25.06.2010 · Die WM ist für die jungen deutschen Spieler auch ein Fortbildungslehrgang. Bisher lernen sie schnell. Doch weitere Fortschritte müssen folgen: Die Abwehr wackelt bisweilen bedenklich und ein Torjäger fehlt auch.
Von Michael Horeni, PretoriaFußball spielen kann die deutsche Nationalmannschaft, alles andere lernt sie gerade bei der WM. Die junge Auswahl des Bundestrainers erlebt das Turnier nach dem glanzvollen Auftakt gegen Australien, der ihr Potential andeutete, auch als Fortbildungsunterricht. Beim 0:1 gegen die Serben wurde der Mannschaft vorgemacht, wie ein routiniertes und taktisch cleveres Team mit der Konzentration auf die größte Schwäche des Gegners - die linke Abwehrseite - zum Erfolg kommen kann. Beim 1:0 gegen Ghana lernte die Mannschaft, was es bedeutet, sich zu fürchten und mit Druck umzugehen, von dem man vorher nicht ahnte, wie lähmend er wirken kann. Und Mesut Özil lernte im Entscheidungsspiel auch noch das Toreschießen, spät zwar in diesem Turnier, aber eben nicht zu spät. Es sind Lernprozesse im Schnellverfahren, die Özil, Khedira, Müller, Badstuber, Boateng und Kroos in Südafrika absolvieren müssen.
Dass sie die erste Phase dieser Lektionen mit dem Abschlusszeugnis Gruppenerster bestanden haben, ist ein schöner Erfolg. Die Zeit für internationale Lehrveranstaltungen sollte mit dem Duell gegen England aber nun besser vorbei sein. Denn bei der Begegnung mit Weltklassespielern aus der Premier League und einem Weltklassetrainer aus Italien werden die deutschen Talente am Sonntag nicht mehr nur unbekannte Teilaufgaben lösen müssen - ihnen wird erstmals in Südafrika ganz grundsätzlich die Qualitätsfrage gestellt.
Defizite in der Abwehr und ein erstklassiger Torjäger fehlt auch
Einen Favoriten gibt es nicht in dieser Begegnung. Auch eine seriöse Prognose lässt sich aus den Gruppenspielen der Teams nicht ableiten. Ein spielerischer deutscher Triumph ist genauso möglich wie ein glatte, illusionsraubende Niederlage - und natürlich ein nettes Elfmeterschießen. Die Sollbruchstellen im deutschen Spiel indes sind in der Vorrunde hervorgetreten. Das größte Defizit besteht auf der linken Abwehrseite. Es existiert seit Jahren. Es gibt in Deutschland keinen erstklassigen linken Verteidiger, wenn Lahm auf der rechten Seite spielt. Badstuber hat die Lücke nicht füllen können, Boateng auch nicht. Jetzt darf es wohl Jansen probieren. Erschwerend kommt hinzu, dass Lukas Podolski auf der linken Seite defensive Hilfsdienste nur ungern und unzulänglich anbietet - und diese Unzulänglichkeit auch nicht durch überragende Angriffsleistungen wettmacht.
Auch wenn die Deutschen bisher nur ein Gegentor zugelassen haben: Die Innenverteidigung wackelt, genauer: Per Mertesacker. Dies ist wie bei Podolski eine Entwicklung, die sich während der Saison abzeichnete. Und wenn dann Khedira, was in seinem Alter keine Überraschung ist, trotz aller Bemühungen mal ein schwächeres Spiel erwischt, dann kommt nicht nur Schweinsteiger, sondern jeder andere Mittelfeldspieler der Welt in Bedrängnis. Ein unsicherer Innenverteidiger hinter ihm, ein schwankendes Talent neben ihm - da hat der Münchner noch das Beste aus der Situation gemacht. Aber das Spiel ordnen und dominieren, das geht dann nicht mehr. Viele Schwächen hat der Bundestrainer schon behoben, aber man kann nicht verlangen, dass international alles immer glänzt, was national monatelang matt daherkommt. Das gilt genauso für den Angriff, dem ein erstklassiger Torjäger fehlt. Klose war es nicht, Cacau auch nicht. Aber wer weiß: Gegen England reicht ja vielleicht schon ein Schüsschen aufs Tor.