22.08.2009 · Kein vorsichtiges Taktieren, keine wachsweiche Antwort: „Titelverteidigung. Punkt“, gibt Betty Heidler als klares WM-Ziel aus. Die Hammerwerferin hat ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden - die Konkurrenz ist beeindruckt.
Von Claus Dieterle, BerlinKein vorsichtiges Taktieren, keine wachsweiche Antwort, sondern eine klare Ansage: „Titelverteidigung. Punkt“, sagt Betty Heidler auf die Frage nach ihrem WM-Ziel, so als sei das nichts als die reine Selbstverständlichkeit. So als hätte es die Enttäuschung von Peking 2008 nicht gegeben, als sie - die Weltmeisterin - auf Rang neun landete. So, als stünden vor der 25 Jahre alten Hammerwerferin von der LG Eintracht Frankfurt nicht noch drei andere in der Weltrangliste: die Polin Anita Wlodarczyk, die Slowakin Martina Hrasnová und ihre spezielle Freundin, Tatyana Lysenko aus Russland, die nach ihrer zweijährigen Dopingsperre seit Mitte Juli wieder im Hammerwurfring dreht.
Dass Frau Lysenko, die Weltrekordhalterin, wieder WM-würdig ist, findet Betty Heidler nicht gerade toll, aber „was soll ich machen? Ich kann es nicht beeinflussen.“ Doping, das ist immer ein Thema unter den Hammerwerfern, aber „eins für vor und nach dem Wettkampf“. Man kann seine persönlichen Konsequenzen ziehen, kann den Umgang mit gewissen Konkurrentinnen meiden, kann ihnen den Handschlag verweigern - im Wettkampf ausweichen kann man ihnen nicht. „Das muss man ausblenden“, sagt Betty Heidler.
„Eigentlich nur weiter werfen als die anderen“
Aufs erste ist ihr das schon gelungen. Der Auftritt am Donnerstag in der Qualifikation war kurz und eindrucksvoll: Vier Drehungen, ein kräftiger Armzug - 75,23 Meter. Ziel erfüllt, Konkurrenz beeindruckt, Auftritt beendet. Jedenfalls beim sportlichen Teil. Denn ihre Publicity genießt Betty Heidler schon. Hammerwerfer bewegen sich ja sonst eher am Rande des Spektrums. Und so genießt sie die Zuneigung der Fans und steht auch bereitwillig Rede und Antwort: „Das war mein Ziel: In der ersten Gruppe starten, als erste Athletin werfen und dann wieder gehen.“
Dass es Meisterschaftsrekord war, entlockt ihr nur ein leises Lächeln: „Das wird nicht so bleiben.“ Jedenfalls nicht, wenn man Gold gewinnen will. „Aber ich muss ja eigentlich nur weiter werfen als die anderen.“ Sie will diesen Titel, und das hat neben der eigenen Rehabilitierung einen besonderen Grund. Sie mag ja in Frankfurt bei Bundestrainer Michael Deyhle trainieren, aber sie ist nun mal eine waschechte Berlinerin - auch ohne Berliner Schnauze. Eine, die für ihre Freunde 25 Karten für das Finale an diesem Samstag besorgt hat, und die sich zeigen will. Aus dieser „Extra-Portion Motivation“ schöpft Betty Heidler schon das ganze Jahr.
Das innere Gleichgewicht wiedergefunden
Die war in der Saison zuvor, als ihr der Hammer nie richtig von der Hand ging, fast abhanden gekommen. Vom Spaß ganz zu schweigen. „Ich brauche einen neuen Kopf“, hat sie damals treffend gesagt. Äußerlich hat sich nichts verändert, aber unter dem rotblonden Haar ist nach einer langen Pause im Herbst die Erkenntnis gereift, woran sie in Peking gescheitert war: „Ich konnte mit dem Druck nicht umgehen, ich wollte in jedem Wettkampf beweisen, dass mein WM-Titel von Osaka kein Zufall war.“
Jetzt hat sie - auch mit Hilfe der Verbandspsychologin Heike Kugler - ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden, ihre Lockerheit. „Die muss man sich aber auch durch Leistung erarbeiten“, sagt sie. In diesem Jahr hat sie ihre Kraftwerte verbessert, ist technisch stabil geworden, und hat sich hat ein Grundniveau von 74, 75 Metern erarbeitet. „Bisher hat nur der Ausreißer nach oben gefehlt.“ Sie weiß genau, wie sich der ideale Wurf anfühlt. „Schwerelos. Man merkt gar nicht die Anstrengung.“ So wie bei ihrem deutschen Rekord (76,55 Meter). Das ist schon drei Jahre her. „Ja“, sagt sie, „Zeit würde es schon.“