18.08.2009 · Der begabte Diskuswerfer und Künstler Robert Harting wirkt wie ein junger Wilder und ein großer Naiver zugleich. Mit seinen Worten gegen Doping-Opfer und andere Kritiker richtet er freiweg Schaden an - bloße Dummheit oder kalkulierter Skandal?
Von Michael Reinsch, BerlinRobert Harting lernt einfach nicht dazu. „Das Problem ist, ich unterschätze die Kraft des Wortes“, sagte er am Dienstagmorgen, nachdem er sich fürs Finale qualifiziert hatte. Und dann bewies der Riese von mehr als zwei Meter Körpergröße, dass er mit seinem Gerede noch mehr Schaden anrichten kann als mit unkontrollierter Körperkraft. „Es ist ja nicht gelogen, es ist die Wahrheit“, sagte er über seine jüngste Kritik an der Führung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Präsident Clemens Prokop und Generalsekretär Frank Hensel.
„Die sollen sich Gedanken mache, die diese Sache an den Kopf kriegen, und sie nicht abtun“, sagte er, und auf die Frage, ob er solchen Streit gezielt anzettele, um sich für den Wettkampf unter Spannung zu setzen, antwortete er: „Das puscht mich natürlich, wenn ein paar Leute dagegen sind. Aber einige Sachen wie die Pressekonferenz der Anti-Dopingopfer, die sollen uns in Ruhe lassen; was soll das denn! Mit den Brillen. . . Ich hoffe, wenn der Diskus aufkommt, dass er dann gleich noch mal Richtung Brillen springt. Dann gibt es wirklich nichts mehr zu sehen.“
Der gemeinnützige Dopingopfer-Hilfeverein hat in Berlin gefordert, die Leidtragenden und ihre Erfahrung in die Bekämpfung von Doping einzubinden. An diesem Dienstag ließ der Verein zum ersten Mal undurchsichtige sogenannte Doping-Schutzbrillen verteilen, auf denen steht: „Sportbegeisterte freuen sich auf einmalige Erlebnisse. Stattdessen bekommen sie Hochglanzbilder, die lügen, Trainer, die leugnen, Anti-Doping-Kommissionen, die das Gift sauberreden, Sportfunktionäre, die den Betrug abnicken, Politiker, die das bezahlen und feiern.“ Sie sollen auch am Brandenburger Tor verteilt werden, wenn dort die Marathonläufe stattfinden.
Nicht nur das empfindet Harting offenbar als persönlichen Angriff. Noch dazu hatte auf der Pressekonferenz das Dopingopfer Andreas Krieger, als Heidi Krieger 1986 Europameisterin im Kugelstoßen, heftig kritisiert, dass der Deutsche Leichtathletik-Verband eine Handvoll DDR-Trainer pauschal die Absolution erteilt habe und auch Werner Goldmann, Hartings Trainer, weiterbeschäftige. „Dieser Mann gehört für mich überhaupt nicht mehr in den Sport“, sagte Krieger. „Er hätte nach der Wende die Gelegenheit gehabt, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen.“
„Wollt ihr einen Geheimtipp?“
Goldmann hatte vom DLV zunächst keinen Vertrag mehr erhalten, nachdem ein ehemaliger DDR-Kugelstoßer, Gerd Jacobs, ihm öffentlich vorgeworfen hatte, an ihn leistungssteigernde Hormonpräparate verabreicht zu haben. „Das ist das Problem“, sagte Harting am Dienstag. „Die machen alles kaputt. Gerd Jacobs - da sage ich nichts mehr dazu.“ Der Vorfall bekam eine merkwürdige Fortsetzung, als Harting in die Mixed Zone zurückkehrte und einigen Reportern, die noch nicht gegangen waren, sagte, sie sollten ihn nun nicht als Mörder beschreiben. Dann wandte er sich an einige Journalisten und fragte: „Wollt ihr einen Geheimtipp?“
Ehe sie antworten konnten, sagte er „Geipel“ und ging. Ines Geipel ist Schriftstellerin und Hochschulprofessorin in Berlin, vor allem aber die Stimme der Dopingopfer. Sie ist die Frau hinter der Brillen-Kampagne. „Nach allem, was in den letzten Monaten passiert ist, ist klar, dass sie mich auf dem Kieker haben“, sagte sie. Noch vor Jahren sei sie auch persönlich bedroht worden von Vertretern des DDR-Sports; seit Erscheinen ihres Buches „No Limits“ sei das vorbei. „Die Äußerungen von Harting zeigen, wie viel Aufklärungsarbeit in diesem Verband noch nötig ist.“
„Ich freue mich auf die Pressekonferenz“
DLV-Präsident Prokop kommentierte den jüngsten Ausbruch Hartings mit dem Wort „unsäglich“. Später wurde eine Verbandserklärung verbreitet, in der es hieß, Harting bedauere aufrichtig seine Aussagen gegenüber Dopingopfern; er bitte um Nachsicht, dass die Anspannung des Qualifikations-Wettkampfes nachgewirkt und zu den unakzeptablen Äußerungen geführt hätte. „Dies wurde dadurch verstärkt, dass Diskussionen um die Dopingproblematik in der Vergangenheit wiederholt seine Konzentration auf die Vorbereitung gestört hatten“, so der DLV.
