Home
http://www.faz.net/-gak-y4cg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Harting gewinnt Diskus-Gold „Reden ist Blech, werfen ist Gold“

20.08.2009 ·  Zweite Goldmedaille für die deutschen Leichtathleten bei der Weltmeisterschaft in Berlin: Der umstrittene Diskuswerfer Robert Harting übertraf im letzten Versuch den bis dahin führenden Polen Piotr Malachowski. Der Provokateur verteidigt „sein“ Stadion und zieht seine Aussagen so halb zurück.

Von Michael Reinsch, Berlin
Artikel Bilder (13) Lesermeinungen (7)

Nach einem Fehlversuch hatte er sich noch an beiden Ohren gezogen, der böse Bube der deutschen Leichtathletik. Und dann haute Robert Harting wieder ein Ding raus, im sechsten und letzten Versuch. Diesmal war es ein Wurf von 69,43 Meter, keine skandalöse Äußerung - und wieder brach ein Sturm los. Es waren Jubel und Begeisterung, die Harting am Mittwochabend um halb zehn im Berliner Olympiastadion auslöste, denn damit war er Weltmeister.

Nach einem kurzen Sprint durch den Innenraum hielt der 25 Jahre alte Riese aus Berlin inne, um den Wurf des Polen Piotr Malachowski abzuwarten, den letzten Versuch des gesamten Wettbewerbs. Der Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Peking hatte vom ersten Wurf an geführt, erst mit 68,77 Meter, dann mit 69,15 Meter. Beide Weiten hätten zum Sieg gereicht - wenn nicht Harting seine Bestweite um 1,33 Meter gesteigert hätte. Malachowski aber konterte nur mit 67,33 Meter.

Der 2,01 Meter große Harting stürzte zur Osttribüne und zerriss, wie schon beim Gewinn seiner Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft von Osaka vor zwei Jahren, sein Trikot auf der breiten Brust. Mit Schreien und Sprüngen feierte er die Goldmedaille, und sein ganz persönlicher Fanblock schrie und sprang mit. Für gut vierzig Freunde - „die Bösen“ nannte er sie - hatte er schon vor Monaten Karten gekauft.

Und nun dankten sie es ihm, den sie „Shaggy“ nennen, indem sie ihm in T-Shirts mit der Aufschrift „derharting.de“ und mit in die Haare gesteckten Teufelshörnchen den Rücken stärkten. Wenige Meter neben ihnen schrie Trainer Werner Goldmann, der vor 21 Jahren Ulf Timmermann zum Olympiasieger von Seoul im Kugelstoßen gemacht hatte, sein Glück und seinen Triumph hinaus.

Die Entschuldigung klang wie eine halbherzige Distanzierung

Die Kontroverse um Goldmann hat zu einem Eklat geführt, die den Deutschen Leichtathletik-Verband noch sehr beschäftigen wird. Dopingopfer hatten immer wieder gefordert, Goldmann nicht weiterzubeschäftigen. Er hatte in der DDR zumindest einem Jugendlichen - dem Kugelstoßer Gerd Jacobs - Dopingmittel verabreicht. Harting hatte daraufhin am Dienstag kaum verhohlen geäußert, dass er sich wünsche, dass diesen Kritikern sein Diskus ins Gesicht springe. Ines Geipel, ehemalige Sprinterin und Organisatorin von Antidoping-Demonstrationen während der Weltmeisterschaft in Berlin, hatte daraufhin sibyllinisch gesagt, sie wünsche sich, dass Harting Weltmeister werde; die Diskussion werde dann umso länger anhalten.

Im Jubel hatte Harting auch eine Geste für seine Kritiker parat. Per Handbewegung fuhr er sich über den Mund. Nach dem Motto: Ich sage nichts mehr. In einem Interview mit der ARD aber äußerte er sich zum Thema: „Für die Nummer mit den Dopingopfern entschuldige ich mich.“ Dann wurde er undeutlicher und widersprüchlich. Er wisse nicht mehr so genau, was er gesagt habe, und dass es schade wäre, dass das gesagte Wort nicht mehr mit dem gedruckten Wort übereinstimme. Es klang nach einer halbherzigen Distanzierung von seinen Aussagen.

Grimmiger Blick, nervöses Tigern

Dritter wurde mit 66,88 Meter Olympiasieger und Titelverteidiger Gerd Kanter aus Estland, der 28 Wettkämpfe lang ungeschlagen war. Ihn zu besiegen war für Harting eine besondere Befriedigung. „Kanter hat mich bei seinem WM-Tipp auf Platz vier gesetzt“, sagte er vor vierzehn Tagen in Wattenscheid, wo er seine bisherige Jahresbestleistung von 68,10 Meter erzielt hatte. „Das wird ihm noch leid tun.“ Auf Platz vier kam der zweimalige Olympiasieger und Weltmeister Virilius Alekna aus Litauen, der im ersten Versuch 66,36 Meter erreichte und sich nicht verbessern konnte.

Harting hatte im ersten Versuch seine Saison-Bestleistung um 15 Zentimeter auf 68,25 Meter gesteigert - und sein Gesicht zeigte, dass er sich nicht mit Platz zwei zufrieden geben wollte. Mit grimmigem Blick stapfte der Riese aus dem Ring, konsultierte kurz Trainer Goldmann, und tigerte dann nervös durch den Innenraum, wo der Käfig für die Diskuswerfer aufgebaut war. Die zunächst kleinen Gesten, mit denen er das Publikum aufforderte, ihn zu unterstützen, wurden mit jedem Versuch ausladender und dringender, und die Zuschauer halfen, so gut sie konnten.

„Ich hatte Probleme mit der Technik“

Der Diskus flog 68,25, 67,04, 67,80 und 67,80 Meter weit; der vierte Versuch war ungültig. „Ich hatte Probleme mit der Technik, ich wollte es mit reiner Gewalt richten“, sagte Harting nach dem Wettkampf. Vor dem letzten Wurf ging er noch mal zu Trainer Goldmann: „Er gab mir einen kleinen Tipp, ich ging volles Risiko mit dem Wurf, und es klappte.“ Besonders stolz sei er, „dass ich mein Stadion verteidigt habe.“

Werner Gegenbauer, der Präsident von Hertha BSC, der die Weltmeisterschaft nach Berlin holte, wird nun sein Luxusauto für ein Wochenende loswerden. Er hat das 500-PS-Gefährt Harting für den Fall versprochen, dass er 68,50 Meter wirft. Man wird früh genug erfahren, ob der Diskuswerfer auch damit auf Kollisionskurs geht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge