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Weltwirtschaftsforum Die neue Verteilung von Macht und Einfluss

23.01.2008 ·  Innovationskraft durch Zusammenarbeit - das Thema des Treffens in Davos wirkt sperrig. Aber es zeigt, wohin sich die Welt entwickelt: Ohne Zusammenarbeit über Grenzen hinweg geht es nicht voran. Und auch nicht aus einer Krise heraus.

Von Carsten Knop
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Ohne das weltumspannende Datennetz Internet wäre die Globalisierung in ihrer heutigen Ausprägung nicht vorstellbar – und das Internet ist dabei, vollends in eine zweite Phase seiner Entwicklung überzutreten. Früher war das Netz allein davon geprägt, die Kommunikation vom Unternehmen zu seinen Kunden zu ermöglichen. Heute dreht sich der Kommunikationsfluss um: Die Kunden sagen den Unternehmen selbstbewusst, was sie von ihnen wollen, und erwarten schnelle Antworten.

Die Mitarbeiter in den Unternehmen bekommen auf diesem Weg zwangsläufig größere individuelle Entscheidungsbefugnisse. Es entsteht der Zwang, durch Zusammenarbeit nicht nur die Kundennähe, sondern die gesamte Innovationskraft des Unternehmens zu verbessern. Und das ist das Oberthema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos, in der englischen Konferenzsprache: „The power of collaborative innovation“.

Kein Stil von Befehl und Gehorsam

John Chambers, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Netzwerkausrüsters Cisco, ist ein Unternehmer, dessen Herz angesichts dieses Themas höher schlägt. Denn es ist ein Spiegelbild der Thesen, die Chambers seit Jahr und Tag vertritt: Daten werden jederzeit und überall auf unterschiedlichsten technischen Geräten verfügbar sein. Dort können sie nicht nur abgerufen, sondern auch bearbeitet werden.

Das sorgt für neue Anwendungen und Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung nicht nur für Unternehmen, sondern auch für das Gesundheitswesen oder die öffentliche Verwaltung. Damit verändern sich ganze Hierarchien: „Ein Unternehmen lässt sich jetzt nicht mehr im Stil von Befehl und Gehorsam führen“, sagt Chambers in seiner Videobotschaft zum Weltwirtschaftsforum (WEF). „In der Zukunft funktionieren Unternehmen nur noch durch kooperative Teamarbeit.“

Die Netzwerktechnik boomt

Klar wird mit seinen Worten aber auch: Die Unternehmen schöpfen die Möglichkeiten der Vernetzung intern und mit anderen Firmen, Kunden, Produktionsstätten oder Forschungseinrichtungen noch längst nicht aus. Das dürfte Chambers freuen: Neue Möglichkeiten zum Verkauf moderner Netzwerktechnik lauern allerorten. Chambers selbst würde zu einer solchen Feststellung aber wahrscheinlich nur sein charmantes Lächeln eines Südstaatlers aufsetzen und versichern, dass es im Rahmen dieser Betrachtungen selbstverständlich nicht um die Informationstechnologie (IT) selbst gehe, sondern darum, wie Unternehmen mit der Hilfe der IT Geschäftsprozesse erfolgreich verändern.

Was aber könnte sich verändern? Kundenideen könnten in Produkte umgesetzt werden, und intelligent gesteuerte Produktionsanlagen für immer mehr Produkte (nicht nur für Autos, sondern zum Beispiel auch für Bekleidung) dürften für zunehmend individuelle Anfertigungen sorgen. Entwicklungsaufgaben könnten für externe Entwickler regelrecht ausgeschrieben werden, und die eigene Informationstechnik-Infrastruktur ließe sich anderen Unternehmen zur Verfügung stellen.

Kaffeeröster mit eigener Mobilfunkmarke

Das beste Beispiel hierfür ist der amerikanische Online-Händler Amazon, der seine Internet- und Logistikkapazitäten längst auch von anderen Händlern nutzen lässt, um sein Warenangebot zu vervollständigen – und hieran über Gebühren mitzuverdienen. Ähnliches gibt es auf dem Mobilfunkmarkt. Dort verkaufen Netzbetreiber Kapazitäten an Dienstleister; dies ermöglicht zum Beispiel Lebensmitteldiscountern oder Kaffeeröstern eigene Mobilfunkmarken. So entstehen Produkte, an die vor Jahren niemand im Traum gedacht hätte.

Wenn in einer solchen Welt der amerikanische Computerkonzern IBM das vorher nur Fachleuten bekannte kanadische Softwareunternehmen Cognos kauft, hat das deshalb genauso viel mit dem Oberthema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos zu tun wie die Übernahme der französisch-amerikanischen Softwareschmiede Business Objects durch die deutsche SAP.

Gefragt ist intelligente Datenanalyse

In beiden Fällen handelt es sich um den Versuch etablierter Softwareanbieter, ihre Produktportfolios an einer entscheidenden Stelle zu verbessern. SAP und IBM wollen ihren Kunden künftig eine Frage besser beantworten: Wie können wir es schaffen, die Unmengen von Daten, die sich jeden Tag in unseren Netzwerkrechnern (Servern) ansammeln, zu strukturieren und sinnvoll aufzubereiten? Wie können wir daraus die Informationen gewinnen, die wir brauchen, um unser Unternehmen so zu steuern, wie es der vorgegebenen Strategie entspricht?