Am Mittwochabend soll Harting im Olympiastadion eine Medaille gewinnen. In der Qualifikation war sein einziger Versuch mit 66,73 Meter der zweitbeste Wurf. Mit einer Medaille in Händen, das hat er im Trainingslager angekündigt, wolle er die Verbandsführung erst recht angehen. „Ich freue mich schon auf die Pressekonferenz nach der Diskus-Entscheidung“, sagte er und verriet auch, warum. Er erhalte nicht die Wertschätzung, die er verdiene. Harting hat Erfahrung mit Ex-post-Forderungen. Nachdem er bei der Weltmeisterschaft in Osaka überraschend die Silbermedaille gewonnen hatte, verlangte er vom Verband, die Reisekosten für Trainer Goldmann zu übernehmen. Er bekam seinen Willen.
„Ich wünsche ihm, dass er Weltmeister wird“
Zu Forderungen, Harting wegen seiner Drohungen auf der Stelle aus der Mannschaft zu entfernen, sagte Ines Geipel: „Ich wünsche ihm, dass er Weltmeister wird. Umso länger wird die Diskussion anhalten.“ Robert Harting ist groß, 2,01 Meter, aber er ist nicht erwachsen. Er ist schwer, 131 Kilo, aber er weiß kaum, welches Gewicht hat, was er tut und was er sagt. Bald 25 Jahre alt, hat er eine Reputation als großer Junge, der in der Pubertät stecken geblieben ist.
Bevor Trainer Goldmann Hartings Kraft im Diskuswerfen kanalisieren konnte, setzte dieser sie gelegentlich bei Schlägereien in der Disco ein. „Jetzt reagiere ich mich im Training ab“, sagte Harting kürzlich einer Boulevardzeitung. „Wenn sich einer prügeln will, weise ich ihn kurz darauf hin, was mit ihm passieren könnte. Da habe ich mich im Griff, solange keiner mein Mädchen anfasst.“
„Robert Harting ist gegen jede Form des Dopings“
Aus einfachen Verhältnissen in Cottbus stammend, erlebte Harting früh, dass er mit seinen körperlichen Fähigkeiten im Sport gut aufgehoben ist. Bei einigen Handballspielen warf er fast alle Tore seines Teams - und verlor trotzdem. Den Ausschlag für den Wechsel der Sportart gab eine schwere Demütigung, die der Trainer seinem dünnhäutigen Koloss zufügte: Er verlangte vor versammelter Mannschaft den säumigen Vereinsbeitrag.
Vor vierzehn Tagen versuchte Harting den Widerspruch zwischen dem verbreiteten Doping und den Einschränkungen der persönlichen Freiheit durch Dopingkontrollen zu beschreiben. „Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser wäre, Doping in irgendeiner Form zu erlauben, so knallhart sich das auch anhören mag“, sagte er. „Dann würde sich zumindest niemand mehr darüber aufregen.“ Auch damit sorgte er für einen Skandal. Jetzt ließ der DLV ausrichten: „Robert Harting ist gegen jede Form des Dopings im Sport.“ Doch so ganz trauen ihm die Funktionäre wohl noch immer nicht über den Weg. Nach dem Finale „wird der Deutsche Leichtathletik-Verband die Problematik mit ihm noch einmal diskutieren“.