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Im Gespräch: Dennis Aogo „Jung oder nicht, im Endeffekt entscheidet Qualität“

27.05.2010 ·  Dennis Aogo galt als Streichkandidat im vorläufigen WM-Kader. Nun wird er womöglich auf einer Schlüsselposition benötigt. Im F.A.Z.-Interview spricht Aogo über den „Fluch der Nummer sechs“, das gute Miteinander und den neuen Trainer in Hamburg.

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Der 23 Jahre alte Hamburger Dennis Aogo war eine der Überraschungen im vorläufigen WM-Kader. In der Rolle als Linksverteidiger galt der Neuling bei der A-Nationalmannschaft als Streichkandidat, nun wird der U-21-Europameister womöglich auf einer Schlüsselposition gebraucht.

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Aogo im Trainingslager in Südtirol über den „Fluch der Nummer sechs“, das gute Miteinander und seinen neuen Trainer in Hamburg.



Sind Sie abergläubisch?

In gewissen Kleinigkeiten schon. In welcher Hinsicht meinen Sie?

Im Moment ist viel vom „Fluch der Nummer sechs“ die Rede.

Davon habe ich noch nie was gehört, wenn ich ehrlich bin.

Die Kandidaten für die Position vor der Abwehr fallen reihenweise aus. Rolfes, Hitzlsperger, Ballack, jetzt Träsch ...

Es sind ja immer noch zwei da, die das nicht getroffen hat. An solche Sachen glaube ich überhaupt nicht.

Sind Sie erschrocken, als Assistenztrainer Hans-Dieter Flick Sie für die Position vor der Abwehr ins Gespräch gebracht hat? War das in Ihren Überlegungen mit drin?

Nicht wirklich. Ich weiß aber, dass ich diese Position spielen kann. Und wenn ich dort gebraucht werde, dann werde ich natürlich zur Verfügung stehen.

Sie trauen sich diese Rolle auch bei einer WM zu?

Ich habe sie jahrelang gespielt, erstens in der Jugend, dann auch international mit der U 21. Im letzten Jahr habe ich mit dem HSV im Uefa-Cup gegen Manchester City in beiden Spielen im Mittelfeld gespielt. Ich denke, dass das auch ein hohes internationales Niveau war.

Glauben Sie, dass sich Ihre Chance, im Kader zu bleiben, erhöht hat?

Das kann schon sein. Ich weiß natürlich, dass es ein Vorteil sein kann, wenn man auf mehreren Positionen spielen kann. Aber für mich ist es vor allem wichtig, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Sie sind überraschend in den Kader gerutscht, galten als ein Streichkandidat. Was hat sich seitdem verändert?

Was Außenstehende sagen, ist für mich nicht wirklich wichtig. Klar, die Nominierung kam auch für mich überraschend. Aber seit ich hier bin, fühle ich mich sehr wohl, und ich denke, dass ich auch einen guten Eindruck hinterlassen habe. Alles andere liegt nicht mehr in meiner Hand. Aber es wird schon den Weg gehen, der auch richtig für mich persönlich ist.

Sie gelten als einer der Gewinner der Vorbereitung. Spüren Sie das auch?

Ich freue mich auf jeden Fall, dass ich mich so gut hier eingefunden habe. Da muss man wirklich auch die Mitspieler loben, wie sie mich hier aufgenommen haben, wie offen sie sind für Neulinge wie mich. Das ist schon erstaunlich gewesen.

Das Nationalteam ist eine sehr junge Mannschaft, allein sieben Spieler sind dabei, die im letzten Jahr mit der U 21 Europameister geworden sind. Spürt man so etwas wie einen U-21-Spirit?

