Home
http://www.faz.net/-gaq-16rvc
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

„Argentinier sind respektlos“ Schweinsteiger greift an

01.07.2010 ·  Vor dem Viertelfinale eine überraschende verbale Attacke gegen den Gegner Argentinien: Der Münchener Mittelfeldspieler reagiert damit vier Jahre nach dem WM-Spiel in Berlin aggressiv auf die Frustkeilerei der Südamerikaner - vermutlich nach Absprache.

Von Michael Ashelm, Pretoria
Artikel Bilder (4) Video Lesermeinungen (29)

Als Joachim Löw sich am Mittwoch zum ersten Mal öffentlich zum bevorstehenden Viertelfinalspiel gegen Argentinien und den Chancen seiner Elf äußerte, kam die Sprache wieder auf Bastian Schweinsteiger. Er ist längst einer der Schlüsselspieler im Team, weshalb der Bundestrainer auch am Mittwoch seinen Mittelfeldmann besonders lobte: „Auf seiner Position gibt er dem Spiel viel Symmetrie und Ordnung. Er ist ballsicher und kann das Tempo variieren. Zudem kann er der Mannschaft emotional viel geben“, sagte Löw.

Als der Spieler selbst wenig später auf dem Podium in der Pressekonferenz im Quartier der deutschen Nationalmannschaft Platz nahm und zum nächsten WM-Duell am Samstag in Kapstadt befragt wurde, konnte man sich direkt von seinen Fähigkeiten überzeugen, Menschen zu bewegen - diesmal aber auf ganz unerwartete Weise. Angesprochen auf seine Erinnerung an 2006, als die Deutschen bei der Weltmeisterschaft im eigenen Lande auch im Viertelfinale auf diesen Gegner getroffen waren, sagte Schweinsteiger: „Natürlich denkt man noch an das Elfmeterschießen. Aber mehr eigentlich an das, was nach dem Spiel passierte, die Handgreiflichkeiten der Argentinier. Das sitzt noch fest in den Köpfen drin.“

Weil heutzutage bei der Einstimmung auf wichtige Fußballspiele in den meisten Fällen nur noch politisch korrekte, von gegenseitigem Respekt zollende Formulierungen gewählt werden, bekommen Schweinsteigers Aussagen nun eine besonders brisante Bedeutung. Vor allem deshalb, weil der stellvertretende Mannschaftskapitän im Laufe des Frage-Antwort-Spiels gezielt nachlegte und es sich bei der Argentinien-Attacke keinesfalls um eine zufällige oder unbedachte Randbemerkung handelte.

Schweinsteiger ist seit Mittwoch nicht nur der „emotionale Leader“, wie ihn Löw schon vor der WM bezeichnete, sondern zugleich der neue Chef der Abteilung Attacke in der Nationalmannschaft. „Wir dürfen uns nicht von den Provokationen der Argentinier beeinflussen lassen. Vor dem Spiel geht das doch schon los. Wie sie gestikulieren und versuchen, den Schiedsrichter zu beeinflussen. Das gehört sich nicht, das ist respektlos. Ich hoffe, der Schiedsrichter hat ein gutes Auge. Wir müssen Ruhe bewahren und uns selbst kontrollieren“, sagte der beim FC Bayern wohl in allen Belangen gut ausgebildete Profi. Uli Hoeneß wäre ganz besonders stolz gewesen angesichts der Provokationstaktik des 25 Jahre alten Münchners.

Plötzlich steht das Nachspiel von 2006 wieder im Mittelpunkt

Die Begegnung mit den Argentiniern hat am Mittwoch an Brisanz gewonnen. Plötzlich stehen die unschönen Vorkommnisse von 2006 wieder im Mittelpunkt des bevorstehenden WM-Duells. Die Argentinier hatten vor vier Jahren nach der bitteren Niederlage im Elfmeterschießen gegen die deutsche Auswahl ihrer Enttäuschung mit Fußtritten und Faustschlägen Luft gemacht. Die von den damals völlig enthemmten Südamerikanern angezettelte Frust-Keilerei im Berliner Olympiastadion wurde zum WM-Skandal mit negativen Auswirkungen für beide Seiten. Ein Kung-Fu-Tritt des Argentiniers Leandro Cufre traf Per Mertesacker damals in den Unterleib.

