12.07.2010 · Das deutsche Team ist nach der Rückreise aus Südafrika wieder in Frankfurt gelandet, aber die Zukunft von Bundestrainer Löw bleibt offen. An der emotionalen Bindung zur Mannschaft besteht kein Zweifel, aber der Substanzverlust im Konflikt mit Sportdirektor Sammer wiegt schwer.
Von Michael Horeni, PretoriaDer Präsident wollte es sich auf dem Podium im Stadion von Port Elizabeth nicht nehmen lassen, den Bundestrainer zu ehren. Theo Zwanziger hielt die Bronzemedaille in der Hand, strahlend, aber Joachim Löw näherte sich dem Objekt und dem Präsidenten ausgesprochen zurückhaltend. In diesem Moment, die Körpersprache drückte es aus, ging es bei der Zeremonie nach dem 3:2-Sieg im kleinen Finale über Uruguay nicht nur um eine Würdigung der Leistung des Bundestrainers. Es handelte sich auch um einen politischen Akt. Löw zögerte einen Moment, sich das bronzene Stück am blauen Band umhängen zu lassen, und hob abwehrend die gefalteten Hände. Dann hatte es Zwanziger geschafft, und die Medaille hing da, wo sie hängen sollte. Er packte schließlich den Bundestrainer bei den Armen und wollte ihn an sich heranziehen, aber Löw mochte sich nicht zu nahe treten lassen. Die innige Umarmung fiel aus. Der Bundestrainer entzog sich dem Zugriff. Der Präsident blitzte ab.
Die Distanz, die der Bundestrainer zwischen sich und dem DFB-Präsidenten aufrecht erhalten wollte, könnte natürlich auch rein gar nichts mit den möglichen Vertragsverhandlungen zu tun haben, die bald nach der WM anstehen sollen, wie es sich der erste Mann im Deutschen Fußball-Bund erhofft. Vielleicht wollte der vergrippte Löw den Präsidenten auch einfach nur nicht anstecken.
Am nächsten Morgen saßen der Bundestrainer und der DFB-Präsident aber dann nicht einmal mehr nebeneinander bei der Abschlusspressekonferenz – aber das hatte diesmal einen staatstragenden Grund. Bundespräsident Christian Wulff gab der Nationalmannschaft im Quartier in Pretoria die Ehre, und er verkündete, dass er gerne bereit sei, den Spielern im Schloss Bellevue bei nächster Gelegenheit das Silberne Lorbeerblatt zu verleihen.
Löws Orden
Und den Bundestrainer, so entschied der Bundespräsident, möchte er sogar mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland auszeichnen. „Er hat die Mannschaft zusammengestellt, motiviert, Ausfälle ausgeglichen. Er hat in besonderer Weise Trainerqualitäten bewiesen. Wir wissen, wie wichtig ein Trainer für ein Team ist“, sagte Wulff in seiner kurzen Laudatio.
Die Konsequenzen von Löws Entscheidungen konnte der Bundespräsident in Südafrika dabei kaum genug preisen. „Es war ein buntes, weltoffenes, fröhliches und sympathisches Deutschland, das sich hier präsentiert hat – von Boateng bis Özil, von Schweinsteiger bis Lahm. Ich halte unsere Nationalmannschaft für in jeder Hinsicht stilbildend. Wie miteinander umgegangen wird, wie vorbildhaft gehandelt wird. Wie hier jeder an seinem Platz das Optimale bringt und überzeugt, das kann auch der Politik in Deutschland in keinster Weise schaden.“
Löws Strapazen
Kein Wunder, dass der DFB-Präsident, diesmal hoheitlich durch den Bundespräsidenten vom Bundestrainer getrennt, größtes Interesse daran hat, den staatlich Belobigten für eine weitere Zusammenarbeit zu gewinnen. Ganz so einfach, wie sich Zwanziger die Vertragsverlängerung wünscht – die er vor einem halben Jahr schon verkündet hatte, aber aus der dann Knall auf Fall doch nichts wurde – dürfte sie nicht werden. Im Gegenteil. Schon unmittelbar nach dem 3:2 gegen Uruguay hatte Löw mit heiserer Stimme und triefender Nase über die Strapazen und Belastungen des vergangenen halben Jahres und vor allem während des Turniers gesprochen, die ihm nun ins Gesicht geschrieben standen.