Ich habe darüber gerade erst mit ein paar Spielern geredet. Es ist schon interessant, dass einige sich seit Jahren gut kennen. Es gibt ja einen bestimmten Anteil, der schon mit der U 21 unterwegs war. Dann gibt es eine andere Gruppe, die ein paar Jahre älter ist, die aber auch schon zusammenspielt seit der Jugend. Jeder kennt die Stärken des anderen. Ich glaube, dass es eine gute Mischung ist und dass sich eine Eigendynamik entwickeln kann. Wenn man im Training sieht, wie jeder Gas gibt, wie jeder fokussiert ist, dann müssen wir keine Angst haben.

Woran merkt man im Trainingsalltag, dass es eine junge Mannschaft ist?

Jung oder nicht jung, im Endeffekt entscheidet die Qualität, und die ist sehr hoch bei uns. Wir sind auf jeder Position gut besetzt, und dazu kommt noch ein großer Wille, sich weiterzuentwickeln und Erfolge zu haben.

Was ist anders als bei der U 21?

Das Drumherum, die Begeisterung der Menschen, die Organisation, es ist alles noch mal ein ganzes Stück größer, auch im Vergleich zum Bundesliga-Alltag. Natürlich ist auch die Qualität auf dem Platz noch mal höher. Es ist in einfach in jeder Beziehung eine Klasse besser.

So, dass es auch mal einschüchternd ist?

Ich weiß nicht, wie das für die anderen ist, aber für mich ist das eher motivierend. Es ist nicht so, dass man davor Angst hat, sondern dass man in erster Linie stolz ist, hier sein zu dürfen. Man muss sich bewusst sein, dass viele andere sich wünschen würden, hier zu sein – und dass man, wenn man diese Chance hat, auch alles dafür tun muss.

Nach der Verletzung von Ballack sind die Erwartungen an die jungen Spieler wie Khedira oder Özil größer geworden. Spüren Sie eine größere Last?

Das ist ja keine neue Situation. Die jungen Spieler, die hier sind, haben auch schon Führungsrollen in ihren Vereinen. Deshalb wissen sie, wie sie damit umgehen müssen. Ich glaube nicht, dass das ein großes Problem ist. Wir haben ja auch noch den einen oder anderen Spieler, der große Erfahrung hat. Und die Charaktere, die wir hier haben, sind auch so, dass sie uns junge Spieler mitreißen können.

Das Miteinander funktioniert also sehr gut?

Ich würde es sogar als außergewöhnlich gut bezeichnen.

Sie hatten auch die Möglichkeit, für Nigeria, das Heimatland Ihres Vaters, zu spielen. Welche Überlegungen spielten bei der Entscheidung eine Rolle?

Die Anfrage war da, und ich habe mir Gedanken gemacht, weil man als Fußballer immer das Größtmögliche erreichen will, und dazu zählt es, bei einer WM zu spielen, große Titel zu holen. Wenn mir dann ein Verband sagt: Dennis, du bist zu 100 Prozent dabei, dann ist doch klar für einen jungen Spieler, dass er sich Gedanken darüber macht. Aber ich habe immer betont, dass ich mich als Deutscher fühle, hier aufgewachsen bin und mich emotional Deutschland näher fühle als Nigeria.

Hat man hier bei der Nationalmannschaft einen Kopf dafür, was in der Heimat passiert?

Natürlich. Man verfolgt schon in den Medien, was zu Hause passiert.

Waren Sie überrascht von der Nachricht, dass Armin Veh Trainer beim HSV wird?

Von der Entscheidung, dass er es wird, war ich schon überrascht, weil ich ja auch nur das kenne, was in den Medien steht. Und bei den Gerüchten, die so umgehen, war Armin Veh ja nicht wirklich dabei.

Ist es eine gute Entscheidung?

Das kann man vorher nie sagen. Hamburg ist nicht so einfach, die Erwartungen sind groß, gerade nach der enttäuschenden letzten Saison. Es wird kein einfaches Jahr, aber wir wollen alles daransetzen, dass es besser wird. Es soll einiges passieren beim HSV, deshalb freue ich mich auf jeden Fall auf die nächste Saison.

Das Gespräch führte Christian Kamp.

Quelle: F.A.Z.
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