04.07.2009 · Seit Sebastian Bayer mit 8,71 Metern in der Halle Europameister im Weitsprung geworden war, hatte er mit Verletzungen, Krankheiten und der Macht der Schwerkraft zu kämpfen. Bei den deutschen Meisterschaften in Ulm war plötzlich alles anders - dank Freundin Carolin Nytra.
Von Michael Reinsch, UlmMitleid ist nicht angebracht für Spitzensportler. Seit fast fünf Monaten war Sebastian Bayer nicht mehr richtig vom Boden weggekommen. Seit er mit 8,71 Metern in der Halle von Turin Europameister im Weitsprung geworden war (siehe: Leichathletik-Kommentar: Der Riesensatz von Turin), hatte er mit Verletzungen, Krankheiten und der Macht der Schwerkraft zu kämpfen siehe auch: Doping im Selbstversuch). 8,02 Meter betrug seine Bestleistung der Saison; zuletzt erreichte er im Wettkampf nicht einmal mehr acht Meter (siehe: Weitspringer Dwight Phillips: „Ich hoffe, mein Lucky Jump kommt noch“). Erst als seine Freundin Carolin Nytra ihm bei den deutschen Meisterschaften am Samstag in Ulm mit einer Klasseleistung im Hürdensprint – 12,78 Sekunden – die Schau zu stehlen drohte, hob er wieder einmal richtig ab. Und flog 8,49 Meter weit.
Spitzensportler wollen herausgefordert werden. Gerade Bayer ist immer präsent, wenn es gilt; ein typischer Meisterschaftsspringer eben. Er eröffnete die Titelkämpfe am Samstagnachmittag mit einem Sprung auf 8,14 Meter. Damit hätte er den Wettbewerb von Ulm bereits gewonnen (Nils Winter kam als Zweiter auf 8,04 Meter), doch ein Zentimeter fehlte Bayer zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Berlin. Zwei Versuche ließ der 22-Jährige daraufhin aus. Im vierten Versuch sprang er glatte acht Meter.
Dann trat die Herausforderung in Person der Hürdensprinterin Carolin Nytra auf die Bahn. Vor drei Jahren wurden der aus Aachen stammende Bayer und die Bremerin, die sich aus der Junioren-Nationalmannschaft kannten, ein Paar. Im vergangenen Jahr, als er seine kaufmännische Ausbildung bei Bayer Leverkusen abgeschlossen hatte, zog er zu ihr nach Bremen. Und nun flog sie unter seinen Augen ihrer dritten deutschen Meisterschaft in Folge entgegen. Sie erreichte sie, so strahlend wie die Sonne über dem Donaustadion, in 12,78 Sekunden. Damit war sie für die Weltmeisterschaft qualifiziert. „Als ich auf die Bahn kam, dachte ich: Was macht er?“, erzählte sie hinterher. „Er guckte. Da habe ich kurz gedacht: Seine zwei Versuche reichen nicht für Berlin.“ Doch dann konzentrierte sie sich auf die hundert Meter und die zehn Hürden, die vor ihr lagen.
„Caro hat mir zwanzig Zentimeter gebracht“
So schnell wie sie war noch niemand bei Titelkämpfen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gelaufen (siehe auch: Leichtathletik kompakt: der erste Tag der Deutschen Meisterschaft). Und während Carolin Nytra jubelte, sich eine deutsche Flagge reichen ließ und auf die Ehrenrunde ging, blickte sie wieder zu ihrem Freund und Lebensgefährten. Der hatte mit seinem fünften Versuch gewartet, bis sie im Ziel war. Nun war es an ihm, dafür zu sorgen, dass die beiden wie schon zu den Olympischen Spielen von Peking auch gemeinsam zur Weltmeisterschaft nach Berlin fahren würden. „Ich wusste, dass er sich von mir keinen Meisterschaftsrekord vormachen lassen würde“, sagte die 24-Jährige. „8,38 Meter waren die Benchmark.“ Der kurze Blickkontakt und die gemeinsame Freude spornten ihn zu einem neuen Höhenflug an. „Caro hat mir zwanzig Zentimeter gebracht“, verriet Bayer hinterher.
Die reizende Liaison von Bremen
Mit dem Satz von Ulm hat Bayer bestätigt, dass er ein Springer von Weltklasse ist. In Berlin kann er, der in Peking noch in der Qualifikation ausschied, womöglich eine Medaille holen – wenn er zu so einer Leistung wie von Ulm herausgefordert wird. „Ich freue mich sehr auf die WM“, sagte er. „Ich hoffe, dass dort die Leichtathletik aus dem Schatten heraustritt.“ Eine Medaille, so prognostiziert er, werde es schon für 8,40 Meter geben. Die Freundin dagegen nimmt sich vor, im Sog „der schwarzen Miezekatzen“, wie sie die überragende Konkurrenz aus Übersee nennt, bis ins Halbfinale zu stürmen. „Das Publikum soll mich so oft wie möglich sehen.“
Carolin Nytra und Sebastian Bayer, das Traumpaar der deutschen Leichtathletik, bescheren ihrer Sportart Glanz und Glamour. „Das ist die beste Werbung für die Weltmeisterschaft, was die beiden gerade gemacht haben“, freute sich DLV-Präsident Clemens Prokop. Er meinte nicht nur die hervorragenden Ergebnisse, die ihre Power-Romanze hervorgebracht hat. Er meinte auch das schöne Bild, das die beiden siegreichen Athleten abgaben, als sie mit der Flagge aus der Ehrenrunde zurückkehrte und er sie am Ausgang der Kurve glücklich erwartete. Die beiden fielen sich in die Arme, küssten und herzten sich. Hätte eine Werbeagentur eine Szene fürs Herz, zur Verbesserung des Images dieser Sportart ausdenken sollen, sie hätte auf nichts Besseres kommen können als die reizende Liaison von Bremen.