„Jetzt bin ich nicht in der Lage, vernünftige Gedanken zu fassen, was die Zukunft betrifft. Ich brauche zwei, drei Tage Ruhe. Dann werde ich mit Oliver Bierhoff vorab ein Gespräch führen, um zu sehen, was wir dann alle gemeinsam wollen“, sagte er.
Löws Bindung
Am nächsten Morgen, neben dem Bundespräsidenten, war von einer Tendenz zu einer Vertragsverlängerung, die Zwanziger zuletzt erkannt haben wollte, rein gar nichts mehr zu hören. Löw ging sogar noch weiter auf Abstand. Auf die Frage, ob es völlig offen sei, ob er weitermache, sagte der Bundestrainer: „So ist es. Wir haben jeglichen Gedanken an eine Situation nach der WM abgeschaltet.“ Es würden selbstverständlich Gespräche stattfinden, und sie würden auch zeitnah erfolgen. Aber der Ausgang: offen.
An der emotionalen Bindung zu seinem Team und dem sportlichen Reiz, mit einer Mannschaft weiterzuarbeiten, deren Auftreten Löw selbst für „weltmeisterlich“ hielt und die Titelgewinne möglich mache, gibt es keinen Zweifel. Aber er wisse nicht, sagte der Bundestrainer, ob er noch genug Kraft für eine Fortsetzungsgeschichte mit der Nationalelf habe, für die er nun schon sechs Jahre tätig ist. Löw klang dabei mitunter fast wörtlich wie sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, als der vor vier Jahren nach dem dritten Platz seinen Abschied erklärte. Zwanziger, der am Sonntag in Pretoria nicht mehr fordernd in Sachen Löw auftrat, zeigte Verständnis. „Jeder hat das Recht, ein bisschen Abstand zu gewinnen“, sagte der DFB-Präsident. „Aber dann beginnen in einem Monat schon die nächsten Spiele.“
Löws Konflikt
Neben der Frage, ob seine Energie für erst einmal zwei weitere Jahre bis zur Europameisterschaft 2012 reicht, gibt es auch eine Menge inhaltliche Fragen, die längst nicht gelöst sind. Löw geht es auch darum, „Visionen“ umzusetzen, die ihn nun zum größten Trainerliebling des Landes gemacht haben. Visionen haben auch mit Personen zu tun. Das größte verbandsinterne Konfliktfeld in den vergangenen Jahren war dabei immer die Zusammenarbeit der Nationalelf mit Matthias Sammer. Der DFB-Sportdirektor war nicht bei einem einzigen Spiel in Südafrika, eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Nationalmannschaftsführung ist nicht zu erkennen.
Lob über die Arbeit war bisher von Sammer auch nicht zu vernehmen. Konflikte gibt es indes verlässlich wegen der Zuständigkeiten für die U 21, für die sich Löw wie Sammer verantwortlich fühlen wollen. Auch die kooperative und auf Verantwortungsverteilung im Team setzende Führungsstrategie des Bundestrainers passt nicht so recht zu den Vorstellungen Sammers, der den Trainer als oberste Autorität qua Amt verstanden wissen will.
Oliver Bierhoff, der Prellbock der Nationalmannschaft gegenüber Verband und Liga, spürt ebenfalls den Substanzverlust nach sechs Jahren. „Jogi und ich sind an der Front, das ist manchmal sehr aufreibend“, sagte der Manager im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Auch er wisse derzeit nicht, ob er den Job fortführen wolle. Und dass Löw nicht pokere, sondern tatsächlich an einer Fortsetzung der wunderbaren Fußballgeschichte zweifelt, ist für den Manager eindeutig: „Jogi hat klare Vorstellungen und verlässt sich sehr auf sein inneres Gefühl. Er hatte in den vergangenen Wochen die größte Last zu tragen, der Druck ist enorm hoch. Deshalb ist es derzeit schwer einzuschätzen, ob er weitermachen will oder nicht.“ Am Montagmorgen um 6.16 Uhr landete die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf dem Frankfurter Flughafen. Die WM ist für Löw und sein Team zu Ende, die Spannung um den Bundestrainer bleibt erhalten.
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