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Leichtathletik-WM Nerius vergoldet ihr Karriereende

19.08.2009 ·  Erste Goldmedaille für Gastgeber Deutschland: Steffi Nerius gewinnt bei der Leichtathletik-WM in Berlin das Speerwerfen. Sie schafft in ihrem letzten großen Wettkampf ihren bedeutendsten Erfolg. Christina Obergföll landet auf Platz fünf.

Von Claus Dieterle, Berlin
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„Berlin macht Rabatz“ steht auf dem Stirnband von Steffi Nerius. Am Dienstagabend haben die 30.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion ordentlich Lärm und Stimmung vor allem für eine gemacht: Steffi Nerius. Der letzte Versuch war nur noch Kür, die Bühne gehörte ihr für ein paar Momente ganz allein. Es war die reine Lust, die Weite völlig bedeutungslos. Weil Steffi Nerius der Titel, der ihr noch gefehlt hat, nicht mehr zu nehmen war: Weltmeisterin.

Weltmeisterin im Speerwerfern, mit 67,30 Metern, bei ihrer letzten Gelegenheit. Denn nach der Saison ist Schluss. Was für ein Abschied von der großen Bühne. Und die erste, die ihr um den Hals fiel, war die Tschechin Barbora Spotakova, die Olympiasiegerin von Peking, die sich mit 66,42 Metern samt der Russin Maria Abakumowa (66,06 Meter) geschlagen geben musste. Dann war ihr Trainer Helge Zöllkau mit dem Liebkosen an der Reihe. Und während Christina Obergföll, die zweimalige Weltmeisterschaftszweite und Bronzemedaillengewinnerin von Peking, nach 64,34 Metern und Platz fünf mit starrem Blick das bunte Treiben verfolgte, eilte Steffi Nerius nach ihrer Ehrendrunde in Schwarz-Rot-Gold ans Stadionmikrofon zu einer ersten Dankesrede: „Ich bin Weltmeisterin. Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich danke allen Physiotherapeuten, die mich fit gemacht haben, vor allem meinem Trainer.“ Im Trubel ging ein wenig unter, dass sich auch Linda Stahl, die dritte im deutschen Bund, mit Platz sechs (63,23) Platz beachtlich geschlagen hatte.

Meisterschaftswerferin mit beinahe untrüglichem Medailleninstinkt

„Ich bin noch ein bisschen im Schockzustand. Aber das war der schönste Moment meiner Karriere, hier zum Abschluss im eigenen Land die Goldmedaille zu gewinnen“, beschrieb Steffi Nerius später ihre Gefühlslage. Und Maria Abakumowa freute sich mit ihr, auch wenn sie von sich selbst einen Wurf über 70 Meter erwartet hatte. „Aber ich gönne es Steffi von Herzen.“ Es war ein Auftakt, wie ihn sich die Leverkusenerin mit Wurzeln in Rügen gewünscht hatte. 67,30 Meter, gleich im ersten Versuch, so weit ist die 37 Jahre alte Leverkusenerin in diesem Jahr noch nicht gekommen. Bislang stand ihre Bestweite anno 2009 bei 66,82 Metern.

Sie ist halt eine Meisterschaftswerferin mit beinahe untrüglichem Medailleninstinkt. Da hilft die Erfahrung, die Routine, die Gelassenheit des Alters. Sie ist seit 1993 im internationalen Geschäft, hat seit 2003 von jeder WM Bronze mitgebracht, und 2004 aus Athen sogar die olympische Silbermedaille. Vom Europameistertitel 2006 in Göteborg ganz zu schweigen. Sie weiß also, worauf es ankommt und wie man der Konkurrenz den Zahn zieht. So eine kleine Speerspitze im ersten Versuch ist genau die richtige Vorlage, um bei der Konkurrenz Lähmungserscheinungen hervorzurufen. „Ich habe alles in meinen ersten Wurf gelegt“, sagte Steffi Nerius. „Ich wusste, dass die anderen weiter werfen können als ich.“

„Ich bin nicht die beste Speerwerferin, aber ich bin Weltmeisterin“

Grau ist zwar alle Theorie, aber die Damen zeigten auch in der Realität Wirkung. Weder Barbora Spotakova noch Maria Abukomowa, allesamt 70-Meter-Werferinnen, fanden in den Wettbewerb. Dabei hatte die Russin ihrer deutschen Konkurrentin Christina Obergföll zwei Tage zuvor in der Qualifikation mit 68,92 Metern die Führungsposition in der Weltrangliste entrissen. Mit einem einzigen Wurf, was einiges für das Finale erwarten ließ. Doch eine Qualifikation kann trügerisch sein. Das Niveau im Berliner Olympiastadion blieb, im Gegensatz zu Peking, eher mäßig. Wie schon die gesamte Saison. Und Steffi Nerius hatte schon vorher gesagt: „Wenn die Größen da vorne so weiter machen, dann kann ich in Berlin gewinnen.“

Genau so ist es gekommen. Aber Steffi Nerius kann ihren Coup von Berlin sehr gut einordnen. „Ich kann keine 70 Meter werfen, ich bin nicht die beste Speerwerferin, aber ich bin Weltmeisterin.“ Aber es war nach den technischen Problemen und Wehwehchen zuletzt nicht unbedingt zu erwarten, dass sie den 600 Gramm schweren Speer wieder so punktgenau in den Griff kriegen würde. In der Qualifikation hatte das mit 61,73 Metern noch nichts von Souveränität. „Da habe ich zu viel gewollt.“ Aber Steffi Nerius ist vielleicht die Speerwerferin mit der besten, der stabilsten Technik. Sie hat weniger Ausreißer als die Konkurrenz, bewegt sich auf konstant hohem Niveau. Das erspart ihr unnötigen Kraftaufwand und verhindert allzu großen Verschleiß.

Auch wenn Steffi Nerius auf ihrem langen Weg doch massive Probleme mit Schultern und Rücken geplagt haben. Und manchmal hat sie auf die banale Frage, wie es denn geht, erwidert: „Gut - so lange das Schmerzmittel wirkt.“

„Genau der richtige Zeitpunkt, danach aufzuhören“

In ihrer letzten Saison, bevor sie dann im Oktober ihren Fulltime-Job als Trainerin in der Behindertensport-Abteilung von Bayer Leverkusen antritt, wollte sie es noch einmal wissen. Kein Mitleids-Getingel, sondern knallharte Schluss-Offensive. „Ich wollte keinen Halligalli-Abschied“, hat sie gesagt. Aber es waren keine Rückzugsgefechte auf Biegen und Brechen, es war mehr Genuss, die Lust am Speerwerfen. Eine schwer zu beschreibende Mischung aus Lockerheit und Biss.

Und sie hat sich, nachdem Christina Obergföll in den vergangenen Wochen immer mehr die Gewalt über ihren Speer verloren hat, in die vakante Führungsposition geschoben. Jetzt ist sie Weltmeisterin. Und dennoch gibt es kein Zurück. „Das war die beste Saison meines Lebens. Genau der richtige Zeitpunkt, danach aufzuhören.“ Am Dienstagabend hat Steffi Nerius die Kunst des Abschiednehmens auf die (Speer)-Spitze getrieben.

Speerwurf, Frauen

GOLD: Steffi Nerius (Leverkusen) 67,30 Meter
SILBER: Barbora Spotakova (Tschechien) 66,42
BRONZE: Maria Abakumowa (Russland) 66,06
5.: Christina Obergföll (Offenburg) 64,34
6.: Linda Stahl (Leverkusen) 63,23

Quelle: FAZ.NET mit dpa.
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Jahrgang 1956, Sportredakteur.

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