Home
http://www.faz.net/-gao-whj3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Der Chef der zweitgrößten russischen Bank im Gespräch Sinkender Ölpreis könnte Russland schrecken

25.01.2008 ·  Die russische Wirtschaft geriete angesichts der Finanzkrise nur in Schwierigkeiten, wenn der Olpreis auf 25 Dollar sinken sollte. So schätzt der Chef der zweitgrößten russischen Bank VTB, Andrej Kostin, die Lage ein. Am Rande des Weltwirtschaftsforums hat er mit der F.A.Z. gesprochen.

Von Carsten Knop
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die zweitgrößte russische Bank VTB ist von der amerikanischen Immobilienkrise nur in einem minimalen Ausmaß betroffen und erwartet auch künftig keine weiteren Belastungen. Die gesamte russische Wirtschaft geriete nur dann in Schwierigkeiten, wenn der Preis für Öl und andere Rohstoffe im Zuge einer nachhaltigen Rezession in den Vereinigten Staaten deutlich fiele. „Wir bekommen ein Problem, wenn der Ölpreis auf 25 Dollar je Barrel sinkt“, sagte der VTB-Vorstandsvorsitzende Andrej Kostin am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos im Gespräch mit der F.A.Z.

Davon sei man aber noch weit entfernt. Und auch der gesamte russische Finanzsektor sei gegen die Kreditkrise weitgehend immun: „Auf dem russischen Markt spielen moderne, derivative Finanzinstrumente bisher kaum eine Rolle“, sagt Kostin. Die VTB habe lediglich ein Engagement im sogenannten Subprime-Markt von 30 Millionen Dollar - und das bei einem Bilanzvolumen von etwa 80 Milliarden Dollar.

Größeres Problem: Die Inflationsrate

Dass auch die russische Aktienbörse sehr negativ auf die Verwerfungen an den übrigen Finanzplätzen der Welt reagiert habe, sei zwar psychologisch verständlich, sachlich aber unlogisch. „Dem Abwärtsdruck an den Börsen konnte sich der Kurs unserer Aktie ebenso wenig entziehen wie die Notierungen anderer großer russischer Unternehmen wie Gasprom. Und weil die VTB natürlich auch Beteiligungen an solchen Unternehmen hält, ist der Wert unseres russischen Aktienportfolios gesunken.“

In den bisherigen Gesprächen, die er mit Geschäftspartnern in Davos geführt habe, hat Kostin aber nicht den Eindruck gewonnen, angesichts der Krise seine grundsätzliche Geschäftsstrategie für das laufende Jahr in Frage stellen zu müssen. Die russische Wirtschaft sei im vergangenen Jahr um mehr als 7 Prozent gewachsen und weiterhin in guter Verfassung; das größere Problem sei, die Inflationsrate wieder auf einen einstelligen Prozentsatz zu drücken.

Platz für zwei große Institute

Seine Bank wird daher weiterhin stark in den Aufbau ihres Filialnetzes in Russland investieren und versuchen, spätestens bis Juni auch die Nummer zwei im Geschäft mit Privatkunden zu werden, das von der Sberbank mit ihrem Marktanteil von rund 50 Prozent dominiert wird. „Der hohe Marktanteil der Sberbank und auch andere Wettbewerber behindern unsere Wachstumsmöglichkeiten nicht, denn der Privatkundenmarkt ist in Russland noch weitgehend unerschlossen“, sagt Kostin. „Aber je mehr Russen ins Ausland reisen wollen, desto stärker wird die Nachfrage nach Bankkonten werden“, ist Kostin überzeugt, brauche man für solche Reisen doch in jedem Fall eine Kreditkarte. Es sei in Russland Platz für zwei Institute von der Größe der Sberbank, wenn man berücksichtigt, wie stark der Privatkredit schon heute in Osteuropa oder Polen genutzt wird.

Die Expansion im Ausland vollziehe sich vor allem in China, Indien und in arabischen Ländern; Investitionen in Westeuropa oder den Vereinigten Staaten plant Kostin auf absehbare Zeit nicht. „Dort ist der Wettbewerbsdruck sehr, sehr hoch.“ Im Gegenteil sei die VTB gerade damit befasst, ihre Tochtergesellschaft in der Schweiz an die Bank des Energiekonzerns Gasprom zu verkaufen. Mit Blick auf die Investitionen russischer Staatsfonds im Ausland sei zu beachten, dass immer nur Minderheitsanteile angestrebt würden. Kostin selbst würde es ohnehin am liebsten sehen, wenn diese Fonds vorrangig in Russland investieren würden.

Noch kein nachhaltiger Kursgewinn

Die VTB ist seit dem vergangenen Mai börsennotiert; doch die Aktionäre konnten sich bisher noch über keinen nachhaltigen Kursgewinn freuen. Die Aktie hat auch schlechter abgeschnitten als die Papiere der Sberbank, die im vergangenen Jahr ebenfalls emittiert worden sind. Die Emission der VTB-Bank an der Londoner Wertpapierbörse (LSE) war mit rund 8 Milliarden Dollar der größte Börsengang des Jahres 2007. Dieses Listing am Finanzplatz London ist für Kostin auch einer der wesentlichen Gründe, warum die Aktie schlechter abgeschnitten hat als die der Sberbank. „Die Notierung in London, die die Sberbank nicht hat, ist in dieser Situation ein Nachteil, weil sie uns stärker mit den internationalen Finanzmärkten verbindet.“ Hinzu komme, dass das Geschäftsmodell der Sberbank als konservativer wahrgenommen würde; auch das sei in unsicheren Zeiten ein Vorteil. Die VTB erfülle aber ihre Versprechungen, steigere ihren Gewinn und bleibe bei ihren strategischen Zielen. Mehr könne man gegenüber den Investoren nicht tun.

Getrennt hat sich die VTB auch von ihrem Anteil am Europäischen Verteidigungs- und Raumfahrtkonzern (EADS). Die Bank habe ihr Paket von 5,02 Prozent für 994,79 Millionen Euro an die staatliche russische Bank für Entwicklung und Außenwirtschaft (VEB) verkauft. Das Paket soll in Russland in einem nächsten Schritt an die Flugzeugholding des Landes weitergereicht werden. „Und vielleicht ergibt sich ja doch noch die Chance für eine tiefer gehende Zusammenarbeit von EADS mit der russischen Flugzeugindustrie“, sagt Kostin. Von der Zukunft von EADS selbst ist Kostin überzeugt; er geht davon aus, dass sich der Aktienkurs spätestens mit der Auslieferung der ersten Modelle des Typs A350 wieder verbessern wird.

Quelle: F.A.Z., 25.01.2008, Nr. 21 / Seite 18
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

Jüngste Beiträge