Die Prügel auf dem Rasen hatten für die deutsche Mannschaft aber auch andere schmerzliche Folgen. Torsten Frings wurde von der Disziplinarkommission des Internationalen Fußball-Verbandes gesperrt, weil die Ermittler aufgrund der vorliegenden Fernsehbilder zur Meinung kamen, dass der deutsche Spieler den Argentinier Julio Cruz absichtlich mit der Faust im Gesicht getroffen hatte. Mehrere argentinische Spieler, aber eben auch Frings wurden direkt aus dem Verkehr gezogen. Mit Konsequenzen für den weiteren Turnierverlauf der Deutschen. Die Sperre gegen ihren wichtigen Mann und den kongenialen Partner des damaligen Kapitäns Michael Ballack im defensiven Mittelfeld wird seither von der Mannschaft als Hauptgrund für die Niederlage gegen Italien im Halbfinale und den geplatzten Titeltraum bei der Weltmeisterschaft vor heimischem Publikum gesehen.

Der Eindruck eines geplanten Vorgehens

In Südafrika hat Schweinsteiger an die Szenen vielleicht sogar in vorheriger Absprache mit der deutschen Mannschaftsleitung erinnert. Vor dem Achtelfinalspiel gegen den fußballerischen Erzfeind England waren von deutscher Seite insgesamt gewohnt moderate Töne angeschlagen worden, nur einige englische Medien schweiften wieder ab in die alte Weltkriegs-Terminologie.

Im Fall von Argentinien vermittelte zumindest Schweinsteiger am Mittwoch den Eindruck eines geplanten Vorgehens. Der Mittelfeldspieler wollte gar nicht ablassen von seinem verbalen Feldzug im Vorfeld der Partie und schoss dabei über das Ziel hinaus. Mit Bezug auf die gefürchteten argentinischen Anhängergruppen der „Barras bravas“ (wilde Fangruppen), die derzeit auch in Südafrika mit mehreren hundert Leuten die eigene Mannschaft begleiten, sagte der deutsche Mittelfeldprofi: „Man weiß, dass diese Fans im Stadion auf Plätzen sitzen, obwohl sie gar keine Karte haben. Da zeigt sich die Mentalität und der Charakter der Argentinier.“

„Wir kennen auch ihre Schwächen“

Das WM-Turnier nimmt weiter Fahrt auf und kommt in die entscheidende Phase. Die deutsche Mannschaft zeigt hierbei einen ganz neuen, kämpferischen, ja aggressiven Wesenszug, nachdem die Spieler der Fußballelf in der Vergangenheit oft als zu brav und freundlich bezeichnet wurden. Schweinsteigers Attacke zeigt eine unvermutete Seite des Teams, deren Selbstbewusstsein nach dem Sieg gegen England unerschütterlich erscheint. „Die Argentinier haben enorm viele Stärken, aber wir kennen auch ihre Schwächen und wissen, dass sie verwundbar sind“, sagte Bundestrainer Löw.

Schon an diesem Donnerstag wird die Nationalelf an den Spielort Kapstadt reisen. Dort wird auch der verletzte Kapitän Michael Ballack erstmals während dieser WM zur Mannschaft stoßen. Ballack hatte beim Länderspiel im März in München gegen Argentinien den für die Bayern spielenden Martin Demichelis bei einer Zweikampfaktion im Strafraum unabsichtlich das Jochbein gebrochen. Demichelis warf Ballack damals vor, sich niemals entschuldigt zu haben, was dieser jedoch bestritt. Auch dies zeigt, wie viel Sprengkraft in diesem Duell steckt. Die Argentinier haben die erste (wortgewaltige) Offensive der Deutschen allerdings ins Leere laufen lassen. „Er sollte an sich denken, wir denken an uns“, lautete am Mittwochabend die knappe Antwort von Mittelfeldspieler Javier Pastore.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen