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Fußball-Nationalmannschaft Mehr Leistung durch Vielfalt

11.06.2010 ·  Elf der 23 Spieler im deutschen WM-Kader haben einen Migrationshintergrund. Das hat Auswirkungen auf das Team selbst, aber auch auf das ganze Land. Eines der vielen neuen, ungewohnten Bilder liefert Mesut Özil.

Von Michael Ashelm
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Mesut Özil betet. In den letzten Minuten vor dem Spiel, wenn sich die Nationalmannschaft in der Kabine sammelt, bevor sie auf den Platz geht, bereitet sich der junge Mittelfeldstar auf seine ganz eigene Weise vor. Ist die deutsche Elf kurz danach auf dem Rasen und nimmt Schulter an Schulter Aufstellung, erklingt die deutsche Nationalhymne im Stadion und singen einige Kollegen neben ihm zum Teil inbrünstig mit, dann geht Özil noch einmal in sich und spricht sein letztes Gebet. „Zum einen konzentriere ich mich auf das Spiel, spreche dann aber auch Koranverse auf Arabisch, damit wir alle auf dem Platz gesund bleiben und Erfolg haben. Das gibt mir Ruhe und Kraft“, sagt er. Es ist eines der vielen neuen, ungewohnten Bilder von der deutschen Nationalelf - für viele Menschen positiv, für manche noch fremd.

Als Franz Beckenbauer am Mittwoch das Quartier der Nationalmannschaft bei Pretoria besuchte, erneuerte er seinen Wunsch, alle Spieler sollten zu einem wichtigen Anlass wie der Weltmeisterschaft die deutsche Hymne mitsingen. „Es ist optisch schöner, wenn das alle machen, außerdem zeigt man eine andere Einstellung und identifiziert sich mehr“, sagte Beckenbauer. Er hatte schon zuvor eine Diskussion darüber ausgelöst, die auf dem Boulevard als „Hymnenstreit“ Anklang fand. Doch auch Beckenbauer kam an diesem Tag nicht umhin, das neue Deutschland-Bild zu berücksichtigen. „Vielleicht ist es demokratisch, das Mitsingen jedem selbst zu überlassen. Wir haben ja viele Spieler mit einem Migrationshintergrund.“

Diese Mannschaft ist nicht nur die jüngste seit 1934, die für Deutschland an einer Weltmeisterschaft teilnimmt. Noch nie gehörten auch so viele Spieler mit ausländischen Wurzeln zu einem deutschen WM-Team. Nachdem über Jahrzehnte die Walters, Seelers, Beckenbauers, Müllers, Maiers, Völlers, Klinsmanns, Kahns und Ballacks ein urdeutsches Bild der Fußballelf prägten - und die erste Auswahl des Landes vor allem durch Kampfkraft in der Fußballwelt gefürchtet war -, ist eine neue Generation von Kickern herangereift.

Söhne von Aussiedlern sowie von Kriegsflüchtlingen

Diese Spieler gefallen auch durch viele andere Stärken, die zuvor nicht zu den wichtigsten Tugenden einer deutschen Nationalmannschaft gehörten. „Sie zeigen Spielfreude, sind viel in Bewegung und unheimlich begeisterungsfähig“, stellte Bundestrainer Joachim Löw fest. Manche glauben, nicht nur die gute Ausbildung des Nachwuchses in den Talentzentren, sondern vor allem der Mix der Herkünfte und der Kulturen sei für den Aufschwung mitverantwortlich. Elf der 23 Spieler im deutschen WM-Kader haben einen Migrationshintergrund. Der Anteil von Zuwandererfamilien in Deutschland liegt bei rund zwanzig Prozent.

Fußball für Deutschland spielen nun die Söhne von Aussiedlern (Klose, Podolski, Trochowski), aus Einwandererfamilien (Özil, Tasci) und Ehen mit nur einem deutschen Elternteil (Gomez, Khedira, Aogo, Boateng) sowie von Kriegsflüchtlingen (Marin). Ein Stürmer wie Cacau fand solchen Gefallen an seiner Wahlheimat, in der er zuerst nur als Fußballlegionär seiner Arbeit nachging, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Bei der WM 2002 drückte er noch seinem Geburtsland Brasilien im Finale gegen Deutschland die Daumen. „Wir stehen dieser Entwicklung absolut aufgeschlossen gegenüber“, sagt Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Inzwischen verfügt auch der Verband über eine Integrationsbeauftragte.

