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Speerwerfen Das Kartenhaus der Christina Obergföll

18.08.2009 ·  Die Seele von Christina Obergföll ist angeschlagen. Da kann sie noch so selbstbewusst tun. Ihre mühsame Qualifikation setzte die Serie fort, die aus der Mitfavoritin für das Speer-Finale an diesem Dienstag (19:25 Uhr) eine Außenseiterin machte.

Von Claus Dieterle, Berlin
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Das war nun wirklich kein Balsam für die angeschlagene Seele. Und zumindest die von Christina Obergföll ist angeschlagen. Da kann sie noch so selbstbewusst tun und die 60,74 Meter, mit denen sie sich ins Speerwurf-Finale an diesem Dienstag (19:25 Uhr) gezittert hat, als belanglos vom Tisch wischen. Es ist nur die Fortsetzung der vergangenen Wochen, die aus einer Mitfavoritin so langsam eine Außenseiterin machen. Zumal ihr die Russin Maria Abakumowa in der Qualifikation mit einem einzigen Wurf (68,92 Meter) auch noch die Pole Position in der Jahresbestenliste abgenommen hat und Olympiasiegerin Barbora Spotakova aus der Tschechischen Republik ihre Sache ebenfalls souverän erledigte.

Steffi Nerius, die zuletzt immer mehr in die Rolle von Christina Obergföll als deutsche Speerspitze geschlüpft ist, schwächelt ebenfalls seit kurzem. 61,73 Meter in der Qualifikation waren keine Empfehlung. Es könnte sein, dass dem Deutschen Leichtathletik-Verband, der bislang ja durchaus in Party-Stimmung ist, ausgerechnet in einer der Paradedisziplinen eine Enttäuschung ins Haus steht.

„Ich habe oft genug bewiesen, dass ich mit Druck umgehen kann“

Vor ein paar Tagen, im deutschen Trainingslager in Kienbaum, da schien Christina Obergföll ihre innere Balance wiedergefunden zu haben. Weil er wieder geflogen war, der Speer, den sie so lange nicht getroffen hatte. Vielleicht nicht so weit, wie sich die Offenburgerin das insgeheim erhofft hatte, aber der lang ersehnte Fortschritt war da. „So gut wie seit Wochen nicht“, lautete das Fazit nach der Klausur, in die sie sich zusammen mit Trainer Werner Daniels daheim in Offenburg zurückgezogen hatte.

Den letzten geplanten Wettkampf vor der WM hatte man sich lieber erspart. „Es war produktiver, noch einmal die Basics zu trainieren, als sich noch einmal ein Negativerlebnis zu holen“, sagt Daniels. Es ging vor allem um die Technik, denn ansonsten stimmt bei Christina Obergföll alles: die Kraft, die Schnelligkeit, die mentale Verfassung. Das behauptet sie jedenfalls.

Nicht einmal deutsche Meisterin ist sie geworden

„Ich habe oft genug bewiesen, dass ich mit Druck umgehen kann.“ Sonst wäre sie von den Weltmeisterschaften 2005 und 2007 nicht jeweils mit der Silbermedaille im Gepäck abgereist, sonst hätte sie nicht die einzige deutsche Leichtathletik-Medaille (Bronze) bei Olympia in Peking gewonnen. Sie hat sogar mit ihrer Mentaltrainerin, der früheren Speerwerferin Tanja Damaske, versucht, sich auf die Situation Heim-WM einzustellen: sich vom Publikum tragen, aber nicht treiben zu lassen. Und überhaupt: Am Anfang der Saison habe sie doch bewiesen, auf welch hohem Niveau sie sich in diesem Jahr bewegt. 65 Meter - bis hin zu jenen 68,59 Metern bei der Mannschafts-Europameisterschaft in Leiria - waren Standard.

Aber irgendwann ist die Serie gerissen und hat einer neuen Platz gemacht: Niederlagen, schwache Ergebnisse teils unter 60 Metern, Frustration, Ratlosigkeit. Nicht einmal deutsche Meisterin ist sie geworden, da hatte Steffi Nerius leichtes Spiel. Die Leverkusenerin hat es geschafft, sich in ihrer letzten Saison mit der Gelassenheit ihrer 37 Jahre noch einmal auf Top-Niveau (Jahresbestleistung 66,82 Meter) zu bringen. „Mit der Steffi musst du bei Großereignissen immer rechnen“, sagt Christina Obergföll zur innerdeutschen Konkurrenz. Aber das Schlimme für die Offenburgerin war, dass sie zuletzt stets unter Wert geschlagen wurde. Strotzend vor Kraft, aber unfähig, sie dem Speer mit auf die Reise zu geben.

Was ist zu erwarten? „Zwischen 60 und 72 Meter“

Die verdammte Technik also. Ein hochsensibles Gefüge. Und genauso fragil. Man müsse sich die Speerwurf-Technik wie ein Kartenhaus vorstellen, erklärt Trainer Daniels. „Wenn man eine Karte herauszieht, fällt das ganze Gebilde zusammen. Dann muss man es Schritt für Schritt wieder aufbauen.“ Die bewusste Karte, die das System Obergföll zum Einsturz gebracht hat, hatte eine eher harmlose Vorgeschichte. Die fing mit einer Zerrung in der Zwischenrippenmuskulatur an, die sich Ende Juni in Lausanne eingeschlichen hatte, ohne dass man sie allzu ernst genommen hätte. Aber wenn es zwickt, macht der Körper bei Belastungen irgendwann Ausweichbewegungen, und ehe man das richtig bemerkt, ist die Karte weg. Das System purzelt.

Und der mit Carbon umwickelte Aluminium-Speer, den Christina Obergföll seit dieser Saison bevorzugt, weil er so gut in der Hand liegt, verzeiht keine Fehler. So ganz ist das Zwicken immer noch nicht weg. „Aber ich komme damit klar“, behauptet Christina Obergföll. Im Übrigen habe sie ja nie von Gold gesprochen. Selbst Werner Daniels ist sich nicht so ganz sicher, ob sie beide auf die richtige Karte gesetzt haben. Bei der Frage, was er seiner Athletin in Berlin zutraut, lässt er sich jedenfalls reichlich Spielraum. „Zwischen 60 und 72 Meter.“

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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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