20.08.2009 · Sie ist Sprachrohr für die Opfer des DDR-Dopingsystems: Ines Geipel hält die Debatte mit Eloquenz und bemerkenswerter Energie lebendig. Manchem mag das penetrant erscheinen, Weltmeister Robert Harting wurde Geipel gegenüber gar ausfällig. Doch anders als auf Geipels Art geht es nicht.
Von Jörg HahnIm vergangenen Jahr hat Ines Geipel in ihrem Buch „No Limits“ viele grundsätzliche Fragen aufgeworfen: Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft? Welches Welt- und Menschenbild steht hinter der Praxis von Doping? Welches Denken und welche Kultur befördern den Gebrauch leistungssteigernder Mittel? Frau Geipel macht deutlich, dass das Doping nicht allein ein Problem des Sports ist, sondern eines der modernen Hochleistungsgesellschaft insgesamt – und dass der Sport alleine es nicht lösen kann.
Ines Geipel, inzwischen 49 Jahre alt, war in der DDR Leistungssportlerin. Sie besuchte die Kinder- und Jugendsportschule des SC Motor Jena, war Jugendmeisterin im Weitsprung und gehörte der – wegen des Boykotts nicht zum Zuge gekommenen – Olympia-Auswahl für Los Angeles 1984 in Sprint und Weitsprung an. Schon 1985 wurde sie aus dem DDR-Sport verbannt, aus politischen Gründen. 1989 floh sie über Ungarn in den Westen.
Im Prozess gegen Manfred Ewald und Manfred Höppner, die Männer, die das DDR-Doping („Staatsplanthema 14.25“) steuerten, gehörte sie zu den Nebenklägerinnen. Nach einer langen Kette von Ermittlungen, Prozessen und Strafbefehlen gegen ehemalige Trainer, Ärzte und Funktionäre des DDR-Sports verurteilte das Berliner Landgericht im Jahr 2000 Ewald und Höppner als Hauptverantwortliche des DDR-Doping-Systems wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung – Zeugen berichteten von Leberschäden, Krebs, ihren behinderten Kindern oder von Sucht – zu Haftstrafen auf Bewährung. Auf eine Geldstrafe verzichtete das Gericht bewusst. Das Urteil wurde vom Bundesgerichtshof bestätigt, der das Zwangsdoping als mittelschwere Kriminalität einstufte.
Sternchen statt Namen
Ines Geipel ist, wie insgesamt knapp zweihundert frühere DDR-Spitzensportler, vom Bundesverwaltungsamt als Doping-Opfer anerkannt. Wie viele Athleten in der DDR in das System des Dopings einbezogen waren, ist nie genau erfasst worden. Für die Gruppe Geschädigter ist die Autorin – gegenüber Politik, Sportverbänden, Pharmaindustrie oder Medien – immer wieder Sprachrohr. Frau Geipel, heute als Publizistin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin tätig, lässt die Vergangenheit nicht los; sie arbeitet sie literarisch und journalistisch auf, hält die Debatte mit Eloquenz und bemerkenswerter Energie lebendig.
Manchem mag das penetrant erscheinen, aber anders geht es wohl nicht. 2005 machte sie den Vorstoß, ihren Namen aus der Rekordliste des Deutschen Leichtathletik-Verbandes streichen zu lassen – es ging um den noch immer bestehenden Vereinsweltrekord von 42,20 Sekunden der Staffel des SC Motor Jena. Sie habe ihn schließlich nur durch ihre unfreiwillige Einbindung in das ostdeutsche Zwangsdopingsystem erreicht. Zu einer Grundsatzentscheidung nicht in der Lage, strich der Verband nach langwieriger Diskussion letztlich nur Ines Geipels Namen; neben den Namen Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr steht in der umstrittenen Rekordliste nun: ein Sternchen.