Ein Netz von Nachwuchsstützpunkten

Nach der erfolglosen WM 1998 und dem sportlichen Desaster bei der EM 2000 begann der DFB umzudenken. Der damalige Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder forderte, sich mehr um die Eltern von Ausländerkindern in Deutschland zu bemühen. Einher ging die Entwicklung mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000. Deutschland akzeptierte spät, ein Einwanderungsland zu sein - mit Folgen auch für den Fußball. Zur gleichen Zeit modernisierte der DFB sein Talentprogramm, baute im ganzen Land ein Netz von Nachwuchsstützpunkten auf und richtete das Augenmerk verstärkt auf seine Juniorenteams. Die drei EM-Titel in den drei wichtigsten Altersklassen bei den Junioren im vergangenen Jahr und die veränderte Mischung der Nationalelf sind ein Resultat dieser Bemühungen.

Sami Khedira war 2009 Kapitän der U 21-Auswahl, des Europameisters. Sein Vater kommt aus Tunesien, seine Mutter ist Deutsche. „Das ist schon ein Vorteil, ein Mix-Spieler zu sein. Wenn beide Nationalitäten zusammenkommen, bringt das Vorteile: Emotionen, gepaart mit deutschen Tugenden“, sagt der Profi aus Stuttgart. Zusammen mit dem Bajuwaren Bastian Schweinsteiger soll er das defensive Mittelfeld organisieren. Khediras Vereinskollege Serdar Tasci hat wie Özil türkische Eltern und ist in Deutschland aufgewachsen. „Ich fühle und denke deutsch und türkisch. Dies bringt im Zusammenleben, aber auch auf dem Platz Vorteile. Du ordnest Dinge anders ein, verstehst verschiedene Sichtweisen“, meint der Innenverteidiger. Wenn er nicht spielt, trägt Tasci eine Halskette, an der ein kleiner Koran hängt.

Integration gelingt nicht immer reibungslos

Mehr Leistung durch Vielfalt - Löws Elf könnte davon bei der WM profitieren. Ähnliche Erfahrungen wie die Fußballer macht auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), wenn sie im Land unterwegs ist. Zuletzt sprach sie darüber mit Unternehmern. „Sie berichteten mir, dass diese Vielfalt in den Unternehmen mehr Kreativität und Innovation bedeuten würde.“ Und in Bezug auf die neu formierte deutsche Nationalelf steht für Frau Böhmer fest: „Es gibt keinen besseren Integrationsmotor als den Fußball. Das aktuelle Bild der Mannschaft ist ein Ausdruck unseres Zusammenlebens und Zusammengehörigkeitsgefühls.“

Doch selbst im Fußball gelingt die Integration nicht immer reibungslos. Özil und Tasci berichten, wie zerrissen sie waren vor der Entscheidung, für Deutschland oder für die Türkei zu spielen. Es geht dabei um die eigene Identität - aber auch Familien, Verbände, Vereine, Trainer und Manager mischen sich ein. Und manches Talent geht noch immer verloren, weil es in Vereinen weiter an kulturellem und religiösem Verständnis mangelt.

Mit diesen Problemen haben die Özils, Khediras oder Tascis nichts mehr zu tun. Sie sind inzwischen fester Bestandteil Fußball-Deutschlands. Vielleicht müssen sie nur noch überlegen, ob sie die Nationalhymne irgendwann nicht doch mitsingen wollen. Maria Böhmer würde es begrüßen. Doch viel schöner wäre für die fußballinteressierte Integrationsbeauftragte zum WM-Auftakt gegen Australien erst einmal ein Volltreffer. „Vielleicht kann Özil seine ersten Tore erzielen - das wär's doch.“

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