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WM-Kommentar Seltene Sternstunde

23.08.2009 ·  Hierzulande hat man von international konkurrenzfähigen Höchstleistern und begeisterungsfähigen Besuchern nie genug. Die WM in Berlin war ein grandioser Erfolg für die deutsche Leichtathletik und für Deutschland als Gastgeber.

Von Jörg Hahn
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Werfen, laufen, springen - sehr früh und genau in dieser Reihenfolge fängt für jeden Menschen die Eroberung des Raums an, das kann man in Krabbelstuben gut beobachten. Wir kommen quasi als Leichtathleten zur Welt. Mancher verfeinert seine Fähigkeiten im Laufe der Lebensjahre mehr und mehr und wird auf diese Weise ein hochspezialisierter Weltklasseathlet; bei den meisten von uns erlahmt aber irgendwann das Interesse, ständig Grenzen auszuloten. Wenn man dann allzu träge wird, taugt man allenfalls noch zum Zuschauer. Hierzulande hat man von beidem nie genug; weder von den international konkurrenzfähigen Höchstleistern noch von begeisterungsfähigen Besuchern. Und dennoch war die Weltmeisterschaft in Berlin ein grandioser Erfolg, für den Deutschen Leichtathletik-Verband, für Deutschland und seine Hauptstadt als Gastgeber. Beides eher Glücksfall als Selbstverständlichkeit.

Die deutsche Mannschaft hatte vor der WM Ausfälle mehrerer Medaillenkandidaten zu verkraften. Und im Vorverkauf deutete sich schon die Zurückhaltung des Publikums an; sicherlich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, denn für eine Familie konnten WM-Tickets für gute Plätze im Olympiastadion schnell die Kosten eines Kurzurlaubs erreichen. Bei dem einen oder anderen dürfte hinter dem Verzicht auf einen Stadionbesuch auch eine persönliche Abkehr vom durch Doping und andere Skandale belasteten Spitzensport stecken. Die Leichtathletik gehört zu den Sparten, die traditionell eher Fachzuschauer anziehen, weniger die an Spektakel Interessierten. Und wer sich gut auskennt, weiß etwa, dass viele Namen aus Siegerlisten der Vergangenheit zu Recht verschwunden sind oder, weil die Indizien nicht für ein Urteil ausreichend waren, mit anderen Augen gesehen werden müssen. Unschuldig wie ein Baby ist der Spitzensport ja leider nicht mehr.

Werte des Sports erlebbar: Respekt, Miteinander, Fairplay

Warum dann doch diese glänzende Berliner Woche, die den Vergleich mit den Stuttgarter WM-Tagen von 1993 kaum mehr zu scheuen braucht? Anders als bei den Olympischen Spielen in Peking vor einem Jahr, einem Tiefpunkt der deutschen Leichtathletik, konnten, als es darauf ankam, Favoriten ihr Potential abrufen und Außenseiter über sich hinauswachsen. Eine Momentaufnahme allerdings, denn die Talente bleiben rar, und die nächste WM 2011 in Südkorea kann schon wieder ein ganz anderes Bild ergeben.

Leichtathletik-Video: „Ergebnis konsequenter Arbeit“

Das Publikum zeigte Patriotismus ohne Nationalismus, es begleitete alle Athleten mit Sachkenntnis und Fairness. Mit die bewegendsten Momente im Riesenstadion - abseits von Usain Bolts Weltrekorden - bot sicher der Donnerstagabend; die völlige Stille, die Hochspringerin Ariane Friedrich mit Erfolg einforderte, und das unverdrossene Mitfiebern Zehntausender mit den weit verspäteten Zehnkämpfern - beides erlebten auch Abermillionen weltweit an den Fernsehern mit. Eine Sternstunde, weil damit die Werte des Sports erlebbar wurden: Identifikation, Respekt, Miteinander, Fairplay, Freude an Leistung. Das alles hat man nun wirklich nicht mehr allzu oft.

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Jahrgang 1961, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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