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Fußball-Nationalmannschaft Deutschland und die Generation Löw

29.06.2010 ·  Nach dem Sieg gegen England rückt die deutsche Fußball-Familie zusammen. Verantwortlich für den Erfolg sind Bundestrainer und Nachwuchsprogramm. Italiener, Franzosen und Engländer schauen neidvoll auf Deutschland.

Von Michael Ashelm, Bloemfontein
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Die freudigen Solidarbekundungen wollten gar nicht aufhören. Als sich die deutsche Mannschaft den verdienten Beifall ihrer Fans auf dem Platz des Stadions von Bloemfontein abgeholt hatte, folgte unbeobachtet von der Öffentlichkeit schon die nächste. Auf kleinem Raum sammelten sich in der Kabine die glorreichen Sieger des Abends, Trainer und Manager der Nationalmannschaft – sowie die wichtigsten Fußballfunktionäre. Der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Gerhard Mayer-Vorfelder, kam als erster der älteren Herren im dunklen Anzug und gratulierte der Mannschaft zum 4:1-Sieg über England im Achtelfinale.

Dazu gesellten sich dann noch der aktuelle Verbandschef Theo Zwanziger und der Ligavorsitzende Reinhard Rauball. Die deutsche Fußballfamilie rückte weit weg von der Heimat eng zusammen. Dieser Moment enthielt eine besondere Symbolik. So unterschiedlich die Interessen der Beteiligten in der Vergangenheit auch waren und weiterhin auf manchen Gebieten noch sind – der deutsche Fußball zeigt sich derzeit in seiner ganzen Breite so zielgerichtet und stark wie lange nicht mehr.

Dabei steht die mitreißende Leistung der jungen Nationalmannschaft, die nun am Samstag (16.00 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker) im Viertelfinale in Kapstadt auf Argentinien trifft, für die neuen Fußballressourcen des Landes. Kapitän Philipp Lahm griff nach der Partie gegen England einen Gedanken auf, den er nach dem Australien-Spiel gefasst hatte und damit bei dem einen oder anderen Skeptiker noch für ein Naserümpfen gesorgt hatte. „Die Mannschaft ist mit Sicherheit in der Entwicklung. Aber ich habe nicht umsonst gesagt, dass es die beste Nationalelf ist, in der ich je gespielt habe.“

Es ist dem Mut und der Beharrlichkeit des Bundestrainers zu verdanken, trotz der vielen Ausfälle vor dem Turnier an seinem Plan festgehalten zu haben, vor allem auf den Pool der vielen aufstrebenden Kräfte in Deutschland zu setzen. Diese treibt er nun zur Höchstleistung an. Und die Mannschaft vertraut ihm. „Man hat die Überzeugung von jedem Einzelnen auf dem Platz gespürt“, sagte Löw nach dem Achtelfinalsieg. Die neue Fußballgeneration, kombiniert mit einigen langjährigen Stützen der Mannschaft, sicherte auch gegen England den Erfolg.

„Wir sind technisch und taktisch top ausgebildet“

Unter den Vertretern des erfahrenen Personals stachen die Leistungen von Bastian Schweinsteiger und Lahm sowie die der Torschützen Miroslav Klose (1:0 in der 20. Minute) und Lukas Podolski (2:0 in der 32.) hervor. Der 20 Jahre alte und an diesem bedeutungsvollen Tag von Bloemfontein überragende Doppeltorschütze Thomas Müller (67./70.) verkörpert die Gruppe der verheißungsvollen Talente.