Dazu brauchen SAP und IBM die sogenannten „Business Intelligence“-Programme von Cognos und Business Objects. Denn der Wettbewerb der Kunden der Softwarehäuser untereinander wird sich künftig sehr viel stärker an ihren Fähigkeiten zur Analytik entscheiden: Wie plane und entscheide ich auf der Grundlage der intelligenten Interpretation von Daten?

Projektarbeit rund um die Uhr

Die Datenmengen, mit denen die Unternehmen von heute konfrontiert sind, entstehen im Intra- und Internet, aus der beschriebenen Zusammenarbeit mit den Kunden auf der Welt, aber auch in der eigenen Produktentwicklung, in jedem vorstellbaren Winkel eines Unternehmens. Längst werden Produkte dabei nicht mehr nur in zentralen Forschungslabors entwickelt. Heute arbeiten Mitarbeiter rund um die Uhr an ihren Projekten, und das nicht etwa, weil sie auf Schlaf verzichten würden: Wenn in Asien die Arbeit zu Ende geht, wird in Europa weitergeforscht, um danach in Amerika das Tagewerk zu vollenden und in der nächsten Runde nach Asien zurückzukehren.

Nicht selten kaufen selbst größere Unternehmen ihre neuen Produktideen direkt von außen ein, häufig von externen Netzwerken von Ingenieuren entwickelt. Nicht nur in den großen Konzernen unterstützen sich die Mitarbeiter in Blogs und internen Wikis gegenseitig, tauschen Wissen und Erfahrungen miteinander aus, bereiten ihr Know-how auf neuen technischen Wegen für das Unternehmen und sich selbst auf.

Herausforderungen durch Transparenz bewältigen

Um diesen Daten Herr zu werden, braucht es Programme, die auch künftig gewährleisten, dass mit Außenstehenden zielgerichtet und stringent kommuniziert werden kann. Darauf versuchen Anbieter wie IBM und SAP, aber auch Oracle und viele andere ihren Kunden eine Antwort zu geben. Was braucht man, um die Veränderungen, die in dieser neuen Welt möglich werden, auch zu nutzen? Vertrauen und Transparenz. Was ist in einer solchen Welt von gestern? Manipulationsversuche und Intransparenz. Dazu gehört es natürlich auch, auf schwarze Kassen zu verzichten.

Denn künftig zählt allein Leistung und Kreativität. Sie werden sich durchsetzen, gerade weil sie im Netz leicht vergleichbar und nachprüfbar sind. Transparenz ist in den Augen der Veranstalter des Weltwirtschaftsforums in Davos deshalb auch die Antwort auf zahlreiche andere Herausforderungen, denen die Welt gegenübersteht.

Jenseits aller Staatsgrenzen

Denn ohne innovative, aber eben auch intransparente Finanzprodukte zum Weiterverkauf amerikanischer Hypothekenkredite mit schlechter Bonität wäre es zur Finanzkrise in ihrem derzeitigen Ausmaß nicht gekommen. Und von den Staatsfonds, die jetzt in die Banken investieren, wird in diesem Jahr so viel Transparenz verlangt werden wie im vergangenen von Hedge-Fonds oder privaten Finanzinvestoren.

Das heißt aber auch, dass die Lösungen für die Probleme dieser Welt immer häufiger jenseits einzelner Staatsgrenzen gefunden werden. „Politiker und Unternehmen haben nicht nur eine Lizenz zum Handeln im globalen Maßstab, sie haben auch die Pflicht, für die Gesundheit des globalen Systems zu sorgen“, schreiben die Organisatoren von Davos in ihrer Vorstellung des diesjährigen Themas.

Die Asiaten holen auf

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) will sich in dieser Hinsicht nichts vorwerfen lassen: Die Barclays Group übernimmt die Kosten für die Kompensation der von den Teilnehmern verursachten Treibhausgase. Denn natürlich wird auch in diesem Jahr die Umwelt ein Thema in Davos sein, wird viel über Biokraftstoffe und den Kampf um das Wasser diskutiert werden.

In einer nach wie vor unsicheren Welt, die von Unternehmen und ihren Mitarbeitern höchste Flexibilität erfordert, erscheint den WEF-Veranstaltern mit Blick auf das Jahr 2008 nur eines wirklich sicher zu sein: Die Bedeutung der asiatischen Staaten wird in den kommenden zwölf Monaten sowohl in wirtschaftlicher als auch kultureller Hinsicht weiter zunehmen.

Zwar stehen die „alten Wirtschaftsmächte“ der G 7 noch immer für die Hälfte der Wirtschaftskraft der Welt. Aber China und Indien holen auf. Auf China wird die Welt im Verlauf der Olympischen Sommerspiele in diesem Sommer ohnehin noch intensiv schauen – und Japan wird der Gastgeber des nächsten G-8-Gipfeltreffens sein.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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