18.08.2009 · Die große Favoritin Jelena Isinbajewa ist bei der Leichtathletik-WM im Stabhochspringen sensationell gescheitert. Die Olympiasiegerin und Titelverteidigerin war erst bei 4,75 Meter eingestiegen - und blieb ohne gültigen Versuch.
Von Claus Dieterle, BerlinDie Diva des Stabhochsprungs als Häuflein Elend auf der Matte kauernd, die Hände vors Gesicht geschlagen - wann hat man dieses Bild bei einem Großereignis zuletzt gesehen? Und doch musste Jelena Isinbajewa am Montagabend im Olympiastadion der bitteren Wahrheit nach Sekunden der Schockstarre ins Auge sehen. Eine der sichersten Titelkandidatinnen dieser WM hatte sich die Höchststrafe eingehandelt: Salto nullo. An der Anfangshöhe gescheitert, kein einziger gültiger Versuch - das ist fast so unfassbar wie die 9,58 Sekunden von Usain Bolt tags zuvor im 100-Meter-Finale. Aber genauso wahr.
Das war der Augenblick, auf den Anna Rogowska im Stillen wohl insgeheim gehofft hatte. Die Polin war die einzige, die an diesem Abend 4,75 Meter meisterte, vor ihrer Landsfrau Monika Pyrek und der Amerikanerin Chelsea Johnson, die beide mit 4,65 Meter höhen- und fehlversuchsgleich Silber gewannen. Silke Spiegelburg aus Leverkusen blieb nur Rang vier.
Ungewohnt schwerfällig
Aber was war los mit Jelena Isinbajewa? Die Frage nach der Siegerin war doch schon vorher geklärt, oder? Hat jemand im Ernst geglaubt, dass Jelena Isinbajewa das Zepter in Berlin aus der Hand geben würde? Nur weil sie in diesem Jahr nicht ganz so hoch droben thront in den Wolken der Stabhochsprung-Welt. Aber es war doch am Ende bislang immer so: Wenn die 27 Jahre alte Russin sich für ihren ersten Versuch bereitmachte, war für das Gros der Konkurrenz das Ende der Fahnenstange längst erreicht. Auch am Montagabend hockte sie, ihre weiße Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen, scheinbar völlig unbeteiligt am Rand der Anlage. So wie immer, wenn sie auf ihren Auftritt wartet.
Bei 4,75 Meter, als das Zwölfer-Feld auf vier Konkurrentinnen ausgedünnt war, nahm sie zum ersten Mal Anlauf - und scheiterte schon auf halber Höhe. Aber Jelena Isinbajewa hat schon oft genug in ihrer Karriere gepokert, hat Krisen gemeistert. Also hob sie sich Versuch Nummer zwei für 4,80 Meter auf. Aber es wirkte ungewohnt schwerfällig, wie sie sich in die Höhe wand - die Latte fiel abermals. Die Luft für die hohe Favoritin wurde dünner. Und in der Not zog es sie hinüber in die Kurve, dort wo ihr Trainer Witali Petrow hinter der Bande saß, zu einer kleinen Krisensitzung. Verschwand anschließend unter ihrer Decke, um sich noch einmal zu sammeln. Und lief wieder an: direkt in eine der größten Überraschungen dieser WM hinein.
Die Chinesen wollen nur Sieger
Die Frau, die 26 Weltrekorde aufgestellt hat und mit ihren 5,05 Metern normalerweise weit über dem Rest thront, hatte sich zum ersten Mal seit August 2006 wieder einen richtigen Faux-pas geleistet. Aber damals, das war nur ein Sportfest. Und es war auch nur ein Super-Grand-Prix-Meeting, bei dem die Olympiasiegerin und ehemalige Weltmeisterin vor drei Wochen schon eine Niederlage einstecken musste. Gegen eben diese Anna Rogowska. Aber diese kleine Warnung hat man beiseite gewischt, weil jeder geglaubt hat, dass sich die einsame Klasse der Russin im Ernstfall durchsetzen würde. Von der war in Berlin allerdings nichts zu sehen.
Das wird Li Ning nicht sonderlich gefallen. Dem Mann, mit dem sie im Januar den angeblich höchstdotierten Vertrag in der Leichtathletik-Branche abgeschlossen hat. 7,5 Millionen Dollar Garantiesumme für fünf Jahre, Prämien nicht eingeschlossen. Dafür muss sie das expandierende chinesische Sportartikel-Unternehmen schließlich auf höchstem Niveau repräsentieren. Und die Chinesen, das hat ihr schwedischer Manager Daniel Wessfeldt betont, wollen nichts als Sieger.
„Ich bin völlig ratlos“
Eine Erklärung für ihren kraftlosen Auftritt - keine Geschwindigkeit, kein Armzug, keine Katapultwirkung - hatte die 27 Jahre alte Russin mit Wohnsitz Monte Carlo nicht. „Ich habe keine Ahnung was los war, ich habe mich körperlich gut gefühlt. Ich bin völlig ratlos“, sagte sie, und wischte sich die verräterisch glänzenden Augen. Und nahm es einstweilen als Wink. „Vielleicht wollte mir Gott etwas sagen. Ich weiß nur noch nicht, was.“ Sogar die Konkurrenz zeigte Mitleid. „Ich kann mit ihr mitfühlen“, sagte Silke Spiegelburg, „damit hätte ich nie gerechnet. Das ist eine kleine Sensation.“
Sie selbst hat eine verpasst. 4,65 Meter reichten nicht, weil sie zwei Fehlversuche zuviel hatte. Und eine Stufe höher dreimal scheiterte. „Der erste Sprung über 4,75 war gigantisch, so hoch bin ich noch nie gesprungen, und dann scheitere ich an den Ständereinstellungen.“ Ihre Mannschaftskollegin Kristina Gadschiew blieb schon bei 4,40 Meter hängen, Anna Battke, zuletzt mit einer Trilogie von Salto-nullo-Wettkämpfen auffällig geworden, brachte auch nicht mehr zustande - und war ratlos. „Ich bin im Training vor zwei Wochen 4,70 Meter und 4,80 gesprungen, ich war cool drauf und dachte: Heute ist dein Tag.“ Und dann das: „Ich habe keine Ahnung, was passiert ist.“ Das hat sie mit Jelena Isinbajewa gemeinsam.