Zwar weiß niemand, wie die Achtelfinalpartie gegen England ausgegangen wäre, hätte das Lattenabprallertor von Frank Lampard gezählt (38.) und zum Ausgleich geführt. Doch erschien die deutsche Mannschaft stark genug, um womöglich auch diesen Rückschlag wegzustecken. Als der Mittelfeldmann Sami Khedira am Montag gefragt wurde, wodurch sich der dynamische Fußball dieser neuen deutschen Machart auszeichne, sagte er: „Wir sind technisch und taktisch top ausgebildet und nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz gut geschult.“

Nationalmannschaft als treibende Kraft der Entwicklung

Die Aussage des Deutsch-Tunesiers aus Stuttgart gibt den Hinweis auf einen der Hintergründe dieses Erfolgs. Als Khedira gerade mal 13 Jahre alt war, schuf der Deutsche Fußball-Bund eines der engmaschigsten Netze, um Fußballtalente früher zu erkennen und zu fördern. Über das ganze Land wurden Stützpunkte verteilt, in denen starke junge Spieler neben der Vereinsarbeit eine besondere Ausbildung erfahren sollten. Der frühere DFB-Präsident Mayer-Vorfelder hatte das aufwendige Programm im Jahr 2000, als Folge der desaströsen EM, auf den Weg gebracht, das auch von einigen heute aktuellen Nationalspielern durchlaufen wurde. So gesehen schloss sich am Sonntag in der Kabine der deutschen Elf auch ein Kreis, als Mayer-Vorfelder auf die neue Generation traf.

Als treibende Kraft der fußballerischen Entwicklung zeigte sich derweil in den vergangenen sechs Jahren die Nationalmannschaft – erst durch das reformerische Wirken von Jürgen Klinsmann, dann durch die Arbeit von Bundestrainer Löw und seines wichtigsten Verbündeten, Oliver Bierhoff. Immer wieder wurden von dieser Seite Defizite im Vereinsfußball und bei der Verbandsarbeit angesprochen, wofür sich die Führung des Nationalteams oft harsche Kritik einhandelte.

„Die Vereine leisten heute hervorragende Arbeit“

Doch die Stoßrichtung erwies sich als richtig. Vieles in der Bundesliga hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt, selbstverständlich auch durch den Veränderungswillen der Klubs, zum Beispiel beim konsequenten Aufbau der Internate in den Profivereinen. „Unsere Kritik der vergangenen Jahre hatte wohl doch ihre Berechtigung, wenn man jetzt sieht, dass fast in jedem Verein Fitnesstrainer und Sportpsychologen arbeiten. Wir haben doch einiges in Bewegung gesetzt. Die Vereine leisten heute hervorragende Arbeit“, sagte Bierhoff.

Das Zusammenwirken aller Kräfte bringt neue Dynamik. Unverständlich deshalb, dass es weiterhin nach einer Aufspaltung des Erfolgsmodells Nationalmannschaft aussieht. Ränkespiele im Verband, persönliche Eitelkeiten und Animositäten haben dazu geführt, dass zwar dem Bundestrainer in jedem Fall ein Angebot zur Weiterarbeit unterbreitet werden soll, dass dies allerdings nicht für seinen Mitstreiter Bierhoff gilt. So sind jedenfalls Äußerungen des Präsidenten Zwanziger zu verstehen. Alles deutet bei Bierhoff deshalb auf Abschied hin, was aufgrund der Leistungen des Managers jeglicher Logik entbehrt.

„Mein Ziel war nicht, mir Johannesburg anzugucken“

Was den fußballerischen Fortschritt bei dieser WM betrifft, schauen nun nicht nur die in der Vorrunde gescheiterten Italiener oder Franzosen, sondern auch Engländer neidvoll auf Deutschland. Mit hängenden Schultern gingen die hoch gehandelten, aber müde wirkenden englischen Stars Lampard, Gerrard oder Rooney am Sonntag in Bloemfontein vom Platz. Ein trauriges Bild. „Natürlich hat die Premier League ein höheres Ansehen, aber die Bundesliga braucht sich nicht hinter ihr zu verstecken. In der Bundesliga ist eine enorme Qualität vorhanden“, sagte Khedira.

Das neue deutsche Selbstbewusstsein des Jahres 2010 zeigt sich derzeit in Worten und Leistungen am besten in der Person des Doppeltorschützen Müller. „Ich bin herkommen, um zu spielen. Mein Ziel war nicht, mir Johannesburg anzugucken. Ich wollte Fußball spielen“, sagte der Münchner nach seinem dritten WM-Tor. Seine guten Vorsätze hat er jetzt schon eingelöst.

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