werden dem Spiel ihren Stempel aufdrücken wollen. Ich gehe davon aus, dass wir alle unheimlich motiviert sein werden und Vollgas geben. Jeder von uns ist gefragt.

Es gibt zwischen der linken (Badstuber) und rechten Abwehrseite (Lahm) eine große Leistungsdiskrepanz. Wie sehen Sie das Problem?

Es sind ja völlig andere Spielertypen. Philipp ist der klassische Außenverteidiger, der sich einschaltet und das Offensivspiel betreibt. Holger ist gelernter Innenverteidiger. Es ist nicht seine Hausposition. Er ist deshalb eher defensiv eingestellt und schaltet sich nur zwischendurch ein. Das ist auch in Ordnung so.

Rechnen Sie zum Ghana-Spiel mit einer größeren Umbauaktion des Bundestrainers?

Nein. Miro wird zwangsläufig ersetzt werden müssen, aber ansonsten rechne ich nicht mit größeren Veränderungen. Aber natürlich weiß ich nicht, wie der Trainer darüber denkt.

Sie haben in der Innenverteidigung erst wenige Male mit Per Mertesacker zusammengespielt. Auch hier gibt es immer wieder Zweifel an der Stabilität des Riegels.

Wir harmonieren insgesamt ganz gut. Wir haben bisher erst ein Tor kassiert. Auch ich habe hier bisher ordentliche Spiele gezeigt und glaube nicht, dass wir ein Problem haben.

Die schöne Geschichte der vergangenen Wochen einer neuen, jungen, spielfreudigen Fußballgeneration könnte mit einer Partie erst einmal ein jähes Ende nehmen. Denken Sie daran?

Wird sie nicht, weil wir gegen Ghana nicht zusammenbrechen werden - und dann wird die Stimmung wieder bestens sein. Damit müssen wir uns nicht befassen.

Und was entgegnen Sie größten Pessimisten, die an der Reife der Mannschaft zweifeln?

Die Frage zur Reife wurde schon vor dem Turnier gestellt. Dann haben wir so toll gegen Australien gewonnen, und viele haben uns hochgejubelt, überschwänglich geäußert, wir könnten das Turnier im Sturm erobern. Es ist doch immer das gleiche Spiel. So ist Fußball. Ich wünsche mir für die Fans der deutschen Mannschaft, dass sie noch lange feiern können. Es geht einem schon sehr nahe, wenn man hier im Fernsehen die Bilder sieht von den feiernden Fans. Wir werden alles dafür tun, dass die Party weitergeht.

Was wird am Ende den Ausschlag geben für Ihre Annahme?

Die Qualität. Wir haben die stärkere Mannschaft als Ghana. Wir haben das deutsche Gen in uns - und das heißt: Wir sind im richtigen Moment da. Wir werden es auf dem Platz sehen.

Das Gespräch führte Michael Ashelm.

Quelle: F.A.S.
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