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Franka Dietzsch Werfen, werfen, werfen

18.05.2009 ·  Die dreifache Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch will es mit 41 Jahren noch einmal wissen. Beim Werfercup in Wiesbaden fasste sie neuen Mut.

Von Achim Dreis, Wiesbaden
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Eng geht es zu in Wiesbaden, kein Fluchtweg weit und breit. Nur von einem Flatterband abgetrennt stehen die Zuschauer auf der Segelwiese direkt am Wurf-Sektor. Leichtathletik zum Anfassen ist die Devise. Wenn Neugierige den Kopf zu weit vorstrecken, muss man befürchten, dass sie vom Diskus getroffen werden. Natürlich kann eigentlich nichts passieren, aber Franka Dietzsch fühlt sich dennoch nicht wohl. „Ich finde es etwas beklemmend, wenn alles so eng ist“, sagt die große, alte Dame der deutschen Leichtathletik: „Dann weiß ich nicht, wohin.“

Man sollte meinen, dass sie mit ihren 41 Jahren abgebrüht genug ist, ein kleines Sportfest wie den Werfercup vor rund hundert Zuschauern locker zu absolvieren. Zumal sie hier in Wiesbaden einst ihre persönliche Bestleistung von 69,51 Metern aufgestellt hat. Das war 1999, noch auf der alten Segelwiese, wo vor knapp zwei Jahren das Stadion des damals emporstrebenden und gerade wieder aus der zweiten Liga abgestiegenen Fußballvereins SV Wehen Wiesbaden errichtet wurde.

„Nicht normal ist, dass ich noch dabei bin“

Franka Dietzsch will sich noch längst nicht auf dem absteigenden Ast sehen, auch wenn ihr vergangenes Jahr sehr wechselhaft verlaufen ist, um nicht zu sagen schlecht. Gesundheitliche Probleme von der Achillessehne bis hoch zum Halswirbel haben ihr zu schaffen gemacht. Die Olympischen Spiele von Peking musste sie absagen, und auch in der WM-Saison 2009 lief es noch nicht. „Mir fehlen ein paar Hundert Würfe“, klagte die dreifache Weltmeisterin, und das, obwohl sie gerade aus dem Trainingslager in Portugal zurück kommt. Doch dort hat sie hauptsächlich Krafttraining gemacht.

Dieter Kollark, Dietzschs langjähriger Trainer, steht beim Einwerfen als einziger Mensch weit und breit am anderen Ende des Wurfsektors. Er trägt graue Hosen, graue Jacke und quittiert die Probewürfe mit säuerlicher Miene. „Die Stimmung ist nicht so gut zur Zeit“, sagt er: „Und die Form ist bedenklich.“ Wenn Wettkampf in Wiesbaden sieht er als Herausforderung an: „Ich hoffe, sie schafft wenigstens 60 Meter.“

Experiment zehnte WM-Teilnahme

Kollark sammelt den Diskus auf der Wiese ein und trägt ihn wie einen Kuchenteller zurück zu seinem Schützling, garniert mit einigen anweisenden Worten. Franka Dietzsch reiht sich mit den sieben anderen Teilnehmerinnen in der Warteschlange ein, sie wirkt nervöser als der Rest. Die Konkurrentinnen sind Jahrgang 1982 bis 1986. Dietzsch 1968. „Ist doch normal, dass die jungen Mädchen hier angreifen“, sagt sie. Und nach einer Pause: „Nicht normal ist, dass ich noch dabei bin.“

Warum sie es dann noch macht? Im vergangenen Frühjahr habe sie den Eindruck gehabt, nur sie könne Olympiasiegerin werden, so gut fühlte sie sich. Dann kamen die Verletzungen und Krankheiten. Jetzt will sie es sich und der Welt einfach noch mal beweisen. Die Neubrandenburgerin nimmt bei der WM 2009 keiner Nachwuchsathletin einen Platz weg, als Titelverteidigerin hat sie eine Wild-Card für Berlin. Es wäre ihre zehnte WM-Teilnahme. Trainer Kollark spricht von einem Experiment: „In dem Alter hat das noch niemand geschafft, bei einer WM dabei zu sein.“ Geschweige denn, eine Medaille zu gewinnen.

Die Enge der Anlage stört nicht mehr

Der erste Wurf in Wiesbaden verheißt nicht Gutes: 56,98 Meter. Franka Dietzsch im blauen Dress mit knielanger Hose versucht sich zu entspannen, doch fünf Meter neben dem Ring stehen die Zuschauer, machen Fotos, bitten um Autogramme. Der zweite Versuch landet mit einem vernehmlichen Scheppern rechts oben im Käfiggestänge: „Sch...“ entfährt es ihr. Dieter Kollark wirkt noch etwas grauer. Das Spritzige fehlt. Den dritten Durchgang gestaltet die Altmeisterin dann etwas dynamischer. Und siehe: die Scheibe fliegt wieder. 61,49 Meter. Das wäre sogar fast die B-Norm (61,50). Lächelnd spaziert Dietzsch nun durch die Reihen. Die Enge der Anlage stört nicht mehr.

Später lässt sie noch eine 61,37 folgen und ärgert sich nicht mal, dass die junge Nadine Müller ihr den Sieg stiehlt: Mit guten 63,46 Metern erfüllt die 23-Jährige sogar die WM-Norm. Die 1,93 Meter große blonde Erscheinung aus Halle führt ein kleines Jubeltänzchen auf. Franka Dietzsch gratuliert ihr herzlich und lächelt wieder: „Das war doch besser als gedacht.“ In dieser knappen dreiviertel Stunde Wettkampf in Wiesbaden hat sie neuen Mut gefasst: „Bis zur WM kann noch viel passieren. Jetzt heißt es werfen, werfen, werfen.“

Sie laufen, werfen, gehen, springen und haben dabei nur ein Ziel: Die Leichtathletik-WM vom 15. bis 23. August in Berlin. FAZ.NET begleitet die Topathleten auf ihrem Weg zu dem Sportereignis des Jahres: „Berlin, Berlin“ - Der Countdown zur Leichtathletik-WM 2009. Noch 13 Wochen.

Quelle: FAZ.NET
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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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