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1:0 gegen Niederlande Iniesta macht Spanien zum Weltmeister

12.07.2010 ·  Geholze statt Spielkunst im Finale: Iniesta schießt Spanien in der 116. Minute zum WM-Titel gegen Holland. Die Verlierer fallen durch Fouls auf - am Ende stehen auf beiden Seiten dreizehn Gelbe Karten und ein Platzverweis.

Von Roland Zorn, Johannesburg
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Erst um 23.03 Uhr nach zwei zähen Fußballstunden war das große Werk vollbracht, und die Feierlichkeiten konnten beginnen. Spanien hat in Johannesburg erstmals den großen Jackpot abgeräumt und kehrt nach der Europameisterschaft 2008 als umjubelter Weltmeister, der achte in der Geschichte der Titelkämpfe, nach Hause zurück.

Der 1:0-Erfolg nach Verlängerung durch Iniestas Treffer (116. Minute) spiegelte viel vom Verlauf dieser WM in Südafrika, blieb doch die Schönheit des Spiels selbst bei den hierfür zuvor gefeierten Spanier auf der Strecke. 84.000 Zuschauer im Johannesburger Soccer City Stadium sahen dafür am Sonntagabend einen langwierigen Härtefall unter Europäern, der in 13 Verwarnungen und einer Gelb-Roten Karte für den Holländer Heitinga (109. Minute) kulminierte.

Fußball gespielt wurde dafür nur selten. Beiden Teams war die Anspannung anzumerken, erstmals den Gipfel der Fußballwelt besteigen zu können. Sie löste sich bei den Spaniern erst so richtig, als der vor Glück weinende Kapitän Iker Casillas den WM-Pokal gegen 23.15 Uhr in den Nachthimmel von Johannesburg streckte.

Am Ende aber gewannen die besseren Fußballspieler doch. Noch nie im Finale und dann auf Anhieb als Nachfolger des viermaligen Titelgewinners Italien Weltmeister, das war der reiche Lohn für eine jahrelange Aufbauarbeit, die über den Europameistertitel im Jahre 2008 unter der Anleitung von Trainer Luis Aragonés bis zur Eroberung des goldenen WM-Pokals zwei Jahre später mit dem väterlichen Coach Vicente del Bosque an der Spitze führte. Auf diesem Karriereweg waren zuletzt die Deutschen 1972 und 1974 nach ganz oben gekommen.

Für Niederlande bleibt wieder nur der Trostpreis

Mit Stil, Eleganz und einem geschliffenen, eingespielten Kombinationsfußball, den in diesem Turnier kein anderes Team zu zelebrieren verstand, erreichten die Iberer rund um die leidenschaftlichen Ballbesitzer und Ballverteiler Xavi und Iniesta das Ziel ihrer Träume als erste Europäer, die den WM-Pokal jenseits ihres Kontinents erobern konnten. Allerdings kam das Spiel der Spanier im Finale nur ganz selten auf Touren, da ihnen die Holländer mit Härte und Verbissenheit begegneten.

Für die Niederlande blieb wie 1974 und 1978 auch im dritten WM-Finale nur der Trostpreis in Silber übrig. Eine Prämie, die die Profis in Oranje am Tatort Soccer City traurig stimmte, glaubten doch auch sie sich nach zuvor 25 Spielen ohne Niederlage ganz nah am Gipfel. „Wir werden euch glücklich machen“, hatte der zauberhafte Mittelfeldstar Andres Iniesta seinen Landsleuten vor dem Finale versprochen. Spanien stand am Sonntag - genau wie die Niederlande - geschlossen hinter seinem Team, das personell und konzeptionell vom europäischen Vorzeigeklub FC Barcelona geprägt ist.

Van Bommel und de Jong mit Gelb im Glück

Was den 84.000 Zuschauern in der Arena zunächst vor Augen kam, war indes 45 Minuten lang kein Spiel für Genießer. Die Holländer machten ihre Ankündigung zwar wahr, nicht so lieb wie die Deutschen im Halbfinale mit ihren Gegenspielern umzugehen, attackierten die Spanier meist schon am Mittelkreis, traten dabei aber hier und da ziemlich rüde zu. Von einem Spielfluss in Oranje war in der ersten Hälfte so gut wie nichts zu sehen.

Der noch zu nachsichtige englische Sergeant und Finalschiedsrichter Howard Webb zückte vor dem Wechsel fünfmal die Gelbe Karte - dreimal gegen einen Niederländer, zweimal gegen Spanien. Dabei konnten die Mittelfeldabräumer van Bommel (22.) und de Jong (28.) nach groben Fouls froh sein, mit einer Verwarnung davonzukommen. Sie hätten auch Rot sehen können.

Geholze geht auch in Hälfte zwei munter weiter

Unter dem physisch aufgeladenen Duell mit Zerstörerehrgeiz litt die Spielkunst der Spanier, die recht schwungvoll begonnen hatten und durch Ramos' Kopfball, den Stekelenburg parierte, die beste Chance besaßen (5.). Der offensive Rechtsverteidiger drang noch einmal gefährlich in den niederländischen Strafraum, so dass Heitinga in höchster Not vor der Torlinie zum Eckball klären musste (11.).

Dann aber bestimmten die Härtefälle des Fußballs ein Finale, in dem Holland erst in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit durch Robbens Flachschuss zur ersten kapitalen Gelegenheit kam. Casillas wehrte den Ball ab, ehe sich die erhitzten Gemüter für 15 Minuten abkühlen konnten. Das Geholze aber ging munter weiter, und so wurden in van Bronckhorst und Heitinga (54./56.) zwei weitere Holländer verwarnt.

Intensives Kampfspiel mit unschönen Aktionen

Das Spiel aber nahm dennoch mehr Fahrt auf, weil die Niederländer ihrem Gegner etwas mehr Platz boten und sich auch die Spanier nun einige Nachlässigkeiten in der Defensive leisteten. Arjen Robben vom FC Bayern München hätte nach Sneijders' gefühlvollem Pass das 1:0 für den Außenseiter erzielen müssen, doch Casillas gewann das Eins-gegen-Eins-Duell dank einer reaktionsschnellen Fußabwehr (62.) so wie in der 82. Minute noch einmal gegen denselben Spieler.

Auf der anderen Seite scheiterte Villa an Heitinga und van der Wiel (69.). Schön anzusehen war das von unsauberen Aktionen durchsetzte intensive Kampfspiel zwar noch immer nicht, aber es wogte jetzt wenigstens hin und her. Die ob der niederländischen Härte erkennbar genervten Spanier blieben das Team, das den anspruchsvolleren Fußball zeigte, doch anders als gegen Deutschland blitzte seine Klasse zu selten auf. Torgelegenheiten erwuchsen eher aus Standardsituationen, die jedoch wie bei Ramos' schlecht getimtem Kopfball (77.) vergeben wurden.

Gerechtigkeit siegte am Ende der Partie

Und so vergingen neunzig verkrampfte Minuten torlos. Es hüben wie drüben besser zu machen, blieb noch eine weitere halbe Stunde Zeit. Der eben eingewechselte Fabregas hatte das 1:0 auf dem Fuß, fand aber in Stekelenburg seinen Meister (95.), Mathijsen setzte im Gegenzug einen Kopfball über das spanische Tor, Iniesta ließ sich, als die Kräfte beiderseits nachließen, von van Bronckhorst den Ball abjagen (99.), und Navas schoss den Ball ans Außennetz (101.). Der Verschleiß hüben wie drüben öffnete nun Räume, die Partie endlich zu entscheiden.

In der 116. Minute war es dann so weit, als Iniesta nach Fabregas' Vorarbeit endlich eine seiner vielen Chancen nutzte und den bis dahin starken Stekelenburg mit einem Flachschuss überwand. So hatte schließlich doch die Gerechtigkeit in einer Partie gesiegt, in der sich der neue Weltmeister im Gegensatz zu den Holländern zumindest um spielerische Antworten bemüht hatte - mochte er sie auch erst sehr spät gefunden haben.

Niederlande - Spanien 0:1 (0:0) n.V.
Niederlande:
Stekelenburg - van der Wiel, Heitinga, Mathijsen, van Bronckhorst (105. Braafheid) - van Bommel, de Jong (99. van der Vaart) - Robben, Sneijder, Kuyt (71. Elia) - van Persie. - Trainer: van Marwijk
Spanien: Casillas - Ramos, Pique, Puyol, Capdevila - Busquets, Xabi Alonso (87. Fabregas) - Pedro (60. Jesus Navas), Xavi, Iniesta - Villa (116. Torres). - Trainer Del Bosque
Schiedsrichter: Howard Webb (England)
Tor: 0:1 Iniesta (116.)
Zuschauer in Johannesburg/Soccer City: 84.490 (ausverkauft)
Gelb-Rote Karte: Heitinga wegen wiederholten Foulspiels (109.)
Gelbe Karten: van Persie, van Bommel, de Jong, van Bronckhorst, Robben, van der Wiel, Mathijsen - Puyol, Ramos, Capdevila, Iniesta, Xavi

Quelle: FAZ.NET
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